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Wachsender Internet-Markt

Googles Mühe im russischen Netz

von Benjamin Triebe / 04.08.2016

Im Ringen um das russische Internet muss sich Google nicht nur mit Platzhirsch Yandex und dem Wettbewerbsrecht arrangieren. Auch die Politik kann plötzlich zum Problem werden. So wie jetzt wieder.

Ländergrenzen spielen im Netz oft keine grosse Rolle mehr, aber manchmal eben doch. Der amerikanische Internetkonzern Google (Alphabet) hat das jetzt wieder zu spüren bekommen. Der russische Kommunikationsminister Nikolai Nikiforow drohte dem Unternehmen vor ein paar Tagen, es könne die Möglichkeit verlieren, im russischen Wachstumsmarkt „effizient Geschäfte zu machen“. Mit seinem Kartendienst Google Maps muss der Konzern nämlich eine grosse Klippe umschiffen: die staatliche Zugehörigkeit der Halbinsel Krim. Die gehört völkerrechtlich zur Ukraine, wurde aber im Frühjahr 2014 von Russland annektiert. Seither wird die Krim bei Seitenaufrufen aus der Ukraine auch als Teil der Ukraine gezeigt, bei russischen Aufrufen von Google Maps liegt sie in den russischen Landesgrenzen. Google ist pragmatisch.

Dennoch braute sich jüngst ein Sturm zusammen. Google hatte Ende Juli in seinem Kartendienst einige Orte auf der Krim umbenannt. Dahinter steckte eine grosse Anti-Kommunismus-Kampagne aus Kiew, bei der Dutzende Städte und Dörfer statt eines in der Sowjetzeit erhaltenen Namens wieder ihre ursprüngliche Bezeichnung bekommen sollen. Sergei Aksjonow, der Ministerpräsident der Krim, schäumte und sprach von Russophobie, Hysterie und Propaganda. Google reagierte schnell und machte die Umbenennung rückgängig – zumindest in der Version von Google Maps, die von Russland aus aufgerufen wird. Damit ist dieses politische Problem aus der Welt, und der US-Konzern kann sich kommerziellen Hürden zuwenden.

Unfairer Konkurrenzkampf

Googles grösster Rivale in Russland ist Yandex. Die heimische Firma ist bereits das grösste Internet-Unternehmen des Landes, verkündete Ende Juli aber einen wichtigen Erfolg im Ringen mit Google: Nachdem die Verträge mit Handy-Herstellern geändert worden seien, habe man bei Internet-Suchen auf Mobilgeräten mit dem Android-Betriebssystem endlich zugelegt, so Yandex. Nun betrage der Marktanteil dort rund 40%. Mit den Vertragsänderungen sorgte Yandex dafür, dass sein Suchdienst auf den Android-Handys vorinstalliert wird und damit leichter zu nutzen ist. Allerdings wird der Dienst auch jetzt nicht auf dem ersten, sondern auf den hinteren Teilen des Startbildschirms angezeigt. Vorne ist meist die Google-Suche zu finden. Und das dürfte den US-Konzern jetzt Geld kosten.

Yandex hatte sich bei der russischen Wettbewerbsbehörde beschwert, weil Google den Handy-Herstellern, die Googles Betriebssystem Android nutzen, die Vorinstallation von Konkurrenzangeboten untersage. Im Oktober 2015 bekam Yandex recht. Ein Einspruch des US-Konzerns wurde abgewiesen, aber der Fall liegt immer noch vor Gericht. Mitte August könnte endlich ein Entscheid fallen. Theoretisch droht Google eine Strafe von bis zu 15% seines Umsatzes im russischen Mobilgeschäft vom Jahr 2014. Google und die Wettbewerbsbehörde suchen noch eine aussergerichtliche Einigung. Ein ähnliches Wettbewerbsverfahren läuft derzeit in der EU; Brüssel kritisiert zudem Googles Werbepraktiken.

Aufholjagd am Ende?

Die harten Bandagen haben ihre Gründe. Auch Russland ist ein Zukunftsmarkt für Internet-Anwendungen. Im Herbst 2004 nutzten nur 14 Mio. erwachsene Russen mindestens einmal im Monat das Netz; Ende 2015 waren es 78 Mio. Laut Yandex ist das Internet etwas weniger als im europäischen Durchschnitt verbreitet, aber deutlich mehr als im globalen. Der Umsatz des Konzerns ist von 12,5 Mrd. Rbl. im Jahr 2010 auf 59,8 Mrd. Rbl. (820 Mio. $) im Jahr 2015 geklettert, und der Marktanteil bei Suchanfragen (Desktop und Mobil) ist mit knapp 60% relativ konstant. Allerdings holte Google hier zulasten anderer Konkurrenten seit einigen Jahren auf und erreicht nun etwa 35%. Die russische Google-Tochter verzeichnete 2015 ein Wachstum der Erlöse um einen Viertel auf umgerechnet 311 Mio. $.

Bei allem Wettbewerb gibt es eine Sache im russischen Netz, die Yandex und Google akut wenig bedroht – Internetanbieter und Mobilfunkbetreiber aber umso mehr. Moskau hat jüngst ein neues Gesetz gegen Terrorismus beschlossen. Demzufolge sollen Telekomanbieter und Internetprovider die Verbindungsdaten und Inhalte ihrer Kunden für mehrere Monate oder sogar Jahre speichern. Schrittweise soll bis Juli 2018 die gesamte Kommunikation im Land aufgezeichnet werden. Die Ausgaben für Aufbau und Unterhalt der Speicherkapazitäten gelten als so astronomisch, dass niemand sie verlässlich beziffern kann. Branchenschätzungen variieren zwischen 2000 Mrd. Rbl. und 5000 Mrd. Rbl. (bis zu 75 Mrd. $). Einige Anbieter drohen damit, ihre Tarife zu verdoppeln oder gar zu vervierfachen. Das würde den Online-Markt belasten und würde so mittelfristig auch für Yandex und Google zum Problem. Yandex – Life-Hacks für Russlandbet. ⋅ Es ist in Russland möglich, den Alltag ohne Yandex zu organisieren. Aber es ist schwierig. Die 1997 und damit ein Jahr vor Google gegründete russische Alternative zu dem amerikanischen Konzern bietet fast alles, was Google hat, zum Beispiel eine Suchmaschine, einen Kartendienst, ein Nachrichtenportal und einen Browser – aber auch manches mehr, etwa zahlreiche Apps für das tägliche Leben, von Metroplänen bis zum Zug- und Busverkehr. Yandex entwickelte sogar einen eigenen Taxidienst, dessen Fahrzeuge sich per App rufen lassen. Yandex.Taxi funktioniert bereits in 28 Städten. Die Zahl an Fahrten in den russischen Regionen wächst exponentiell, und der Dienst soll weiter aggressiv ausgebaut werden. Mit den Ende Juli vorgelegten Zahlen zum zweiten Quartal hat Yandex die Erwartungen der Analytiker übertroffen: Der Umsatz nahm trotz der anhaltenden Rezession um 30% auf 18 Mrd. Rbl. (271 Mio. $) zu, der bereinigte Gewinn erreichte umgerechnet 59 Mio. $.