Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln: Hilft’s nicht, so schadet’s nicht

von Dominik Feldges / 15.08.2016

Ein stärkeres Herz, bessere Gelenkfunktionen, weniger Verdauungsstörungen – wer will das nicht. Firmen bietet sich bei Nahrungsergänzungsmitteln ein lukrativer Markt. Doch der Wettbewerb ist hart.

Der Chemiekonzern Lonza schluckt einen amerikanischen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln – mit gutem Grund. Präparate, die angeblich das gesundheitliche Wohl steigern, erfreuen sich grosser Beliebtheit, besonders in den USA. Fast die Hälfte aller Amerikaner konsumieren laut Branchenexperten sogenannte Food-Supplements, die meist in Pillenform rezeptfrei in Drogerien oder im Internet erhältlich sind. Die Hersteller schreiben ihnen wohltuende Effekte wie etwa die Stärkung der Herztätigkeit oder von Gelenkfunktionen zu.

Ein Milliardengeschäft

Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln ist allein in Amerika rund 37 Milliarden Dollar schwer, wie das Branchen-Fachmagazin „Nutrition Business Journal“ berechnet hat. Weltweit sollen mit dieser Art von Produkten jährlich gegen 90 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Das Verkaufsvolumen expandiert kräftig; laut den Angaben der Marktforschungsfirma Euromonitor sind die Einnahmen zwischen 2009 und 2014 um mehr als 50 Prozent schneller gewachsen als im gesamten Geschäft mit nichtrezeptpflichtigen Medikamenten wie Hals- oder Kopfwehtabletten. Hinzu kommt, dass in diesem Markt lukrative Margen locken.

Sie sind zwar nicht so hoch wie im Pharmageschäft, wo Hersteller, gestützt auf aufwendige klinische Studien, einen Nutzen für Patienten reklamieren dürfen und über entsprechend viel Macht in der Preissetzung verfügen. Doch Konsumenten sind in der Hoffnung, dank Nahrungsergänzungsmitteln leistungsfähiger im Beruf oder Sport zu sein sowie ganz allgemein gesünder zu leben, bereit, für diese tief in die Tasche zu greifen.

Niedrige Zulassungshürden

Attraktiv für einen Produzenten wie Lonza, der mit der kalifornischen Firma Interhealth Nutraceuticals bestehende kleine Aktivitäten im Bereich Food-Supplements ergänzt, sind auch die niedrigen Hürden in der Zulassung und im Vertrieb dieser Art von Produkten. Seit dem Erlass eines entsprechenden Gesetzes 1994 sind Hersteller berechtigt, in den USA Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt zu bringen, ohne den Nachweis für deren Sicherheit oder Wirksamkeit bei der nationalen Gesundheitsbehörde Federal Drug Administration (FDA) zu erbringen.

Kein Wunder, ist das Geschäft förmlich explodiert. Amerikanische Konsumenten haben laut einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „The Economist“ mehr als 20 Mal so viele Nahrungsergänzungsmittel zur Auswahl als vor gut zwei Dezennien.

Der Teufel sitzt im Detail

Nicht nur die Vielfalt an Produkten ist gross, es gibt auch unzählige Anbieter. Die Zersplitterung des Marktes wird auch Lonza die Aufgabe nicht erleichtern, obschon das Unternehmen erwartet, dass sich dank der Integration der neuen US-Tochterfirma „bedeutende Synergien“ ergeben. Mit Vorsicht zu geniessen ist auch die liberale Regulierung in den USA.

Sie birgt die Gefahr, dass es Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln mit Hinweisen zur angeblich gesundheitsfördernden Wirkung ihrer Produkte übertreiben. In Amerika ist bereits eine Vielzahl von Klagen hängig, weil gewisse Erzeugnisse offenbar nicht das gehalten haben, was ihre Anbieter versprechen. Vor Gericht gewonnen hat in einem aufsehenerregenden Fall indes vor einem Jahr der deutsche Konzern Bayer. Dieser habe keine überzogenen Versprechen bei einem zur Vorbeugung von Verdauungsstörungen eingesetzten Produkt gemacht, befand ein Gericht in New Jersey.

Wie viel Chemie ist erwünscht?

Grundsätzlich ist es der Urteilskraft von Konsumenten zu überlassen, ob sie ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel einnehmen wollen oder nicht. Niemand zwingt sie dazu. Zudem werden solche Produkte fast nie von Krankenkassen bezahlt, die Kosten gehen vollständig zulasten des Verbrauchers. Insofern ist es zu begrüssen, wenn Behörden diesen Markt an der langen Leine belassen. Die grösste Gefahr für die Hersteller lauert ohnehin woanders: bei der Bereitschaft vieler Leute, sich natürlicher zu ernähren. Zu spüren bekommen hat dies in den USA schon die Fast-Food-Industrie. Wer weiss, vielleicht wollen die Amerikaner dereinst auch nicht mehr so viel Chemie zum Essen schlucken.