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Ökonomie

Frühkindliche Entwicklung: Mit Plastikflaschen gegen die Armut

von Gerald Hosp / 12.10.2016

Ob jemand arm oder reich ist, hängt von vielen Faktoren ab. Um Armut zu bekämpfen, blicken Ökonomen auch auf die frühkindliche Entwicklung. Mit einfachen Mitteln sollen grosse Effekte erzielt werden.

„Humankapital“ ist einer der schrecklichsten und zugleich wichtigsten Begriffe der Ökonomie. Hinter dem technokratischen Wort verbergen sich die Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen und das Wissen von Menschen. Diese Eigenschaften entscheiden in grossem Masse über Armut oder Wohlstand. Wie dieses Humankapital angehäuft wird, damit es Zinsen abwerfen kann, ist jedoch in der Wirtschaftswissenschaft strittig. Der Blick von Ökonomen fällt dabei vermehrt auf die frühkindliche Entwicklung als wichtige Phase für den künftigen wirtschaftlichen Erfolg, weil sowohl die Quellen des Wohlstands als auch die Wurzeln der Armut von einer Generation auf die andere Generation übertragen werden.

Mit Kleinkindern reden

Orazio Attanasio sucht Wege, diesen Teufelskreis der Armut zu brechen. Der Ökonom, der am University College London (UCL) lehrt und den diesjährigen Klaus-J.-Jacobs–Preis für herausragende Forschung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung erhält, untersucht, wie man auch in armen Ländern mit geringem Aufwand das Los von Kindern verbessert. Mit der Verbindung von Feldexperimenten und Theorie geht Attanasio der Frage nach, wie der Geist und die sozialen Fähigkeiten von Kleinkindern gefördert werden können. Der Italiener baut dabei auf eine bekannte Studie in Jamaica von Sally Grantham-McGregor auf, bei der mithilfe von Hausbesuchen von Sozialarbeitern Kleinkinder gefördert wurden.

Attanasio und sein Team adaptierten Elemente des Versuchs für eine Studie in Kolumbien. In einem Zeitraum von 18 Monaten besuchten Frauen, die erst von den Ökonomen auf ihre Rolle vorbereitet wurden, jede Woche Familien mit Kleinkindern, um mit diesen eine Art Lehrplan durchzugehen. Dabei wurden das Singen von Liedern, einfache Spiele oder Übungen vorgeschlagen. Attanasio sagt in seinem Büro in London, dass Spielzeug nicht teuer sein muss, und beschreibt, wie aus PET-Flaschen kleine Autos gemacht werden können. Die Eltern wurden zudem durch die Übungen angeregt: Um ein Spiel zu variieren, das um Formen und Farben geht, legte eine Mutter ihrem Kind Gemüse und Obst vor.

Orazio Attanasio, University College London. (Bild: PD)

Was einfach und banal klingt, kann einen grossen Unterschied ausmachen. Die Kinder in diesem Programm waren schliesslich in ihrer Entwicklung weiter als andere. Die Verbesserung war durch erhöhte Investitionen der Eltern zustande gekommen: Sie verbrachten mehr Zeit mit ihren Kindern und benutzten vermehrt stimulierendes Spielzeug und Bücher. Während vor dem Programm viele Eltern meinten, es bringe nichts, mit einem Kleinkind zu reden, weil es ohnehin nichts verstehe, veränderte sich diese Einstellung. Die Eltern haben sich offenbar davon überzeugen lassen, dass sich die Investitionen in das Kind lohnen.

Mehr als nur Experimente

Um den Effekt der Hausbesuche zu messen, verwendete Attanasio eine Methode, die seit einiger Zeit in der Entwicklungsökonomie für Furore sorgt: Experimente mit Kontrollgruppen, mit denen herausgefunden werden soll, was funktioniert. Der Ökonom kennt die Grenzen des Ansatzes: In der Regel sind die Ergebnisse solcher Experimente von den spezifischen Umständen abhängig und können häufig nicht verallgemeinert werden. Um diesem Problem zu entgehen, verbindet Attanasio den Feldversuch mit einem ökonomischen Modell, das die unterschiedlichsten Einflussfaktoren der Entwicklung eines Kindes umfasst. Durch die Schätzung einer sogenannten Produktionsfunktion soll herausgeschält werden, welchen Einfluss die Investitionen der Eltern auf das Humankapital des Kindes haben.

Mit dieser Methode können generellere Aussagen als mit reinen Experimenten getätigt werden; was eine Grundlage für ein breit eingeführtes Entwicklungsprogramm sein kann. Die Feldversuche in Kolumbien und in Indien sind darauf ausgelegt, dass mit einfachsten, leicht reproduzierbaren Mitteln ein grosser Effekt für eine Vielzahl von Kindern erzielt werden kann. Ein Problem ist jedoch, ob die Wirkung dauerhaft ist und wann der beste Zeitpunkt für eine Intervention ist, um die Chancen am Arbeitsmarkt zu erhöhen. Möglicherweise wäre ein Programm für ältere Kinder effektvoller. Attanasio möchte den mit 1 Mio. Fr. dotierten Preis dazu verwenden, dieser Frage mit einem grossangelegten Versuch in Indien nachzugehen. Dabei soll getestet werden, ob die Hausbesuche für Kinder im Alter von eins bis drei, ein darauf folgender stimulierender Kindergarten oder die Kombination beider Massnahmen effektvoller sind.