Bryan and Cherry Alexander / LUZ

Randnotiz: Russland

Glücklich dank Anarcho-Kommunismus

von Benjamin Triebe / 28.05.2016

Nicht wenige Russen leben abseits der Zivilisation, abgelegen in kleinen Dörfern in der Taiga: isoliert, aber glücklich. Wenn es nach ihnen geht, soll das auch so bleiben.

„In Russland leben 86 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter. Bei 38 Millionen von ihnen weiß man überhaupt nicht, was sie machen.“ Das sagte die russische Vizeregierungschefin Olga Golodez im Jahr 2013. Damit spielte sie auf die Unzulänglichkeit der nationalen Statistiken an, in denen viele Einwohner nicht erfasst sind, weil sie nie in Kontakt mit den Behörden treten. Erwähnt hat das Zitat der Soziologe Artemi Posanenko von der Moskauer Higher School of Economics (HSE), als ihn unlängst das Online-Magazin „Sapowednik“ über seine Forschungen interviewte.

Posanenko reiste zu jenen russischen Siedlungen, die nur mit erheblichen Mühen zu erreichen sind, fernab und isoliert in den schier unendlichen Weiten des flächengrößten Landes der Erde. Es sind autarke Gemeinschaften, laut Posanenko leben sie einträchtig und solidarisch – gewissermassen als Anarcho-Kommunisten.

Sie ernähren sich von Subsistenzwirtschaft, Jagd und Fischerei, von etwas Ackerbau und Viehzucht oder auch vom Sammeln und Verkaufen von Beeren. Manche der Dörfer sind sehr alt, andere entstanden in der Sowjetzeit. Unter den Kommunisten wurde noch der Transport zu den regionalen Zentren organisiert, und sei es per Helikopter. Solche Flüge kann sich heute keiner leisten.

Deshalb bleiben die Einwohner unter sich und machen sich nur in dringenden Fällen per Boot, Geländewagen oder umgebautem Schützenpanzer auf zur Bezirkshauptstadt. Einer sagte dem Soziologen: „Wenn jemand aus dem Nachbardorf zu uns kommen will und vermisst wird, dann wird er gar nicht erst gesucht. Weil es nutzlos ist: über 100, sogar 200 km nur Taiga und sonst nichts.“

Die Kosten für den Weg zum Arbeitsamt sind höher als die Sozialhilfe, deshalb lassen sich die Landbewohner selten erfassen. Sie wollen ihre Selbständigkeit bewahren und wehren sich gegen den Bau von Zufahrtsstraßen. Eine Anbindung könnte einen Sog erzeugen: Erst gehen die Jungen, dann stirbt das Dorf. So verharren sie im statistischen Schatten, aber gemäß Posanenko mit dem Gefühl des Privilegs völliger Freiheit. Dafür muss man in Russland wirklich weit fahren.