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Förderkürzung der Opec: Der Ölscheich ohne Kleider

Meinung / von Gerald Hosp / 29.09.2016

Die Opec hat überraschend eine Kürzung der Erdölproduktion angekündigt, um dem Ölpreis Auftrieb zu verleihen. Hinter der Schlagzeile verbergen sich grosse Hürden.

In ihrer mehr als 50-jährigen Geschichte ist die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) abwechselnd für tot oder für das mächtigste Produzentenkartell der Welt erklärt worden. Erste Reaktionen auf die jüngste Entscheidung der Opec in Algerien hangelten sich an diesen erprobten Deutungsmustern entlang. Auf alle Fälle hat die Organisation, die von Saudiarabien dominiert wird, am Mittwochabend überrascht. Die meisten Beobachter gingen von einer weiterhin uneinigen Opec aus und erwarteten, wenn überhaupt, eine Annäherung der Positionen am nächsten ordentlichen Opec-Treffen im November in Wien. Dennoch lagen manche auf der Lauer. Ein Erdölexperte der Bank Standard Chartered drückte dies an einer Veranstaltung in London am Vortag des Entscheids so aus: „Die Opec hat immer das Zeug dazu, etwas Aussergewöhnliches zu tun.“

Fragezeichen zuhauf

Nach rund zwei Jahren, in denen der Erdölpreis um mehr als die Hälfte gefallen ist und die Einnahmen der Petro-Staaten und Erdölunternehmen bis und über die Schmerzgrenze zurückgegangen sind, hat die Opec und vor allem Saudiarabien genug von der eigenen Strategie, die Marktkräfte walten zu lassen, um Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Trotz niedrigen Preisen und dem Rückgang der Förderung der amerikanischen Schieferölproduzenten herrscht immer noch eine Rohölschwemme vor. Länder, die zu niedrigen Kosten fördern können, verteidigen ihre Marktanteile und gleichen fallende Preise durch höhere Mengen aus.

Mit dem Entscheid in Algerien versucht die Opec, das Heft wieder in die Hand zu bekommen. Es ist seit rund acht Jahren ihre erste koordinierte Aktion, um die Produktion zu kürzen. Die Schlagzeilen über die Einigung trieben den Erdölpreis der Nordseesorte Brent am Mittwoch auf mehr als 48 Dollar je Fass, eine Steigerung von gut sechs Prozent. Am Donnerstag ging der Preis bereits zurück – ein Zeichen dafür, dass die Einigung nicht in Stein gemeisselt ist und es für die Opec noch grosse Hürden zu überwinden gibt.

Die Mitgliedländer wollen die Förderung auf eine Menge von 32,5 Millionen bis 33 Millionen Fass beschränken. Es ist ungewöhnlich, dass eine Bandbreite angegeben wird. Zudem ist der Zeitplan unklar. Im November, am nächsten Treffen, will die Opec darlegen, welches Land um wie viel kürzen muss. Bereits heisst es, dass Iran, Libyen und Nigeria ohnehin davon ausgenommen sein werden. Widerstand kam auch vom Irak. Wie die Fördergrenze durchgesetzt werden soll, ist die uralte Frage innerhalb des Förderkartells. Die Opec hat diesbezüglich nicht die besten Erfahrungen.

Abgesehen davon scheint die angestrebte Kürzung wenig ambitiös. Die Opec, die rund 40 Prozent des weltweiten Erdölangebots (inklusive Kondensaten) stellt, förderte im August laut Zahlen, auf die sich die Organisation selbst beruft, 33,24 Millionen Fass Rohöl. Wenn der untere Rand des Zielbands diszipliniert angestrebt wird, könnte möglicherweise der gewünschte Effekt erzielt werden.

Ein weiteres Fragezeichen ist die Reaktion der anderen Ölländer ausserhalb der Opec, vor allem von Russland. Nachdem die Organisation quasi eine Vorleistung erbracht hat, will sie mit einigen dieser Länder um eine Kooperation verhandeln. Damit könnte die Opec den schwarzen Peter an Moskau weiterreichen, wenn Russland nicht kooperieren will. Moskau hat aber schon vorgesorgt und in letzter Zeit offenbar postsowjetische Förderrekorde hingelegt. Von dieser Höhe aus lässt sich mit der Opec leichter über eine Einschränkung der Produktion reden.

„Die Opec hat immer das Zeug dazu, etwas Aussergewöhnliches zu tun.“

Die Unwägbarkeiten sind also gross, und es würde überraschen, wenn der Einfluss auf den Erdölpreis ohne substanziellere Ankündigung im November stark ausfallen würde. Experten der Bank Barclays meinten, die Opec wolle mit der Entscheidung das Gesicht wahren und Zeit gewinnen. Dennoch ist das Treffen von Algerien nicht unbedeutend: Erstens hat es gezeigt, dass Saudiarabien und Iran trotz politischer Rivalität in der Region eine gemeinsame Sprache am Ölmarkt finden können. Zweitens hat Saudiarabien seine Strategie geändert. Riad hatte bisher die Erdölhähne offengelassen, um Konkurrenten mit höheren Kosten wie die amerikanischen Schieferölproduzenten aus dem Markt zu drängen. Dies ist teilweise gelungen. Offenbar will Saudiarabien jetzt aber einen Grossteil der Kürzungen tragen. Vor kurzem noch hatte der im Mai abgesetzte saudische Erdölminister Ali al-Naimi gemeint, dem Königreich sei es egal, ob der Erdölpreis bei 20, 40, 50 oder 60 Dollar je Fass liege. Dies hat sich offenbar gewandelt.

Unsanftes Rohstoffpolster

Warum aber hat sich Saudiarabiens Einstellung geändert? Die Opec ist lange blockiert worden, weil das Wüstenreich darauf bestanden hatte, dass auch der Konkurrent Iran an einer Selbstbeschränkung teilnimmt. Teheran lehnte dies immer ab, um nach der teilweisen Aufhebung der internationalen Sanktionen die Rohölexporte stark steigern zu können. Iran strebt aber zügig das Produktionsniveau an, bei dem es sich ein Einfrieren der Förderung vorstellen könnte. Damit nimmt der Widerstand Irans ab, und für Saudiarabien sinkt der Nutzen, den unvermeidlichen Aufstieg zu verzögern.

Zudem hat der Erdölpreiszerfall Saudiarabien stark getroffen. Das Haushaltsdefizit ist gross, die Währungsreserven sind zwar immer noch immens, seit August 2014 aber um 24 Prozent auf 564 Milliarden Dollar gefallen. Das Königreich ist auf die Petro-Einnahmen angewiesen, um die Bevölkerung bei der Stange zu halten. Anders als Russland hat Riad zudem seine Währung an den Dollar gekoppelt. Moskau profitiert vom freien Wechselkurs für den Rubel: Wenn die Einnahmen wie im Ölgeschäft in Dollars erfolgen, erhöht ein schwacher Rubel die Einnahmen in Landeswährung.

Ein weiterer Grund ist, paradoxerweise, der Ölmarkt selbst, der auf dem Weg ist, das Überangebot abzubauen. Die Erwartungen waren gestiegen, dass Ende 2016 oder Anfang 2017 das Angebot der Nachfrage entsprechen würde. In der vergangenen Zeit wurde dies wieder infrage gestellt. Je geringer die „überschüssige“ Menge ist, die weniger gefördert werden soll, desto einfacher wird eine Einigung. Die Opec hat auch eine lange Tradition darin, darauf hinzuweisen, dass allzu niedrige Ölpreise die Investitionen in neue Felder schwinden lassen und später zu Preissteigerungen führen und zu einer Gefahr für die Energiesicherheit werden. Dieses Argument kam auch wieder auf. Damit versucht die Opec, die Konsumentenländer auf ihre Seite zu ziehen. Dass Ölmärkte zyklisch sind, ist wohlbekannt. Es dürfte auch nicht erstaunen, dass in einer Branche, die frühere Investitionsvorhaben bis 2020 in der Höhe von mehr als 700 Milliarden Dollar schubladisiert hat, von einer Investitionslücke gesprochen wird. Die Frage ist jedoch, wann eine solche eintreten wird.

Das Argument ist auch zweischneidig: Höhere Preise werden wieder die Investitionen erhöhen und – kurzfristiger – auch vermehrt Schieferölproduzenten ihre Arbeit aufnehmen lassen. Die Erdölbranche wurde insgesamt während der vergangenen zwei Jahre effizienter. Mit Spannung wird beobachtet, ab welchem Preis und wie schnell Schieferöl in den USA verstärkt sprudeln wird.

Die Blessuren, die der stark gefallene Ölpreis in den Petro-Staaten hinterlassen hat, zeigen auch, dass viele Länder sich auf ihrem Rohstoffpolster ausgeruht und die Wirtschaft nicht reformiert haben. Und es könnte noch beunruhigender werden: Derzeit konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das Angebot. Aber entscheidender dürfte die Entwicklung der Nachfrage werden. Die Auswirkungen einer möglichen Klimapolitik und die technische Entwicklung der Elektromobilität könnten eine grosse Umwälzung mit sich bringen. Dadurch würde langfristig die Nachfrage entscheidend getroffen werden. In den Industrieländern zeigt sich bereits eine Abschwächung der Nachfrage. Dann wird es eine müssige Frage sein, ob die Opec tot oder mächtig ist.