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Jobmarkt

Flüchtlinge sind vom Arbeitsmarkt nicht wegzudenken

von Leopold Stefan / 02.06.2016

Seitdem die Balkanroute für Flüchtlinge geschlossen wurde, hat sich die Zahl der Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, deutlich reduziert. Auf dem Arbeitsmarkt kommen die über 100.000 Asylwerber, die seit Anfang 2015 eingetroffen sind, erst stark verzögert an. Zur derzeitigen Rekordarbeitslosigkeit tragen somit viele der Neuankömmlinge noch gar nicht bei. Bisherige Erfahrungen zeigen: Die Integration der Flüchtlinge ist eine Aufgabe für Herkules, aber keineswegs für Sisyphos.

Im Mai waren 24.461 Asylberechtigte beim AMS gemeldet. Das sind etwa 1.500 mehr als im Vormonat und rund 8.000 mehr als im Mai des Vorjahres. Das entspricht der Größenordnung nach knapp dem absoluten Anstieg der Arbeitslosen von knapp 10.000 Personen im Jahresvergleich.

Dieser Anstieg ist nur ein Vorbote, da die Prüfung von Asylanträgen über ein halbes Jahr dauert. Wie viele Menschen tatsächlich auf den Arbeitsmarkt kommen, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine grobe Schätzung ist jedoch trotzdem möglich.

Insgesamt gingen 2015 etwa die Hälfte der Entscheidungen über eine Aufenthaltsgenehmigung positiv aus. Zwischen November und Februar stellten monatlich im Schnitt rund 6.000 Erwachsene einen Asylantrag, die Mehrheit davon Männer. Auch wenn ein gewisser Anteil an älteren Personen und vorwiegend Frauen mit Betreuungspflichten nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, deutet dieses Potenzial darauf hin, dass in den kommenden Monaten die Zahl der arbeitslosen Asylwerber weiter steigen wird. Ein wesentlicher Indikator ist auch, dass das AMS für das laufende Jahr bereits 22.500 Deutschkursplätze eingeplant hat.

Solche statistischen Überlegungen übertünchen jedoch die Tatsache, dass die meisten Flüchtlinge zum Zeitpunkt ihrer Anmeldung beim AMS bereits langzeitarbeitslos sind, auch wenn sie nicht so eingestuft werden. Die zu erwartenden Meldungen von immer mehr arbeitslosen Asylwerbern sollten in diesem Sinne nicht überschätzt werden – es handelt sich um eine statistische Neudefinition von Menschen, die schon länger auf einen Arbeitsplatz hoffen.

Schleppende Integration

Bis zum positiven Aufenthaltsbescheid dürfen Asylwerber nur als Saisonniers oder in freien Berufen, unter anderem in der Prostitution, arbeiten. Somit sind Asylwerber nicht nur de facto vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, sondern auch von den Dienstleistungen des AMS. Dabei geht wertvolle Zeit verloren.

Das deutsche Institut für Arbeit und Wirtschaft geht in einer Analyse aus dem Jahr 2015 davon aus, dass die Hälfte der Flüchtlinge innerhalb von fünf Jahren eine Beschäftigung hat. Auch das AMS bezieht sich auf diese Ergebnisse.

Die internationale Erfahrung spiegelt sich auch im bisherigen Integrationserfolg wider: Im Vorjahr fanden rund 4.800 anerkannte Flüchtlinge einen Job in Österreich. Seit Jahresbeginn vermittelte das AMS weitere 2.470 Personen.

Durch sofortige Qualifikationsmaßnahmen, allen voran Sprachkurse, wie sie zum Teil von Privaten und NGOs organisiert werden, hätten Asylwerber zum Zeitpunkt ihres offiziellen Eintritts in den Arbeitsmarkt bereits eine bessere Chance, einen Job zu finden.

Fast jede erfolgreiche Arbeitssuche braucht aber Zeit. Flüchtlinge, die im August und September nach Österreich gekommen sind, nehmen erst jetzt an Kompetenzchecks teil, falls ihre Qualifikation geklärt werden muss. 13.000 dieser Überprüfungen sind für das laufende Jahr geplant.

Rund zwei Drittel der in diesem Monat beim AMS neu registrierten Flüchtlinge hatten nur eine Pflichtschulausbildung. Für die meisten Asylberechtigten kommen somit nur Jobs im Niedriglohnsektor in Frage.

Bereits im Vorjahr wurde beinahe jeder vierte vom AMS vermittelte Asylberechtigte als Leiharbeiter eingesetzt. Ein weiteres Fünftel fand im Tourismus eine Arbeitsstelle, sechs Prozent wurden im Bauwesen und rund fünf Prozent jeweils im Einzelhandel und im Reinigungsgewerbe angestellt.

Rund ein Viertel der anerkannten Flüchtlinge ist jedoch unter den eigentlichen Qualifikationen angestellt, weil eine entsprechende Anerkennung  von ausländischen Bildungsabschlüssen und Berufsqualifikationen behördlich nicht durchgeführt werden kann. Am Mittwoch hat daher der Außenpolitische Ausschuss im Parlament ein Gesetz verabschiedet, dass die Anerkennung von Qualifikationen für Asylberechtigte künftig erleichtern soll.

Solche Maßnahmen können jedoch die Jobvermittlung nur bedingt beschleunigen, da auch mit bescheinigter Kompetenz und anerkanntem Abschluss ein Mindestmaß an Deutschkenntnissen notwendig ist, um einer geregelten Arbeit nachzugehen.

Keine Frage der Konkurrenz

Das Sozialministerium hat unter Zustimmung der Sozialpartner diese Woche die Bedingungen verschärft, zu denen ausländische Saisonarbeiter angestellt werden dürfen. Ziel ist, Asylwerbern einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die Maßnahme stieß jedoch auf heftige Proteste in der Tourismusbranche, die ohnehin nicht genug geeignete Arbeitskräfte findet.

Statt künstlich einen Teil der Konkurrenz – darunter altbewährte Arbeitnehmer – bei der Saisonarbeit auszuschalten, sollte Asylwerbern der Zugang zum gesamten Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Die Hürden auf der Jobsuche sind nicht ein hoher Wettbewerb, sondern individuelle Qualifikationen.

Immerhin gaben sechs Prozent der heimischen Unternehmen an, bereits Flüchtlinge zu beschäftigen, wie eine Umfrage unter 500 Firmen mit über 20 Mitarbeitern von Makam Research im Auftrag der Plattform für berufsbezogene Erwachsenenbildung (PbEB) ergeben hat. Weitere acht Prozent seien bereit künftig Flüchtlinge anzustellen, wenn sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, integrationswillig und fachlich kompetent sind.

Auch bei den Lehrstellen ist die Nachfrage nach qualifizierten Jugendlichen weiter gestiegen. Allein im Mai wurden rund zehn Prozent neue Lehrstellen gemeldet – insgesamt sind rund 3.200 offen. Ähnlich wie bei der Entwicklung der Arbeitslosigkeit gibt es ein Ost-West-Gefälle in Österreich bei den Chancen für Lehrlinge.

Laut WKO kommen zum Beispiel in Tirol auf 100 offene Lehrstellen für Restaurantfachmänner nur sieben Suchende. Im April waren über 6.000 der beim AMS gemeldeten Flüchtlinge unter 25 – zwei Drittel davon waren in Wien.

Das AMS versucht daher in einem Pilotprojekt gezielt Flüchtlinge mit geeigneten Voraussetzungen aus der Bundeshauptstadt in jene Regionen zu vermitteln, die Lehrlinge suchen. Eine entsprechende Aufteilung könnte man bereits bei der Übersiedlung von anerkannten Flüchtlingen nach der Grundversorgung berücksichtigen. Voraussetzung wäre allerdings ein baldiger Eignungstest im Vorfeld.

Zeit ist Arbeitslosengeld

Die Angst, dass Asylwerber die Konkurrenz am Arbeitsmarkt erhöhen, sollte nicht dazu führen, sie so lange wie möglich aus dem Integrationsprozess draußen zu halten. Immerhin ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid auf Stellensuche gehen. Je mehr Monate Menschen ohne Arbeit verbracht haben, desto länger brauchen sie, um eine Stelle zu finden. Für das Sozialsystem bedeutet dieses Warten insgesamt höhere Kosten.

Die Zeit, in der Asylwerber auf eine Entscheidung warten, könnte zumindest für jene mit einer guten Chance auf ein Bleiberecht genutzt werden, um Deutsch zu lernen, Qualifikationen zu prüfen und mögliche Stellen in ganz Österreich ausfindig zu machen.

Unter Inländern ist die Arbeitslosigkeit im Mai wieder leicht gesunken. Durch die Flüchtlingskrise wird die Zahl der ausländischen Arbeitssuchenden hingegen noch eine Weile ansteigen. Asylberechtigte sind daher vom Arbeitsmarkt nicht wegzudenken. Statistische Verzögerungstaktiken helfen also niemandem – vor allem nicht bei der Herkulesaufgabe Integration.