Gespräch mit dem Wirtschaftshistoriker Nicholas Crafts: „Brexit ist irrelevant für Reformen“

von Gerald Hosp / 03.07.2016

Der Brexit-Entscheid hat das politische Großbritannien ins Chaos gestürzt. Wie sieht es mit der längerfristigen Wirtschaftsentwicklung aus? Ein Gespräch mit dem Wirtschaftshistoriker Nicholas Crafts.

Herr Crafts, das Pfund ist stark gefallen, die Regierung in London ist nicht handlungsfähig, die Opposition ist in der Krise. Es ist unklar, was Großbritannien von der EU will. Sind Sie vom Chaos überrascht?

Ich habe Ähnliches erwartet. Was immer man auch über die mittel- und langfristigen Entwicklungen denkt, auf kurze Sicht überwiegt der Pessimismus. Die Unsicherheit wird sich in geringeren Investitionen und in einer Form von Rezession zeigen.

Mit einem niedrigeren Außenwert des Pfunds dürften aber die Exporte steigen.

Ja, wenn es keine Lohnanpassungen gibt. Die Leistungsbilanz könnte sich verbessern. Gleichzeitig sinken wegen der höheren Importpreise die Realeinkommen. Die Briten werden ärmer.

Die langfristigen Auswirkungen könnten aber weniger pessimistisch sein. Würden Sie den Brexit-Entscheid eher mit der Glorreichen Revolution im 17. Jahrhundert oder der Suezkrise in den 1950er Jahren vergleichen?

Ich fürchte, es ist keine glorreiche Revolution. Ob es eine Suezkrise ist, hängt in großem Masse von der Art des Brexit ab. Aus ökonomischer Sicht heißt ein Austritt, dass sich die Handelskosten erhöhen; ausschlaggebend wird sein, wie sehr. Ein niedrigeres Handelsvolumen führt zu weniger Investitionen und zu einer geringeren Produktivität. Die ökonomischen Studien, die einen mittelfristigen Rückgang der Wirtschaftsaktivität um 2,5 Prozent bis 3 Prozent voraussehen, klingen plausibel. Das sagt aber wenig über das Trendwachstum aus.

Die meisten Ökonomen haben vor einem Einbruch bei der Wirtschaft gewarnt. Warum hat die Mehrheit der Bevölkerung nicht auf die Ökonomen gehört?

Erstens wurde makroökonomisch argumentiert. Die Vorteile der EU sind aber nicht auf alle Regionen gleich verteilt. Ein erleichterter Marktzutritt durch die EU-Regeln dürfte aber den Niedergang des verarbeitenden Gewerbes beschleunigt haben, das vor allem im Norden Englands angesiedelt ist. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Wirtschaftsaktivität über die Zeit vom Norden in den Süden, darunter auch London, gewandert ist. Die regionale Ungleichheit hat sich mit der EU verstärkt. Zweitens gibt es das Problem der Zuwanderung. Viele Ökonomen sagen, dass Migranten volkswirtschaftlich einen kleinen Nettogewinn bedeuten. Die Löhne von Niedrigqualifizierten wurden aber betroffen. Migranten eignen sich dabei als ökonomische Sündenböcke. Drittens erscheinen die EU-Mitgliedsbeiträge als Nachteil real, während die Handelsvorteile wenig sichtbar sind.

Großbritannien bezeichnet sich selbst gerne als stolze Handelsnation. In der Brexit-Bewegung gibt es zwei Strömungen: War die Abstimmung mehr eine Absage an die Globalisierung oder eine Öffnung hin zu neuen Märkten außerhalb Europas?

Bei den Brexit-Befürwortern gibt es tatsächlich eine Spaltung. Manche sprechen sich gar gegen eine Begrenzung der Migration aus. Ein Großteil der Leute, die für den Brexit gestimmt haben, sind aber gegen die langanhaltende Deindustrialisierung. Viele, die ihre Jobs verloren haben, sind niedrigqualifizierte männliche Arbeiter. Die größere Kraft hinter der Deindustrialisierung ist aber der technologische Wandel, der einen Großteil dieser Arbeitsstellen obsolet macht. Es ist eine Illusion, dies mit dem Brexit aufhalten zu wollen. Zudem würden höhere Handelskosten die Exportwirtschaft, wie etwa die Autobranche, treffen. Ausländische Direktinvestitionen könnten spärlicher fließen.

Es gibt die Hoffnung, dass mit dem Brexit die Beziehungen zu den übrigen Commonwealth-Ländern besser werden? Regt sich das Empire?

Großbritannien könnte tatsächlich mit Ländern wie Indien oder Australien Freihandelsverträge abschließen, mit denen die EU derzeit keine Abkommen hat. Vielleicht kann dabei besser auf britische Interessen eingegangen werden. Gleichzeitig hat aber Großbritannien weniger Verhandlungsmacht als die EU. Außerdem wird eher mit Ländern gehandelt, die nahe sind. Ich glaube, dass das Ausmaß, mit dem die Exporte beispielsweise nach Indien ausgeweitet werden können, übertrieben wird. Zudem sind Verhandlungen im Dienstleistungssektor notorisch schwierig. Und für Großbritannien ist besonders der Dienstleistungssektor wichtig.

In den 1960er und 1970er Jahren war Großbritannien der kranke Mann Europas. Mit dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahr 1973 änderte sich dies. Brexit-Befürworter argumentieren jetzt, dass Großbritannien wirtschaftlich besser dastehe als die Eurozone, was ein Grund für einen Austritt sei.

Grossbritannien hatte in jener Zeit in der Tat ein Wachstumsproblem. Das ist unbestritten. Wie es heute aussieht, ist schwieriger zu sagen. Vor der Finanzkrise wuchs das Vereinigte Königreich stark. Die Frage ist, wie nachhaltig dies vor allem angesichts des grossen Finanzsektors war. Derzeit diskutieren wir über das Produktivitätsrätsel: Die Produktivität nimmt nicht zu, auch wenn die Wirtschaft wächst.

Sie betonen in Ihrer Arbeit, dass der Beitritt zur EWG den Wettbewerb gefördert hat. Haben aber nicht die Reformen unter der früheren Ministerpräsidentin Margaret Thatcher Großbritannien wieder vorangebracht?

Nun, der EWG-Beitritt war Teil der Thatcher-Reformen. Der Binnenmarkt war wichtig für sie. Thatcher wandte sich später gegen die Idee der EU wegen der vertieften politischen Integration. Mehr Wettbewerb für Großbritannien war damals der Schlüssel zu mehr Wachstum. Diese Probleme sind gelöst, die Macht der Gewerkschaften wurde gebrochen, die Wettbewerbsbehörden sind gestärkt. Der Brexit würde dies nicht mehr ändern.

Ist der Brexit nicht Reformanstoß?

In einem optimistischen Szenario könnte der Austritt aus der EU ein Anstoss für angebotsseitige Reformen sein, die zu einer höheren Produktivität führen. Brexit ist aber keine Antwort auf die Fragen, die derzeit am drängendsten sind. Der Brexit ist in dieser Hinsicht irrelevant oder macht es gar schlimmer. Möglicherweise wird die Büchse der Pandora geöffnet, und wir werden von mehr Protektionismus befallen. Die Hürden für gute angebotsseitige Politik liegen in Westminster und nicht in Brüssel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden in der konservativen Partei gibt, der Appetit auf radikale Reformen hat. Solche würden die Infrastruktur, Innovationspolitik, Ausbildung, Fiskalpolitik und Regulierung betreffen. Die Brexit-Befürworter würden sagen: Ha, bei der Regulierung lässt sich jetzt was machen. Der wichtigste Punkt hierbei wäre aber die Raumplanung, die völlig unter der Kontrolle von Westminster ist.

Die Güter- und Arbeitsmärkte sind bereits relativ liberal.

Das stimmt. Wir haben eine vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit ohne inflationären Druck. Das größte Problem am Arbeitsmarkt ist derzeit die geringe regionale Mobilität, die wiederum auf die Probleme der Raumplanung und des Wohnungsmarktes zurückgeführt werden kann.

Großbritannien dürfte seinen Sparkurs beim Staatshaushalt für die nächste Zeit aufgeben.

Weil die Geldpolitik ihre Grenzen hat, wird es wohl zu einer lockereren Fiskalpolitik kommen. Die Zahlen, wie die öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, sind noch nicht besorgniserregend. Auf mittlere Frist könnte es aber bedeuten, dass ein noch härterer Sparkurs gefahren werden muss.

Wird die Geldpolitik auch expansiver als zuvor gedacht?

Die Bank of England wird mehrere Gründe finden, kurzfristig die Zinsen nicht zu erhöhen oder gar zu senken, auch wenn die Inflation wegen höherer Importpreise zunehmen wird. Ich nehme auch an, dass wir vor einer Phase der finanziellen Rezession stehen, bei der die Bank of England den Erfordernissen der Finanzpolitik untergeordnet wird.

Für welche Art der Beziehung mit der EU wird sich die Regierung entscheiden?

Ich weiß es nicht. Es hängt davon ab, wer der Premierminister sein wird. Es ist möglich, dass man gar nicht austreten wird, um sich nicht den Konsequenzen stellen zu müssen; dies ist aber unwahrscheinlich. Ein absolutes Minimum, das von politischer Seite gefordert wird, ist wohl die ernsthafte Kontrolle über die Migration. Das dürfte bedeuten, dass es den uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt nicht geben wird, was die Handelskosten erhöhen dürfte.

Wie wird es mit der EU und der Eurozone weitergehen?

Ich habe zu der Meinung tendiert, dass eine Stabilisierung der Eurozone mit vertiefter politischer Integration erreicht werde. Ich bin mir nicht mehr sicher. Viele sind aber fest dazu entschlossen, den Euro zu erhalten. Wenn wir zurück in die 1930er Jahre gehen: Ein Naivling vom Mars könnte annehmen, dass der Goldstandard und die Eurozone Ähnlichkeiten hätten. Der Goldstandard kollabierte damals. Ein Zusammenbruch der Eurozone wurde bisher vermieden.