Geldpolitisches Kickboxen und ökonomische Salami-Taktik

von Lukas Sustala / 08.02.2015

Griechenland steht nach dem EZB-Entscheid unter Druck und im Fokus. Dazu spürt mit Saudi-Arabien ein weiteres Land das Beben auf den Devisenmärkten. Und Ökonomen der Notenbank von San Francisco untersuchen den geradezu unerschütterlichen Über-Optimismus von Ökonomen. Ein Wochenend-Walkthrough zu Wichtigem und Interessantem aus dem Phänomen Geld.

Athen gegen Frankfurt, das ist Brutalität. Hat die EZB Griechenland die Zähne ausgeschlagen mit einem geldpolitischen Kick? Das ist jedenfalls die Einschätzung von Mark Weisbrot, Ökonom und Co-Direktor der linksliberalen Denkfabrik CEPR in Washington, die in dem Satz gipfelt:

The ECB should be ashamed of its latest assault on Greek democracy.

Doch ist es wirklich so? Es ist keine wirklich neue Warnung, dass Souveränität auf der politischen Landkarte relativ rasch enden kann, wenn sich die Volksvertreter in die Schuldenberge verirren. Die EZB ist als Zentralbank nicht dem Schuldner Griechenland verpflichtet, sondern den eigenen Statuten und dem geldpolitischen Auftrag. Dass Ramschanleihen als „Sicherheiten“ für Zentralbankgeld herhalten, ist dabei durchaus umstritten gewesen, und war eben davon abhängig, dass Griechenland sich in einem Programm mit den Geldgebern zu Reformen verpflichtet, die die Rückzahlung zumindest auf lange Sicht sichern sollten.

Die Saudis und der Dollar: Seit vier Wochen beobachten Devisenhändler bei Währungen die Nachbeben von geldpolitischen Plattenverschiebungen. Die EZB kauft 1.140 Mrd. Euro an Anleihen in 18 Monaten, die US-Notenbank steuert auf die erste Zinserhöhung zu, die Schweizer Notenbank hat ihre Mindestkurspolitik aufgegeben und die russische Zentralbank muss gegen Währungsverfall und Inflation kämpfen. Nun gerät auch Saudi Arabien unter sichtbaren Druck und der Riyal hat sich so weit von seinem fixen Kurs zum Dollar wegbewegt wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr (FTAlphaville, kostenpflichtig). Die Mischung aus einem fallenden Ölpreis und einem steigenden Dollar belastet aktuell die saudische Währung. Auch wenn die Saudis wegen ihrer Devisenreserven keine Sorgen haben müssen, zeigt die Bewegung doch, unter welchem Stress die Währungsmärkte aktuell stehen.

Nichts hören und nichts sehen, Ökonomie-Edition: Volkswirte der Notenbank von San Francisco haben eine interessante Untersuchung zu Konjunkturprognosen in den USA in der Krise gemacht. Sie weisen eindeutig nach, dass die Schätzungen zum Wirtschaftswachstum nach 2008 immer wieder deutlich zu positiv waren, wie folgendes Chart zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zeigt:

Wie Wachstumsprognosen und die Wirklichkeit auseinander driften
Wie Wachstumsprognosen und die Wirklichkeit auseinander driften
Wie hätte sich das US-BIP gemäß der Prognose von Volkswirten entwickelt?

Ganz ähnlich geht es ja auch im Euroraum zu. Volkswirte gehen Jahr-ein, Jahr-aus nach dem Prinzip Salami-Taktik vor. Zu Jahresbeginn wird mit einer Rückkehr zum langfristigen Trend-Wachstum (rund zwei bis drei Prozent) gerechnet, das dann Quartal für Quartal nach unten revidiert werden muss, bis am Ende des Jahres aus der Prognose eine Farce geworden ist.

Lesetipp in Sachen Griechenland (HT FTAlphaville): Der Ökonom Michael Pettis, vor allem durch seine Analyse Chinas bekannt, hat einen interessanten Blog-Eintrag zur aktuellen Situation in Griechenland und der Eurozone geschrieben. Jedenfalls lesenswert:

The current European crisis is boringly similar to nearly every currency and sovereign debt crisis in modern history.