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Gespräch mit Florian Homm

Geheimtreffen mit dem meistgejagten Finanzhai

von Sebastian Bräuer / 30.11.2015

Er war der Finanzhai in Person. Dann kam der Fall. Heute ist er gläubig, was nichts daran ändert, dass ihn die USA 225 Jahre wegsperren wollen und auch die Schweiz hinter ihm her ist. NZZ am Sonntag-Wirtschaftsredakteur Sebastian Bräuer traf Florian Homm – im Geheimen. Er ist noch immer auf der Flucht.

Plötzlich will der Mann, nach dem das FBI fahndet, unbedingt reden. Florian Homm war einmal ein Superstar der Finanzbranche. Ein Überflieger, dem nicht viel zur Dollarmilliarde fehlte, der sich als Retter des Fußballklubs Borussia Dortmund inszenierte und als Jetset-Playboy auftrat. Bis er im September 2007 untertauchte und sein Imperium zusammenkrachte. Der Absturz hält bis heute an. Das amerikanische Justizministerium würde den Deutschen gerne für 225 Jahre wegsperren, und die Schweizer Bundesanwaltschaft ist ihm ebenfalls auf den Fersen: Er soll auch in der Schweiz Kunden geprellt haben. Es gibt einiges zu erklären.

Treffen mit Homm sind selten, und sie sind kompliziert. Vor drei Jahren forderte der 2,03-Meter-Hüne einen Reporter auf, innerhalb von 24 Stunden im Großraum Paris zu sein. Dort führte ein Fußmarsch mit einem Vertrauten zu einem geheimen Ort, wo der Reporter mit einem Detektor auf Wanzen durchsucht wurde, bevor der leibhaftige Homm auftauchte. Jetzt, im November 2015, scheidet ein Treffen in der Schweiz oder in Grenznähe aus. Verhaftungsgefahr. Auch ein Café in der Großstadt Frankfurt wäre zu unsicher. Der 56-Jährige fürchtet, abgehört zu werden. Die Wahl fällt auf ein Hotel in Weilburg, einem Luftkurort in der tiefsten hessischen Provinz.

Homm war der Prototyp eines Finanzhais, der den meisten Menschen aus zwei Gründen ziemlich suspekt ist. Erstens ist die radikale Bereitschaft, alles dem nächsten Deal unterzuordnen, ohne Rücksicht auf Familie und Freunde, notfalls 72 Stunden lang ohne Schlaf, kaum vermittelbar. Zweitens hat das Wetten auf fallende Kurse, das den Konkurs der betroffenen Firma provozieren kann, nach allgemeiner Wahrnehmung etwas Amoralisches. Dazu kommt: Der Job macht oft reich, aber selten glücklich. Homm ist seit acht Jahren kein Hedge-Fund-Manager mehr und sagt heute: „Ich habe meinen Job nicht an einem einzigen Tag vermisst.“ Die deutsche Version des „Wolf of Wall Street“ blieb in all den Erfolgsjahren auf der Suche nach sich selbst. Letzten Endes einsam.

Katastrophaler Ruf

Er erscheint pünktlich und begleitet von einem Freund. Homm bestellt einen Milchkaffee und eine Erdbeerrolle, später am Nachmittag eine Bacardi-Cola. Er weiß um seinen katastrophalen Ruf. Natürlich haben Firmen auch enorm von seinen Investitionen profitiert. Er setzte auf J-Date, eine jüdische Dating-Plattform, als noch kaum jemand glaubte, dass sich Menschen einmal Lebenspartner übers Internet suchen würden. Er legte Geld bei Clinuvel an, einem Pharmaunternehmen, das Menschen mit Hauterkrankungen hilft. Aber was die öffentliche Meinung geprägt hat, sind die spekulativen Attacken. Sie trafen auch Schweizer Gesellschaften wie Oerlikon und Sulzer. Der Autoverleiher Erich Sixt nannte ihn den „Antichristen der Finanzwelt“. Homm wurde in Venezuela angeschossen, von wem und warum bleibt bis heute nebulös.

Spätestens 2007 schwächelten seine Fonds, und Homms erratisches Krisenmanagement war für seine Kollegen immer weniger nachvollziehbar. Das wurde deutlich, als die Schweizer Bundesanwaltschaft den engen Mitarbeiter A. befragte. A. wirkt bis heute innerlich zerrissen. Er habe Homm für seinen Leistungsausweis bewundert, für seinen Master-Abschluss der US-Elite-Uni Harvard und dafür, dass er mit einem der weltweit besten Fonds-Manager zusammenarbeitete, gab er zu Protokoll. Aber als Homm eine schlechte Performance kaschieren wollte, indem er eigenes Geld in den Fonds nachschoss, gefiel ihm das überhaupt nicht. A. war nicht sicher, ob das legal war, protestierte aber nur halbherzig: Homm entzog sich jeglichen Gepflogenheiten. Vielleicht meinte er es tatsächlich gut. Heute begründet er die „Schenkung“ so: „Es bestand keinerlei Bedarf, 40 Millionen Euro in den Fonds einzuschießen. Ich habe das freiwillig gemacht. Es war mein Abschiedsgeschenk. Scheiß auf Performance. Die Schenkung war für mein ethisches Selbstverständnis.“

Schreiben Sie das. Ich möchte Menschen helfen. Jachten und Privatjets brauche ich nicht mehr.

Es fand zunehmend eine Entfremdung statt zwischen dem hochtalentierten, aber polarisierenden Einzelgänger und seinen Kollegen, was in Homm den Entschluss reifen ließ, alles hinzuschmeißen. Er berichtet erstmals in dieser Offenheit, wie es zum Bruch kam. „Einmal habe ich auf 12 Millionen Euro Bonus verzichtet, um das Geld unter 20 Mitarbeiter zu verteilen. Bedankt hat sich keiner. Dafür kamen allen Ernstes Beschwerden, weil jemand gerne 867.000 statt 854.000 Euro bekommen hätte. So etwas muss ich mir doch nicht bieten lassen. Ich muss nicht ständig allen Leuten sagen, was in meinem Kopf vorgeht, vor allem nicht derart parasitären Kreaturen, im undankbarsten Job der Welt. Bin ich Typen gegenüber rechenschaftspflichtig, die sich selbst bereichert haben?“

Er lacht tief und kehlig, wenn er solche Dinge erzählt. Ein Lachen, das Bitterkeit ausdrückt, von einem Menschen, der wirklich alles gesehen hat. Im September 2007 bestieg Homm seine Pilatus PC-12, um ohne jede Absprache Mallorca zu verlassen, wo er eine Villa besaß. Als Erstes ging er Richtung Südamerika, wo er seine Ruhe haben wollte. Homm hatte 500.000 Euro in Unterwäsche, Aktenkoffer und Zigarrenkiste versteckt und zerstörte sich sein Leben. Kunden suchten entsetzt das Weite, die Fonds kollabierten. Es entstanden Verluste, die von der Schweizer Bundesanwaltschaft heute auf mindestens 116 Millionen Dollar geschätzt werden. Vielleicht wäre nur ein Bruchteil verloren gegangen, wenn Homm weitergemacht hätte. Bei allem Ärger: Wirklich vernünftig war die Flucht nicht. Homm bemüht sich gar nicht, sie als normal zu verkaufen. Das wäre auch kaum möglich.

„Ich bin kein Normalbürger. Wenn Sie sechs, sieben Sprachen einigermaßen verständlich sprechen, wenn Sie schon einmal eine Kugel im Rücken hatten, wenn Sie sich Feinde gemacht haben mit Firmenzerschlagungen und Leerverkäufen, dann denken Sie nicht normal. Das führt zu anderen Verhaltensweisen.“

Intensive Läuterung

Plötzlich hatte er Zeit und machte, was andere Menschen bereits als junge Erwachsene hinter sich bringen, die sich selbst finden wollen. Rucksacktouren in den Anden, mit dem Motorrad durch Mexiko. Experimente mit verschiedenen Religionen, schließlich die Zuwendung zum Christentum. Er beschreibt diese Phase in seinem neuen Buch, „225 Jahre Knast“, dessen Lektüre streckenweise schmerzhaft ist angesichts des intensiven Läuterungsprozesses des Autors. Ausführlich berichtet Homm darüber, was ihm der christliche Glaube bedeutet. Er beteuert, 90 Prozent spenden zu wollen, wenn er eines Tages wieder über sein festgefrorenes Vermögen verfügen könne.

„Schreiben Sie das ruhig. Ich möchte Menschen in Not helfen. Jachten und Privatjets brauche ich nicht mehr, das habe ich hinter mir.“

Es wirkt, als habe der Läuterungsprozess noch beim Schreiben angehalten. Wenn auch nicht so extrem wie in seiner ersten Autobiografie, in der Homm beispielsweise schonungslos über sein Liebesleben berichtet. Über seine russische Geliebte, die er nach der Scheidung von seiner Frau in Palma de Mallorca einquartierte, schreibt er dort: „Diese Frau war der lebende Beweis dafür, wie tief ich gesunken war. Sie war eine falsche Blondine mit falschen Titten, falschen Fingernägeln und ohne jedes Hirn. Alles, was sie besaß, war ein cleverer instinktiver Sinn dafür, sich selbst an den Höchstbietenden zu verschachern.“ So geht das in einem fort.


Credits: Imago – Florian Homm

Homm lebte zwischen 2007 und 2013 in Nordafrika, Frankreich, Indien und Indonesien. Während er unbekannt verzogen war, setzten in der deutschen Heimat Anleger, die sich betrogen fühlten, ein Kopfgeld von 1,5 Millionen Euro auf ihn aus. Die einstigen Mitarbeiter versuchten, ihre eigene Haut zu retten, und zerstreuten sich in alle Welt. In Verhören der Bundesanwaltschaft gaben sie meist an, in Homms Firma überhaupt keine bedeutende Rolle gespielt zu haben, was bei ihm naturgemäß Verachtung hervorruft:

„Einer verschanzt sich heute in Dubai, einer in Kanada. Selbst mein Treuhänder hat sich selbst bereichert. Aus den Verhören ist klar erkennbar, dass die Direktoren seit Ende 2007 ein absurdes Lügengeflecht aufgebaut haben, um mir den schwarzen Peter zuzuschieben.“

Konkret geht es vor allem um P. Ein begabter Anlageprofi, der einst als Kronprinz Homms galt. Zeitweise hatte er sogar eine eigene Residenz in dessen Anwesen auf Mallorca. Doch dann kam es zum Konflikt, der erneut ein Schlaglicht auf die rauen Gepflogenheiten des Hedge-Fund-Geschäfts wirft. Zunächst beschuldigte Homm P., mit gefälschter Unterschrift 2,3  Millionen Euro aus einem Fonds für seinen Bruder abgezweigt zu haben. Steuern habe er auch nicht bezahlt. Beides lässt sich nicht überprüfen. Homm schmiss P. hinaus.

Einige Monate später, im April 2006, landete eine anonyme E-Mail bei Finanzfirmen, Privatpersonen und amerikanischen Medienhäusern, in der Homm beschuldigt wurde, Kurse zu manipulieren. Er kaufe Aktien von Kleinfirmen unter Marktpreis und verbuche sie teurer, weise also unrealistische Gewinne aus. Das E-Mail enthielt auch Namen angeblich betroffener Firmen, aber keine Beweise.

Verhaftung in Florenz

Es war der Beginn des Rachefeldzugs von P. Homm. Er weist zu Recht darauf hin, dass die Strafklage, die das US-Justizministerium später gegen ihn erhob, zu einem großen Teil auf den bis heute nie vor Gericht bewiesenen Anschuldigungen von P. beruht, die zuerst von einem angeblich geprellten Kunden übernommen wurden. P. ist ein wenig glaubwürdiger Kronzeuge. Homm ist der Meinung, dass die Ermittler, die sein negatives Image zementierten, nichts Substanzielles ergänzten.

„Ein FBI-Beamter hat Wort für Wort die Vorwürfe eines Zivilklägers übernommen. Entweder hat er telepathische Fähigkeiten, oder das ist reiner Plagiarismus. Das ist Meineid. Wer solch einer Klageschrift Glauben schenkt, muss doch autoritätshörig und gehirnamputiert sein.“

Er lacht wieder bitter. Die Paranoia vor dem langen Arm der US-Justiz war berechtigt. Im März 2013 nahm ihn eine italienische Eliteeinheit fest, während er seine Ex-Frau im Uffizien-Museum in Florenz traf. Misslicher kann ein Versöhnungsversuch kaum enden. Homm landete in einem überfüllten Gefängnis, wo 60 Häftlinge 45 Minuten pro Tag Zeit erhielten, sich zwei Duschen zu teilen. Als Deutscher wurde er mit „Heil Hitler“ gegrüßt, und nachdem sich herumgesprochen hatte, was für ein Kaliber hier einsaß, kam es zweimal zu Schutzgelderpressungen. Zwischendurch prügelte man sich, und Homm prügelte sich mit.

„Ein paar tunesische Brüder lieferten sich eine Massenschlägerei mit Marokkanern. Das waren meine ersten Eindrücke im Gefängnis. Voll der Hammer. Man kann sich nicht immer raushalten. Wer schwach ist, verliert sein Hab und Gut. Dazu die ganzen mental Gestörten. Wie soll es denn da nicht krachen.“

So schlimm wie in Italien sind die Haftbedingungen nicht einmal in den USA. Zeitweise wurden Homm, der an Multipler Sklerose erkrankt war, wichtige Medikamente vorenthalten. Trotzdem widersetzte er sich einer Auslieferung, weil ihm die US-Justiz Betrug in neun Fällen vorwirft. Höchststrafe: jedes Mal 25 Jahre.

„Die Amerikaner wollen mich 225 Jahre lang wegsperren, das ist doch nicht mit europäischen Gesetzen konform. Zumal ich schwer krank bin.“

Mit 19 Jahren, als Harvard-Student, unterrichtete er in einem Hochsicherheitsgefängnis Englisch und Französisch. Sein Schüler war ein Mehrfach-Mörder. Homm hat, in gewisser Weise, wirklich alles schon gesehen.

„Ich hatte mir ja in Venezuela eine Kugel gefangen, ein anderes Mal eine Pistole im Gesicht, ich hatte mich geprügelt, ich kannte das alles. Meine Lebenserfahrung hat mir geholfen, im Gefängnis zu überleben.“

Im Juni 2014 kam er frei. Das lag offiziell an formalen Fehlern der US-Justiz, letztlich aber daran, dass die Kommunikation zwischen italienischen und amerikanischen Behörden nicht funktionierte. Auch das klingt in seinen eigenen Worten wesentlich dramatischer.

„Die Italiener hätten mich gerne gegen Amanda Knox eingetauscht. Darauf kam aus Amerika die Antwort: ,Ihr Spaghettifresser würdet deutsch sprechen, wenn wir euch im Zweiten Weltkrieg nicht gerettet hätten.‘ So ging das hin und her. Irgendwann haben die Italiener gesagt, wir scheißen drauf. Wir lassen den Homm frei.“

Die Schweiz ist zum 51. Bundesstaat Amerikas mutiert. In die Schweiz zu reisen, wäre Selbstmord.

Im August 2013 wiederholte P. seinen Vorwurf der Kurspflege gegenüber der Schweizer Bundesanwaltschaft. Er warf Homm auch vor, mehr nach Gutdünken investiert zu haben als auf der Basis eingehender Firmenanalysen. Das mag seinen Ruf als „Rainmaker“, wie Finanzgenies in der Branche genannt werden, infrage stellen, ist aber keinesfalls strafbar. Die zuständige Staatsanwältin Graziella de Falco Haldemann verhörte auch Homm in der Zeit vor seiner Festnahme. Sie hat ihn allerdings, obwohl die Ermittlungen seit 2007 andauern, noch immer nicht angeklagt. „Hätte die Bundesanwaltschaft handfeste Beweise, hätte sie schon längst die Eröffnung des Hauptverfahrens beantragt“, sagt Homms deutscher Anwalt Stefan Mörsdorf.

Die Bundesanwaltschaft kündigt auf Anfrage der NZZ am Sonntag an, voraussichtlich Ende 2016 Anklage gegen Homm zu erheben. Es gehe um Geldwäsche, Betrug und Urkundenfälschung. Sie räumt freimütig ein, spät dran zu sein: Deutschland habe ein Rechtsübernahmegesuch wegen Verjährung abgelehnt. Der internationale Haftbefehl bestehe weiter.

Dellen am Auto

Der macht Homm Schwierigkeiten, selbst wenn dieser in Deutschland bleibt. Fünfmal wurde er laut eigener Aussage mit Haftbefehlen konfrontiert, zweimal sogar jeweils für eine Nacht inhaftiert. Deutschland liefert keine Landsleute aus, aber Haftbefehle starten dennoch eine bürokratische Maschinerie. Einer wie Homm bleibt nie lange unter dem Radar, was regelmäßige Possen garantiert. „Dann wurde ich ein weiteres Mal festgehalten, weil ich einen Unfall gemacht hatte, also ein paar Dellen am Auto. Die Polizisten sagten: ,Sie schon wieder.‘ Die kannten mich schon.“

Die Frage, ob er in die Schweiz reisen würde, um sich einem möglichen Verfahren zu stellen und die Angelegenheit vielleicht zu beschleunigen, gefällt ihm nicht. Er wird bei der Antwort lauter. „Die Schweiz ist zum 51.  Bundesstaat Amerikas mutiert. Ich habe so viel Vertrauen in die Schweizer Staatsanwaltschaft wie ins FBI. Jahrelang habe ich kooperiert, jetzt werde ich als Flüchtling bezeichnet. Als wäre ich in Italien aus dem Knast ausgebrochen. Aber sie haben es noch nicht geschafft, eine Klageschrift zu formulieren, weil die Vorwürfe einfach ein Witz sind. In die Schweiz zu reisen, wäre Selbstmord.“

Die Bundesanwaltschaft hat erkannt, dass sie vergeblich auf Homm warten würde. Sie kündigt auf Anfrage an, ihn noch einmal in Deutschland befragen zu wollen. Abstrus wirkte vor wenigen Tagen ein Zeitungsbericht, der sich weitgehend auf die Schweizer Ermittler stützte, laut dem sich Homm nur zum Schein von seiner Frau getrennt habe – ein Geldwäschetrick. Homm war seinerzeit anerkanntermaßen untreu und ein grottiger Familienvater.

Der Fall ist komplex, weitere Überraschungen sind jederzeit möglich. Aber es ist durchaus denkbar, dass am Ende vor Gericht kein strafrechtlicher Vorwurf stehen bleibt. Das wäre nach den jahrelangen Vorverurteilungen eine weitere filmreife Wendung.