AP Photo/Michael Probst,File

Geldordnung

Gefährliches Zündeln mit Bargeld

Meinung / von Thomas Fuster / 08.02.2016

Der Angriff gegen das Bargeld wird zusehends offensiver geführt. Jüngstes Beispiel ist die geplante Abschaffung der 500-Euro-Note. Solche Manöver untergraben das Vertrauen in die Geldwirtschaft.

Sie kommt auf leisen Sohlen, jedoch mit eindeutigem Ziel: die Einschränkung der Bargeldnutzung. Immer mehr Staaten haben in den vergangenen Jahren entsprechende Grenzen gezogen. Diese Woche kündigte auch die deutsche Regierung an, eine Beschränkung von Barzahlungen auf 5.000 Euro ins Auge zu fassen. Für eine neue Dimension in der Debatte sorgt nun aber namentlich die Europäische Zentralbank (EZB). Sie prüft die Abschaffung des größten Geldscheins im Euro-Raum, der 500-Euro-Note. Technische Arbeiten in diese Richtung hat man in Frankfurt bereits in Angriff genommen. Begründet wird der Plan mit dem Kampf gegen die Geldwäscherei, die Steuerflucht, den Schwarzmarkt und vor allem die Terrorismusfinanzierung.

Überzeugend tönt das nicht. So dürfte kein Krimineller oder Terrorist auf ein Verbrechen verzichten, nur weil ihm keine 500-Euro-Scheine mehr zur Verfügung stehen. Wer an eine solche Abschreckung glaubt, verniedlicht die Probleme. Nein, wenn die EZB aus eigenem Antrieb über die Abschaffung einer Banknote nachzudenken beginnt, ist dies in einem breiteren geldpolitischen Kontext zu sehen. Zwar ist das Ende des Bargelds noch nirgendwo in Sicht. Dass eine bargeldlose Wirtschaft die Arbeit der Notenbanken aber erleichtern würde, ist offenkundig. So könnten die Zinsen beliebig tief in den Negativbereich gedrückt werden, da sich Sparer gegen diese Art der Enteignung nicht länger wehren könnten, indem sie ihr Geld von der Bank abhöben und in bar horteten.

In einer Welt ohne Bargeld gäbe es somit keine Zinsuntergrenze mehr. Die seit Jahren stattfindende Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern könnte nach Belieben intensiviert werden, was einigen hochverschuldeten Staaten durchaus zupasskäme. Realität würde zudem der gläserne Bürger: Da jede Finanztransaktion ihre elektronischen Spuren hinterließe, gäbe es keine finanzielle Privatsphäre mehr. Der Staat könnte fortan kontrollieren, welcher Bürger wie viel Geld für Junkfood statt Biogemüse ausgibt, welcher Steuerzahler seinen Wocheneinkauf im Ausland tätigt und ob der mit Alkoholproblemen kämpfende Arbeitslose tatsächlich keinen Schnaps mehr kauft. Ein Szenario von orwellschem Ausmaß, mit der Gefahr einer totalen staatlichen Bevormundung.

Noch ist man meilenweit von einer solchen Horrorvision entfernt. Dennoch, die sukzessive Beschneidung der freien Verfügungsgewalt über Bargeld ist wenig geeignet, das im Zuge der Finanzkrise arg strapazierte Vertrauen in die Solidität der Geldwirtschaft zu stärken. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Wer zu zweifeln beginnt, ob er auch in Zukunft noch frei über sämtliche Ersparnisse verfügen kann, dürfte eher heute als morgen sein Geld in Sicherheit bringen. Was der deutsche Soziologe Georg Simmel vor über hundert Jahren schrieb, gilt heute mehr denn je: „Geld ist die vielleicht konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äußerung des Vertrauens in die gesellschaftlich-staatliche Ordnung.“ Wer daher mit dem Bargeld zündelt, entfremdet den Bürger vom Staat. Das sollten sich die immer offensiver agierenden Kritiker des Bargelds stets vor Augen halten.