Griechenland: Eine Verschwendung?

von Lukas Sustala / 11.06.2015

Es reicht! Der italienische Wirtschaftsprofessor Francesco Giavazzi hat in einem regelrechten ‘Rant‘ auf der Kommentarseite der Financial Times gefordert, das Thema Griechenland von der europäischen Tagesordnung zu streichen, mehr als 830 Postings hat sein Kommentar provoziert:

If the Greeks do not want to modernise, we should accept it. By a large majority, they have voted for a government that, six months after the election, remains vastly popular. Its popularity with the electorate signals a wish to remain a nation with a per-capita income half that of Ireland, less than that of Slovenia. In a few years it will be overtaken by Chile. I only hope that no one in Athens dreams that debt forgiveness and Grexit offer an alternative path to growth.

Denn während die Eurozone mit der Nabelschau beschäftigt ist, wachsen China oder Indien rasant, die geopolitischen Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten verschärfen sich und die Arbeitslosigkeit in der Eurozone bleibt ein drängendes, makroökonomisches Thema für ihre Bürger. Doch Gipfel um Gipfel, zuletzt ein Treffen, um die EU-Beziehungen mit Lateinamerika zu stärken, wird vom Schuldenstreit mit Athen überschattet. Oder, wie es Giavazzi schreibt:

It would be interesting to calculate how many hours Angela Merkel has dedicated to Athens in the past five years. Imagine President Barack Obama taking part in high-level talks for months on end, where little was on the agenda except the state of Tennessee. That, in effect, is what Europe’s heads of government have been doing.

Umgelegt auf Österreich würde das bedeuten, dass sich Bundeskanzler Werner Faymann Woche für Woche mit der Finanzlage des niederösterreichischen Waldviertels beschäftigen müsste. Das trägt in etwa genauso viel zur österreichischen Wirtschaftsleistung bei, wie Griechenland zum Wirtschaftsprodukt der Eurozone, nämlich 1,7 Prozent. Griechenland trägt gut 180 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung zu den mehr als 10.300 Milliarden Euro der Eurozone bei (Quelle: EU-Kommission, Ameco).

Man muss schon einen Blick in die feingliedrigste RegionalstatistikDie Statistik Austria erfasst das BIP für drei NUTS-1-Regionen (Ost, West, Süd), 9 NUTS-2-Regionen (die Bundesländer) und 35 NUTS-3-Regionen. der Statistik Austria werfen, um derart kleine Wirtschaftsregionen in Österreich zu finden. Mehrere Regionen auf dieser NUTS-3-EbeneNUTS steht für Nomenclature des unités territoriales statistiques. Sie stellt die systematische statistische Erhebung nach Regionen dar. fallen im Verhältnis in etwa so groß aus wie Griechenland. Das Waldviertel trägt gut 5,6 Mrd. Euro zu Österreichs BIP von mehr als 322 Mrd. Euro bei. Die Östliche Obersteiermark kommt auf 5,5 Milliarden Euro, Pinzgau-Pongau auf sechs Milliarden Euro.

Damit klingt die europäische Aufregung um Griechenland nach einer absurden Situation. Vielleicht aber gibt es gute Gründe, das Thema Griechenland von einem Gipfel zum nächsten zu schleppen: Wenn die Institutionen in der Eurozone so wackelig aufgebaut sind, dass selbst ein kleiner Dominostein zu großem Schaden führt. Dann etwa sind die neuen Milliardenkredite an griechische Banken sinnvoll und damit ebenso das politisch kräftezehrende Tauziehen um Bedingungen und Milliardenhilfe für Griechenland. Wenn das aber nicht der Fall ist, verschwendet Europa viel Zeit und politisches Kapital mit einem eigentlich nachrangigen Thema.