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Serie: Schwerpunkt Gemeingüter

Gemeingut Wald: Ein ausgeklügeltes System

von Christoph Zotter / 05.01.2016

Warum der Wald nicht einfach nur ein Geschenk ist. 

Der Rauch war schwarz und dicht. Tagelang stieg er auf, zog über Land und Meer. Selbst im fernen Singapur wurde der Himmel dunkel. Die Kinder husteten, den Alten verklebten die Lungen. So war das, als im Sommer der indonesische Wald brannte.

17.000 Hektar Regenwald standen in Flammen. Als wäre die gesamte Steiermark voll mit brennenden Bäumen. Die indonesische Regierung hat schätzen lassen, wie viel Geld da in Rauch aufgegangen ist. 47 Milliarden Dollar, sagen ihre Gutachter.

Nachdem der lang ersehnte Regen die letzten Glutnester gelöscht hatte, kamen die Fragen: Warum ist das passiert? Wieso brennt gerade in Indonesien so oft der Wald? Und was kann man tun, um zu verhindern, dass es nochmal geschieht?

In Indonesien wird Wald vor allem aus einem Grund niedergebrannt: um Land zu schaffen. Die Feuer wurden also gelegt, der trockene Sommer erledigte den Rest. Da es kein modernes Kataster gab, war oft nicht klar, wem der Wald gehörte.

Indonesien hat ein problematisches System, mit Wald umzugehen. Auch andere Länder mit riesigen Regenwäldern kämpfen mit unklaren Besitzverhältnissen, Korruption, illegaler Rodung, Agrarkonzernen und von Armut getriebenen Bauern. Wie kommt man da raus?

Man schaut sich an, wer es schon geschafft hat. Denn auch in Europa wurden im Mittelalter ganze Landstriche für immer gerodet. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die nachhaltige Forstwirtschaft. Sie hat System.

Der Wald ist hierzulande nur begrenzt ein Allgemeingut. Er gehört jemandem, manchmal auch mehreren (meist dem Staat, den Kirchen oder dem alten Adel). Theoretisch könnte man ihn einzäunen, roden, den anderen entziehen. Doch was ein Waldbesitzer mit seinem Wald macht, wird durch das Gesetz beschränkt.

Die Gesellschaft hat ihr Recht auf Wald. Alle Menschen können ihn betreten, wenn sie sich an Regeln halten, die dafür sorgen sollen, dass dem Waldbesitzer sein Eigentum erhalten bleibt. Der Staat wiederum kann den Besitzer kontrollieren, um sicherzustellen, dass das Interesse der Allgemeinheit gewahrt bleibt. Der Wald erfüllt eine Rolle für die Gesellschaft, schützt sie vor Lawinen und Erdrutschen.

Es ist ein ausgeklügeltes System, das mögliche Konflikte um den Wald unterbindet. Es scheint zu funktionieren. Die Österreicher scheinen sich um den Wald zu kümmern, ihn zu achten. So wurde zum Beispiel laut den Statistiken des Land- und Forstwirtschaftsministeriums im Jahr 2014 auf gerade einmal zwei Hektar Waldgrund illegal abgelieferter Müll entdeckt. Der Großteil stammte von den Eigentümern selbst.

Trotzdem gibt es auch Streit um den Wald. Er bedeckt fast die Hälfte des ganzen Landes. Dabei geht es um die Tiere, die Knospen und Rinden fressen, um Zersiedelung, Schwammerlsucher, Radfahrer oder ganze Landstriche, die mit nur einer Baumsorte aufgeforstet werden.

Doch niemand zündet systematisch den Wald an. Das liegt daran, dass in einem wohlhabenden Land wenige Menschen so verzweifelt sind, dass ihr Leben von ein bisschen Ackerland abhängt. Es liegt aber auch daran, dass die Bäume jemandem gehören, jemand für sie verantwortlich ist, sei es ein staatlicher Forstbetrieb, ein privater oder ein Mönchsorden. Sie alle müssen die Balance finden zwischen ihren eigenen Interessen und den Pflichten, die ihnen die Gesellschaft auferlegt. Finden sie zusammen, gewinnen alle – auch der Wald.