Ennio Leanza / Keystone

Reflex

Forschung und Finanzbranche: Wach- statt Schosshunde vonnöten

von Claudia Aebersold Szalay / 11.08.2016

Dient die Finanzbranche der Gesellschaft? Nicht nur, sagt die akademische Forschung. Und das ausgerechnet in der Ökonomenhochburg Chicago.

Selbstkritisches aus dem akademischen Elfenbeinturm bekommt man nicht alle Tage zu hören. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Finanzzunft der Universität Chicago die Frage stellt, ob die Finanzbranche der Gesellschaft dient und welche Rolle die akademische Finanzforschung dabei spielt.

Zwar steht es für die Wissenschafter ausser Frage, dass Finanzakteure in einer Volkswirtschaft eine fundamentale Rolle innehaben, indem sie beispielsweise Risiken besser verteilen oder verlässliche Preissignale liefern. Doch gibt es laut den Forschern keine theoretische oder empirische Evidenz dafür, dass das gesamte (exorbitante) Wachstum der Finanzbranche in den vergangenen 40 Jahren nutzbringend für die Gesellschaft war. Ein Teil des rasanten Wachstums geschah laut den Chicagoer Ökonomen wohl allein zum Nutzen der Branche selbst. Kein Wunder, hat das Ansehen der Bankergilde in den vergangenen Jahren arg gelitten. Das schlechte Image der Branche bei der Bevölkerung birgt aber ein hohes Risiko. Es führt nämlich dazu, dass die Politik stärker in den Sektor eingreift. Und wenn dem so ist, wird in der Branche vermehrt Lobbying betrieben. Laut den Chicagoer Ökonomen führt dieses „Rent-Seeking“ aber dazu, dass sich vor allem die ineffizienten Vertreter der Branche durchsetzen. Je grösser der Anteil der lobbyierenden Banken ist, desto negativer wiederum ist deren Wahrnehmung in der Bevölkerung.

Die akademische Forschung hat dabei laut den Wissenschaftern in der Vergangenheit eine unrühmliche Rolle gespielt. Zu oft hat sie sich als Verteidigerin der gesamten Finanzbranche aufgespielt, anstatt schädliche Praktiken an den Pranger zu stellen. Chicago ruft deshalb die eigene Zunft auf, künftig die Forschung vermehrt dafür einzusetzen, Missstände in der Branche aufzudecken. Statt sich als Schosshunde der Finanzbranche zu gebärden, sollen sie lieber ihre Zähne als Wachhunde zeigen.