Probleme bei Nord Stream 2

Gazprom zwischen allen Röhren

von Benjamin Triebe / 01.09.2016

Der russische Erdgasriese Gazprom baut stark auf Europa. Doch für die Erweiterung der Ostseepipeline Nord Stream sind der Konzern und seine westlichen Partner gezwungen, kreativ zu werden.

Trotz gestiegener Nachfrage aus Europa kann der russische Erdgaskonzern Gazprom nicht glänzen. Der staatlich kontrollierte Riese meldet für das erste Halbjahr einen Gewinnrückgang um einen Zehntel auf 607 Mrd. Rbl. (9,4 Mrd. $). Er hat den Umsatz zwar gesteigert, aber das Plus um 5% zum Vorjahreszeitraum auf umgerechnet 47,2 Mrd. $ reichte nicht aus, um die gestiegenen Kosten zu kompensieren.

Gazprom stützt sich stark auf das Europa-Geschäft. Um die Einnahmen zu sichern, will der Konzern die Kapazität der Ostseepipeline Nord Stream verdoppeln – und steht vor einen Problem: Mitte August haben die deutschen Firmen Wintershall und Uniper (ehemals E.On) sowie Engie (Frankreich), OMV (Österreich) und Shell (Niederlande) die Absicht aufgegeben, mit Gazprom ein Gemeinschaftsunternehmen für Bau und Betrieb der sogenannten Nord Stream 2 zu gründen. Die polnische Wettbewerbsbehörde hatte Bedenken gegen das Projekt angemeldet, woraufhin die westeuropäischen Gesellschaften Mitte August die Reissleine zogen. Dennoch halten alle Firmen an der Pipeline fest. Bis Ende Jahr soll eine neue Beteiligungsform gefunden werden.

Der Einfluss der polnischen Wettbewerbsbehörde auf Nord Stream 2 überrascht auf den ersten Blick, denn weder wäre die Rohrleitung durch polnische Gewässer verlaufen, noch würde das Konsortium als reine Betreibergesellschaft Erdgas an Polen verkaufen. Doch nach dem dortigen Recht müssen Konzerne, die Geschäfte in Polen betreiben, auch ausländische Zusammenschlüsse genehmigen lassen, die theoretisch Einfluss auf Polen haben können. Warschau befürchtet durch Nord Stream 2 eine grössere Energieabhängigkeit von Russland. Weil unter anderem Wintershalls Muttergesellschaft BASF und Uniper in Polen aktiv sind, wollten die Firmen kein Risiko einer Strafe eingehen.

Fraglich ist nun, ob der Finanzierungs- und Zeitplan für Nord Stream 2 aufrechterhalten werden kann. Ende 2019 sollten die zwei neuen Röhren den Betrieb aufnehmen. Gazprom schätzt die Gesamtkosten auf 10 Mrd. €. Rund 70% der Investitionen sollten über externe Kredite finanziert werden. Die Firmen wollten die Investitionen aus Eigen- und Fremdkapital entsprechend ihrer Beteiligung am Konsortium einbringen, was für die westeuropäischen Partner einen Anteil von je 10% bedeutet hätte. Die Westeuropäer haben nach eigenen Angaben ihre bestehenden, internen Investitionspläne nicht gleich überarbeitet – auch für die Finanzspritzen suchen sie jetzt eine neue Form der Kooperation. Doch statt 50% hält Gazprom nun alle Anteile der Betreibergesellschaft und steht vor dem Risiko, dass die Fremdkapitalaufnahme für den Konzern im Alleingang teurer werden könnte als im Konsortium.

In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und im Heimatmarkt kommt Gazprom derweil immer stärker unter Druck. Die Verkaufsmengen gingen dort im ersten Halbjahr weiter zurück. Die Exportmengen nach Europa legten hingegen um über einen Drittel zu. Die Europäer, die rund einen Drittel ihres Erdgases von Gazprom beziehen, hatten zuvor lange mit den Bestellungen gewartet, um niedrige Preise zu realisieren, denn der tiefe Erdölpreis schlägt sich erst mit mindestens einem halben Jahr Verzögerung ins Gazproms Exportpreisen nieder. Unter dem Strich setzte der Konzern in Europa 19% mehr um als im ersten Halbjahr 2015 und nahm damit umgerechnet 17,4 Mrd. $ ein. Insgesamt ist aber absehbar, dass der Riese im laufenden Jahr so wenig Gas fördert wie nie zuvor. In den ersten sieben Monaten lag die Produktion geschätzt 4% unter Vorjahresniveau.

Wegen der in Gazproms Verträgen festgeschriebenen Verzögerung wird es bis Ende Jahre dauern, bis die Erholung des Ölpreises seit dem im Januar erreichten Tief in den Kassen des Konzerns ankommt. Der kann das Geld für seine Investitionen gut brauchen. Neben Nord Stream 2 verhandelt Gazprom auch wieder über Turkish Stream, eine Rohrleitung in die Türkei. Ferner baut Gazprom Pipelines für das Geschäft mit China. Der freie Cash Flow ist bereits arg strapaziert. Umso wichtiger wäre es, die neuen Probleme bei Nord Stream 2 kostengünstig zu umschiffen.