Mark Elias / Bloomberg

Auswirkungen von TPP

Freihandel als Stresstest für die US-Industrie

von Martin Lanz / 25.05.2016

Freihandelsabkommen werden im US-Wahlkampf gerne für den angeblichen Niedergang der Industrie verantwortlich gemacht. So schlecht steht es um diese aber gar nicht. Und Gewinner gibt es auch.

Wenn man den amerikanischen Wahlkampf verfolgt, könnte man meinen, in den USA werde nichts mehr produziert, seit die Integration Chinas in die Weltwirtschaft und diverse Handelsabkommen die US-Industrie-Jobs dezimieren. Tatsächlich sind die Aussichten für das verarbeitende Gewerbe auch unter der transpazifischen Partnerschaft (TPP) nicht gut, wenn es nach einer neuen Studie der U. S. International Trade Commission (USITC) geht.

Die Landwirtschaft profitiert

Die Veröffentlichung der Studie der unabhängigen Bundesbehörde USITC über die möglichen Auswirkungen des im vergangenen Herbst zwischen den USA und elf Pazifik-Anrainern – u. a. Australien, Chile, Japan, Singapur und Vietnam – erreichten Abkommens ist eine gesetzlich vorgegebene Etappe im parlamentarischen Prozess, die Studie gilt deshalb als Referenzwerk. Wie ähnliche Arbeiten des Peterson Institute und der Weltbank findet sie insgesamt positive, gemessen an der Größe der US-Volkswirtschaft aber bescheidene Effekte.

Das reale US-Bruttoinlandprodukt (BIP) würde demnach im Jahr 2032, also 15 Jahre nach der voraussichtlichen Umsetzung des Abkommens, um 43 Milliarden Dollar oder 0,15 Prozent höher ausfallen gegenüber einem Szenario ohne TPP. Die Beschäftigung würde um 128.000 Vollzeitäquivalente oder 0,07 Prozent steigen. Der Kuchen würde also dank TPP etwas größer.

Bei der Verteilung gäbe es aber relative Gewinner und Verlierer. Gewinnen würden laut der USITC-Studie die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie, wo die Produktion und die Beschäftigung bis 2032 um je 0,5 Prozent steigen. Der Grund für die Expansion ist, dass dieser Sektor unter dem Abkommen die stärkste Liberalisierung erfahren würde. Der Ausstoß des verarbeitenden Gewerbes und des Rohstoff- und Energiesektors (Holz) würde dagegen um 0,1 Prozent geringer ausfallen als im Szenario ohne TPP, die Beschäftigung gar um 0,2 Prozent. Prozentual am stärksten würden Textilien, Lederprodukte, Chemie, Metalle, Autoteile, Elektronik sowie Holzrohstoffe und -produkte leiden.

Nicht eine Flut billiger Konkurrenzimporte wäre aber dafür verantwortlich. Die Studie geht vielmehr davon aus, dass diese Sektoren Ressourcen an andere Branchen abgeben würden, die von der Liberalisierung unter TPP stärker profitieren würden. Neben der Landwirtschaft (u.a. Getreide, Soja, Rindfleisch und Milchprodukte) sind das die Dienstleistungen (etwa Kommunikation, Finanz- und betriebsunterstützende Dienstleistungen), wo Output und Beschäftigung um je 0,1 Prozent zulegen würden.

Realistische Ergebnisse

Die Studie betont, dass die Modellrechnungen die Kosten, die aus dem Wechsel von Arbeitskräften zwischen Sektoren oder aus temporärer Arbeitslosigkeit entstehen, nicht berücksichtigen. Ein weiterer Kritikpunkt, der aber auf alle solche Studien zutrifft, ist die Scheingenauigkeit. Die Auswirkungen eines derart komplexen Abkommens mit zwölf Parteien modellieren zu wollen, ist doch etwas anmaßend. Mindestens die Angabe von Konfidenzintervallen für die Schätzungen wäre angebracht.

Da die Studie aber insgesamt zu realistischen Schlüssen kommt, liefert sie weder Munition für noch gegen TPP. Da es bei dem Abkommen mindestens für die USA zudem um viel mehr geht als den Abbau von Zöllen – nämlich vor allem auch um Sicherheitspolitik, Regeln zur Streitschlichtung, Arbeits- und Umweltstandards sowie den Schutz geistigen Eigentums –, kann die USITC-Modellrechnung denn auch nur ein Element in der Kosten-Nutzen-Abwägung von TPP darstellen.

Und was die Situation für die Industrie betrifft: Der Druck wird so oder so hoch bleiben, und beinahe 20 Millionen Beschäftigte wie Mitte 1979 wird es in dem Sektor wohl nie mehr geben. Und ja, der Rückgang der Beschäftigung von 2000 bis 2010 war besonders dramatisch. Die angeblich so patriotischen Kandidaten dürften aber im Wahlkampf ruhig auch darauf hinweisen, dass sich die Situation seither stabilisiert hat und der Anteil der Industriebeschäftigung an der Gesamtbeschäftigung in den USA bereits seit Ende 1943 rückläufig ist.

Schwarzmalerei

Zu einer ausgewogenen Situationsanalyse gehört auch die Feststellung, dass die reale Industrieproduktion derzeit nahe bei ihrem Allzeithoch vom ersten Quartal 2008 liegt. Das heißt, die Arbeitsproduktivität der US-Industrie ist im Gegensatz zur übrigen Volkswirtschaft beachtlich; zudem hat eine Verlagerung hin zu Produkten mit höherer Wertschöpfung stattgefunden.

Der Anteil der Wertschöpfung des Industriesektors am BIP liegt deshalb trotz Beschäftigungsrückgang seit mehr als 50 Jahren relativ stabil bei über 10 Prozent und betrug Ende 2015 gar 12 Prozent. Auch die Geschichten über Wiederansiedlungen von US-Firmen oder robuste ausländische Direktinvestitionen in der US-Industrie lassen erahnen, dass es so schlecht um die US-Industrie nicht bestellt sein kann. Von einer Krise im verarbeitenden Gewerbe zu sprechen, die durch neue Handelsabkommen noch verschärft würde, scheint also übertrieben. Es mag die USA schmerzen, den Posten als Werkbank der Welt 2010 an China abgegeben zu haben. Aber Ende 2014 betrug der US-Anteil an der globalen Industrie-Wertschöpfung immer noch über 17 Prozent, wobei Chinas Aufstieg zudem teilweise überzeichnet wird wegen der Erstarkung des Renminbi.

Die US-Industrie weist darüber hinaus einige Trümpfe auf, die in Zukunft zu positiven Überraschungen führen und die Erwartungen unter TPP übertreffen könnten. So ist beispielsweise der Anteil von „Hightech“ an der Wertschöpfung der gesamten Industrie höher als in den meisten OECD-Ländern, Tendenz steigend. Und die US-Industrie gibt neben China am meisten aus für die Forschung. Kaufkraftbereinigt liegen die beiden sogar gleichauf. Werden die Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Relation zur Wertschöpfung gesetzt, liegt die US-Industrie mit 11% Prozent nur hinter Japan zurück.