Jörn Kaspuhl

Gratwanderung bei Anleihe-Investments

von Anne-Barbara Luft / 18.01.2016

Der Auftakt in das neue Jahr lief gut für Anleihen. Festverzinsliche Papiere profitierten von den Kurseinbrüchen an den Aktienbörsen. Trotzdem wird 2016 ein schwieriges Jahr für Obligationen – aus einer Vielzahl von Gründen.

Anfang Dezember vergangenen Jahres hat Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), bekannt gegeben, das umstrittene Kaufprogramm von Staatsanleihen um sechs Monate zu verlängern. Die EZB wird also weitere 360 Milliarden Euro in den Anleihemarkt der Eurozone pumpen. Nur zwei Wochen später verkündete die US-Notenbank das Ende der Nullzinspolitik: Sie hob die Leitzinsen zum ersten Mal seit dem Jahr 2006 um 25 Basispunkte an und stellte eine schrittweise Erhöhung der Zinsen für 2016 in Aussicht. Während das Fed den Kurswechsel vollzieht, behält die EZB den Finger am Drücker – bereit für zusätzliche Lockerungsmaßnahmen.

Risiken von allen Seiten

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ließ die Zinsen bei der jüngsten Sitzung unverändert bei –0,75 Prozent. Ausgehend von den Wachstums- und Inflationsprognosen der SNB wird dieses Niveau in den kommenden Jahren unverändert bleiben. Die divergierende Geldpolitik der Zentralbanken wird die Obligationenmärkte dieses Jahr in Atem halten. Für Anleger wird es ein Jahr voller Herausforderungen und hoher Volatilität. Negative Überraschungen drohen vor allem dann, wenn die EZB plötzlich Anlass hätte, ihr Kaufprogramm zu beenden. Ebenso droht Gefahr von der anderen Seite des Atlantiks. Sollte das Fed bei der Erhöhung der Leitzinsen schneller oder aggressiver vorgehen, als es der Markt erwartet, würden die Renditen von US-Bonds deutlich anziehen.

Der Großteil der Marktteilnehmer erwartet nicht, dass das Fed – wie in Aussicht gestellt – in diesem Jahr vier oder fünf Zinsschritte vornehmen wird. Der Konsens liegt bei zwei Zinserhöhungen. Diese wurden vom Markt bereits antizipiert und sind in den Renditen der Obligationen enthalten. „Genau hier liegt eines der größten Risiken für den Anleihemarkt“, sagt Michael Odermatt, Manager eines Anleihefonds bei der Leodan rivatbank. „Was, wenn das Fed den Alleingang wagt und die Leitzinsen drei bis sechs Mal anhebt?“ Vertreter der Notenbank betonten, die US-Konjunktur wachse auf solidem Boden, und räumten somit Hoffnungen von Investoren aus, die Börsenturbulenzen der ersten Handelstage dieses Jahres und die Sorgen um eine Konjunkturschwäche in China könnten das Fed zu einer Änderung seiner Geldpolitik bewegen. Einige Fed-Mitglieder erwarten, dass die Inflation 2016 wieder auf 2 Prozent steigen und die Arbeitslosigkeit unter 5 Prozent fallen wird. Diese Stabilisierung und die straffere Geldpolitik können US-Staatsanleihen belasten. Stephan Kuhnke, Leiter Portfoliomanagement der auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwaltung Bantleon, erwartet, dass die Rendite für 10-jährige Treasuries von derzeit 2,05 Prozent im Laufe des Jahres auf 2,5 Prozent bis 2,75 Prozent ansteigen wird.

Chancen bei Firmenanleihen

Vor allem am kurzen Ende wird man 2016 Bewegungen sehen. Experten rechnen mit einem merklichen Renditeanstieg bei 2-jährigen US-Staatsanleihen. Für Kurzläufer im Bereich zwei bis fünf Jahre werde es ein schlechtes Jahr. Für länger laufende US-Titel sind Marktbeobachter weniger pessimistisch, da ein höherer Coupon einen Teil der Kursverluste ausgleicht. Kurz laufende Papiere reagieren generell stärker auf die Zinspolitik der Zentralbanken. Am längeren Ende sind erst Verluste zu erwarten, wenn sich die Wachstums- und Inflationsaussichten deutlich verbessern. Aufgrund der höheren Coupons hält der Anleihe-Experte Kuhnke auch US-Firmenanleihen im gegenwärtigen Umfeld für die bessere Wahl, da die höhere Verzinsung etwaige Kursverluste zumindest teilweise kompensieren könnte.

Das Segment der US-Hochzinsanleihen geriet Ende vergangenen Jahres unter Druck, nachdem der High-Yield-Fonds „The Third Avenue Focused Credit Fund“ aufgrund hoher Abflüsse hatte schließen müssen. Die fallenden Rohwarenpreise haben in den vergangenen zwei Jahren die energielastigen Obligationenmärkte der USA belastet. Marktbeobachter erwarten für 2016 eine höhere Ausfallrate bei Emittenten des Energiesektors, speziell von Förder- und Produktionsfirmen in den USA. Inzwischen gab es allerdings deutliche Korrekturen, und die höheren Renditen kompensieren das Ausfallrisiko. Sollten sich die Energie- und Rohstoffpreise normalisieren, dann würden genau diese Zinstitel Gewinne verbuchen.

Abgesehen vom Fed ist die Geldpolitik der führenden Notenbanken nach wie vor überwiegend expansiv und dürfte dies auch 2016 bleiben. Für EZB und SNB ist der Zinsschritt in den USA nicht wegweisend. Aufgrund der geringen Inflation im Euro-Währungsraum sowie des starken Frankens ist von beiden Notenbanken 2016 kein geldpolitischer Kurswechsel zu erwarten. Im Euro-Raum ist das Inflationsziel weit entfernt. Vitor Constâncio, Vizepräsident der EZB, bekräftigte jüngst die Bereitschaft zu einer nochmaligen Lockerung, um das Inflationsziel von 2 Prozent zu erreichen.

An den Obligationenmärkten driften die Renditen schon seit einigen Jahren auseinander. Bei 2-jährigen Staatsanleihen ist die Differenz derzeit so hoch wie zuletzt Mitte 2006. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Renditen von US-Bonds mittelfristig auf höherem Niveau bleiben werden als diejenigen von Obligationen europäischer Emittenten. Einige Marktbeobachter rechnen für dieses Jahr mit einem Anstieg der Renditen für Staatsanleihen in den USA und England. Dafür sprächen neben dem Kurswechsel bei der Geldpolitik die hohen Bewertungen. Die divergierende Geldpolitik der Notenbanken in den USA und im Euro-Raum könnte so zu relativen Vorteilen von Euro-Bonds gegenüber US-Anleihen führen.

EZB stützt Euro-Bond-Markt

Im Euro-Raum stützt das Anleihekaufprogramm der EZB den Anleihemarkt. Die niedrigen Renditen spiegeln zu einem großen Teil die expansive Politik aus dem Hause Draghi. Eine deutliche Konjunkturbelebung mit einem Anziehen der Inflation würde unter Anlegern Ängste schüren, dass die EZB ihre wachstumsfreundliche Politik beenden oder wenigsten drosseln könnte. Die hohen Bewertungen bergen die Gefahr von Rückschlägen, vor allem bei Titeln der Kernländer und von Emittenten bester Kreditqualität.

Peripherie-Anleihen zählten im vergangenen Jahr zu den Gewinnern an den internationalen Obligationenmärkten. Zinstitel des spanischen oder italienischen Staats könnten auch 2016 trotz einem leichten Zinsanstieg bei Bundesanleihen noch positive Erträge für Anleger abwerfen. Anleihen der Peripherie-Länder könnten auch in diesem Jahr noch vom Kaufprogramm der EZB profitieren, sagt Odermatt. Die Renditedifferenz italienischer Papiere zu deutschen Bundesanleihen liegt derzeit bei 110 Basispunkten. Dieser Spread könnte sich in den kommenden Monaten einengen.

Dies- und jenseits des Atlantiks wird der Markt 2016 von starken Schwankungen geprägt sein. Die hohe Volatilität spiegelt die wechselhafte Stimmung der Anleger – für umsichtige Investoren mit einem längeren Anlagehorizont können solche Schwankungen in einem schwierigen Jahr 2016 Chancen bieten.