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Walkthrough

Ganz sonderbare Sozialdemokraten und die Brexit-Panik in Perspektive

von Lukas Sustala / 29.06.2016

Nach dem Brexit-Votum ist vor den Verhandlungen über die Zukunft der EU. George Soros muss nicht gegen das Pfund wetten, um vom Brexit zu profitieren. Auch Sozialdemokraten sind liberal (gewesen). Willkommen in der Billionen-Show! Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Keine Panik nach dem Brexit. Die Entscheidung war überraschend und sie ist weitreichend, zwingt sie doch innerhalb der EU zu Reflexion und Reform (NZZ.at). Darüber besteht kein Zweifel. Aber es besteht noch kein Grund zur Panik. Zu groß ist noch die Bandbreite, innerhalb der die EU und Großbritannien ihre zukünftige Beziehung verhandeln können (NZZ.at). Auch ganz ohne die Möglichkeit einer zweiten Befragung (NZZ.at). Kurzfristig ist die Lage sicherlich angespannt, und der Brexit könnte ein deflationärer Schock für die Weltwirtschaft sein, also weniger Wachstum bedeuten, aber wie groß dieser Effekt ist, ist keine ausgemachte Sache. Angesichts der sich laufend ändernden Lage empfehle ich jedenfalls einfach regelmäßig auf NZZ.at in den neu angelegten Brexit-Schwerpunkt reinzuschauen.

City of London im Fokus. Klar ist wohl, dass Londons Finanzplatz durch den Brexit-Entscheid unter Druck geraten wird. NZZ-Korrespondent Gerald Hosp berichtet vom prophezeiten Abgang von Banken, aber auch von optimistischen Stimmen (NZZ.at). Droht London ein „Fall in Raten“? In jedem Fall müssten sich am Kontinent tätige (Investment-)Banken gut überlegen, ob Frankfurt nicht der bessere Standort sein könnte.

Börsen und Währungen stabilisieren sich. Nach zwei tumulthaften Handelstagen geht es aktuell etwas ruhiger zu. So zeigt sich etwa am britischen Pfund, dass der Abwärtsdruck deutlich nachgelassen hat.

Britisches Pfund vs. US-Dollar
Britisches Pfund vs. US-Dollar
Nach kräftiger Abwertung eine Seitwärtsbewegung
Credits: Factset

Bevor Sie nun aber tägliche Updates darüber erwarten, ob die Devisen- und Aktienmärkte rauf- oder runtergehen, möchte ich nur einen Hinweis geben. In Tagen wie diesen werden Sie viel über verlustig gegangene „Billionen“ an den Finanzmärkten lesen (NZZ.at). Aber die Tatsache ist, dass die jüngsten Tage für einen langfristigen Anleger wohl eher zweitrangig sind – ja eher Einstiegskurse bieten, als Grund zu verkaufen. Ein Blick auf langfristige Charts sorgt jedenfalls für die richtige Perspektive.

Weltaktienindex seit 2008
Weltaktienindex seit 2008
Weltaktienindex seit 1986
Weltaktienindex seit 1986

Erst Brexit, dann Öxit? Nach dem Referendum der Briten, werden auch die Stimmen laut, in Österreich einen ähnlichen Volksentscheid durchzuführen. Immerhin zeigt eine aktuelle Umfrage dafür eine gewisse Sympathie in der Bevölkerung (Meinungsraum). Tatsächlich ist Österreich im absoluten Spitzenfeld der Länder, deren Bevölkerung außerhalb der EU eine große Zukunft für ihr Land sieht (NZZ.at). Warum das aber wohl eine noch größere Fehleinschätzung als in Großbritannien wäre, hat auch der britische Ökonom und Brexit-Befürtworter Roger Bootle in einem Interview gesagt (NZZ.at): Österreich hat mehr Handel mit der EU zu verlieren.

Deutsche Bank wegen Brexit im Visier. George Soros, der Hedgefonds-Manager und Spekulant, ist wieder mit einer „Short-Position“ im Gerede. Er hat die Aktien der Deutschen Bank leerverkauft, wettet also auf den weiteren Fall der Aktien im Zuge des Brexit (NZZ.at). Man könnte aber auch sagen: Soros glaubt nicht daran, dass das Bankmanagement das Ruder herumreißen kann. Denn die Aktie von Deutschlands größter privater Bank ist seit Jahren im Sinkflug.

Ganz sonderbarer Sozialdemokrat. Der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat in Wien Ideen für eine seiner Meinung nach moderne, sozialdemokratische Wirtschaftspolitik präsentiert (NZZ.at). Im Kern ist Clement ein Pragmatiker: Sozialdemokratisch ist, was Jobs schafft, sagt er und fordert flexiblere Arbeitmärkte und einen weniger interventionistischen Staat. Und die viel diskutierte Maschinensteuer zur Abwehr der Rationalisierung: „Eine Maschinensteuer ist das Letzte, auf das ich jetzt käme“, sagt Clement und wirkt damit in der aktuellen Debatte einmal mehr wie ein ganz sonderbarer Sozialdemokrat – aber er ist schließlich auch nicht mehr Mitglied der SPD.

Streit um CETA. Mit einem Beweis, sich nichts um gutes Timing zu kümmern, hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gestern angekündigt, das Freihandelsabkommen CETA mit Kanada ohne Zustimmung der nationalen Parlamente zu beschließen. Wer aber hat da ein Problem mit Demokratie, die EU-Kommission oder die österreichische Regierung, die den Schritt kritisiert? (NZZ.at) Angesichts der grassierenden Ablehnung des Freihandels ist die EU-Kritik aus Wien aber immerhin sehr populär. So langsam muss man fürchten, dass Politik, Medien und NGOs mit ihren Kampagnen ausgerechnet in einer kleinen, exportabhängigen Volkswirtschaft die Zustimmung zum Freihandel verspielt haben.

Lebensqualität statt BIP. Man könnte meinen, dass die Ökonomen nach Jahren der Stagnation mit ihrem Latein am Ende sind. Auf den Gedanken kommt, wer Berichte zu einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts liest, die mit Sätzen wie „Österreich braucht mehr Lebensqualität statt mehr BIP als Ziel“ betitelt sind. Tatsächlich hat das Wifo seine Vision von „Österreich 2025“ vorgestellt und dabei einen besonderen Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt (Wifo). Aber wie einer meiner Wirtschaftsprofessoren an der Universität, selbst ein Fan von „Happiness“-Forschung und breiteren Definitionen von Wirtschaftserfolg als dem BIP, zu sagen pflegte: „Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles viel, viel schwieriger.“ Österreich braucht daher wohl so oder so nach vier Jahren Stagnation eine Wachstumsagenda – nicht nur um die Ratingagenturen zu beruhigen (NZZ.at). Sonst droht nicht nur der Abstieg aus dem Spitzenfeld in Sachen Staatsfinanzen, sondern auch der unaufhaltsame Einstieg ins Mittelfeld, wie das Wifo warnt.

Food for Thought

Wann thematisiert endlich ein deutschsprachiger Kabarettist oder Komödiant einmal in dieser fachlichen Klarheit die Finanzbranche? (John Oliver)

Der Deal zwischen OMV und Gazprom steht auf der Kippe (Die Presse).

Der Kreditversicherer Coface erwartet eine Entspannung: weniger Insolvenzen in Deutschland, den Niederlanden und Schweden (Coface).