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Helikoptergeld

Flugwetter für Geldpolitiker

Meinung / von Thomas Fuster / 01.04.2016

Geld aus Helikoptern zu werfen, ist eine schlechte Idee. Dennoch findet das Konzept wachsende Unterstützung. Würden die Bürger bei einem solchen Experiment überhaupt mitspielen?

Das Tabu von gestern ist die Normalität von heute. Diesem Leitspruch folgt die geldpolitische Debatte nun schon seit geraumer Zeit. Die jüngste Phantasterei, über die zusehends prominenter diskutiert wird, ist die Idee von Helikoptergeld. Zwar hat bisher noch keine Notenbank zu dieser extremen Form monetärer Lockerung gegriffen. Doch nachdem Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), die Idee unlängst als ein „sehr interessantes Konzept“ bezeichnet hatte, ist mancher Beobachter hellhörig geworden. Bald neun Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise, in deren Verlauf bereits über 600 Zinssenkungen und Kaufprogramme im Umfang von rund 12 Billionen Dollar stattfanden, stellt selbst die Vorstellung, Geld vom Himmel regnen zu lassen, keine Unverfrorenheit mehr dar.

Umgehung der Banken

Der Begriff des Helikoptergeldes geht zurück auf den liberalen Ökonomen Milton Friedman. Seine Überzeugung, dass es sich bei Inflation immer und überall um ein monetäres Phänomen handelt, veranschaulichte er 1969 mit einer Metapher: Wenn ein Helikopter Geld abwerfe, werde dieses von der Bevölkerung aufgelesen und ausgegeben, wodurch die Wirtschaft ebenso stimuliert werde wie die Inflation. Dieses akademische Gedankenspiel machte Friedman zwar nicht zu einem Befürworter solcher Geldgeschenke. Dennoch nahmen diverse Ökonomen das Konzept einer derartigen Verschmelzung von Geld- und Fiskalpolitik auf und entwickelten es weiter. Zu ihnen gehörte auch Ben Bernanke, der frühere Chef der amerikanischen Notenbank.

Es gibt verschiedene Ausgestaltungen von Helikoptergeld. Dabei bleibt es stets das Ziel, Finanzspritzen direkt Unternehmen und Privathaushalten zu verabreichen, also den traditionellen Bankensektor zu umgehen. Geschehen kann dies, indem die Währungshüter das frisch gedruckte Geld ohne Umweg dem Privatsektor zukommen lassen, etwa über private Konten bei der Zentralbank. Alternativ dazu ist aber auch die Zwischenschaltung des Finanzministeriums denkbar. Das neue Geld käme in diesem Fall zunächst dem Staat zugute, der in der Folge seine Ausgaben steigern oder Steuern senken würde. Die Zentralbank würde also eine fiskalische Expansion finanzieren, und der Privatsektor käme indirekt in den Genuss des Geldregens.

Die von Bernanke im Jahr 2002 in die Debatte geworfene Interpretation von Helikoptergeld entspricht der zweitgenannten Lesart. Als der nachmalige Fed-Chef die Idee aufgriff, tat er dies im Kontext möglicher Maßnahmen gegen die Deflation. Dabei erwähnte Bernanke auch die Option einer durch die Zentralbank finanzierten Steuersenkung. Demnach würde der Staat kurzfristige Schuldpapiere an die Zentralbank emittieren und im Gegenzug frisches Geld erhalten, das dann über einen Steuernachlass an die Bürger weitergereicht würde. Damit diese leicht alchemistisch anmutende Übung die Konjunktur stimuliert, müssten die Bürger das vom Staat erhaltene Geld aber auch tatsächlich wieder ausgeben – und nicht vollumfänglich auf die Seite legen.

Machen die Bürger mit?

Ob die Bürger mitspielen und das Geld ausgeben würden, ist unter Ökonomen umstritten. Skeptiker verweisen auf die „Ricardianische Äquivalenz“. Der Begriff tönt kompliziert, sein Inhalt ist aber trivial: Er besagt, dass eine Steuersenkung unter gewissen Umständen die Konjunktur nicht anzuregen vermag. Und zwar dann, wenn Bürger zukunftsorientiert denken und erwarten, dass ein heute erhaltenes Steuergeschenk morgen zu einer höheren Steuerlast führt. Schließlich, so die Logik dahinter, muss ja irgendjemand irgendwann für das vermeintliche Geschenk bezahlen, und dieser Irgendjemand ist in aller Regel der Steuerzahler. Wenn die meisten Konsumenten so denken, wird das monetäre Manna nicht verspeist, sondern für die künftige Steuererhöhung gespart.

Die Wirkung von Helikoptergeld steht und fällt mit dem Äquivalenztheorem. Entsprechend zentral ist die Frage, ob das Theorem durch Erfahrungen in der realen Welt bestätigt wird. Viel empirisches Material existiert zwar nicht. Einen Hinweis auf eine Antwort liefern aber Studien zur Reaktion amerikanischer Haushalte auf einen 2008 von Präsident George W. Bush verfügten Steuernachlass. Im Rahmen einer von der University of Michigan durchgeführten Umfrage erklärte damals nur ein Fünftel der Befragten, den Rabatt für höhere Ausgaben verwendet zu haben. Über die Hälfte trugen mit dem Geld demgegenüber ihre Schulden ab. Der konjunkturstimulierende Effekt pro Dollar blieb also klein, wobei jene, die ihr Geld ausgaben, dies zu 80 Prozent sehr rasch taten, nämlich innerhalb von drei Monaten.

Wie viel von einem „Geldgeschenk“ für Güter und Dienstleistungen ausgegeben wird, hängt von der Glaubwürdigkeit des Transfers ab. Um diese Glaubwürdigkeit zu stärken, fordern viele Verfechter von Helikoptergeld, die Lockerung dürfe nicht als eine rein temporäre Maßnahme erscheinen, sondern müsse als permanent wahrgenommen werden. Nur dann sei Helikoptergeld erfolgreich und erhöhe die Inflationserwartungen. Anders formuliert: Die Regierung und die mit ihr verflochtene Zentralbank müssen fiskal- und geldpolitisch möglichst unverantwortlich auftreten, damit die Übung den erhofften Effekt bringt. Denn eine stete Wiederholung monetärer Transfers würde zweifellos die Furcht vor einer (Hyper-)Inflation befeuern – und somit auch die Konsumausgaben.

Außerhalb des Mandats

Auf der Strecke bliebe bei einem solchen Experiment nicht nur die Unabhängigkeit der Zentralbank, die im Dienst der Regierung vor allem staatliche Finanzpolitik betreiben würde. Ruiniert würde auch deren Bilanz. So stünden der stetig wachsenden Passivseite vergleichsweise immer weniger Vermögenswerte auf der Aktivseite gegenüber. Von Verfechtern des Helikoptergeldes wird dieser Aspekt bagatellisiert. Sie betonen, dass eine Zentralbank auch mit negativem Eigenkapital funktionsfähig bleibt. Die Aussicht auf eine de facto insolvente Währungsbehörde, die ihr geldpolitisches Territorium hinter sich lässt und damit vielerorts – insbesondere im Euro-Raum – gegen ihr Mandat verstoßen würde, ist aber kaum geeignet, das Vertrauen in einen Aufschwung zu stärken.

Helikoptergeld sei eine Bankrotterklärung der Geldpolitik, meinte unlängst der frühere EZB-Chefökonom Otmar Issing in einem Interview. Eine Notenbank, die Geld verschenke, werde kaum mehr die Kontrolle über die Notenpresse zurückerlangen können. In der Tat sägen die Verfechter von Helikoptergeld an jenem Ast, auf dem sie sitzen. Damit ihre Maßnahme glaubwürdig wäre und eine stimulierende Wirkung hätte, müsste sie ohne erkennbares Ende stattfinden. Das würde zwar die Inflation anheizen. Eine permanente Monetarisierung von Staatsschulden würde aber zugleich jedes Vertrauen in die Wertstabilität des Geldes zerstören. Und Geld, das kein Vertrauen mehr genießt, ist wert- und wirkungslos – selbst wenn es vom Himmel fällt.