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Krise der deutschen Finanzinstitute:

Gute Industrie und böse Banken

Meinung / von Claudia Aebersold Szalay / 08.10.2016

Deutschland hat nicht erst seit der Finanzkrise Mühe mit seiner Bankenbranche. Das Bankwesen behagt vielen Deutschen nicht, da darf auch einmal der Minister draufhauen.

Wenn ein Wirtschaftsminister eine systemrelevante Bank, die unter grossem Druck steht, mit Spott überhäuft, statt ihr mit Gelassenheit zur Seite zu stehen, zeugt das von mangelndem Verantwortungsbewusstsein. Was Sigmar Gabriel diese Woche über die Deutsche Bank von sich gegeben hat, war fahrlässig. Und doch dürfte er mit seiner Banken-Schelte vielen Deutschen aus dem Herzen gesprochen haben. Die Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Banken, zur Deutschen Bank ganz besonders. Dieses äussert sich etwa darin, dass in Krisen alle Banken, auch die kleinsten, mit Staatsgeldern gerettet werden, während in guten Zeiten ganz besonders die erfolgreichen Geldhäuser Argwohn und Widerwille wecken.

Seltsame Schadenfreude

Deutschland ist traditionell eine Industrienation. Es ist das Land, in dem das Telefon, die Glühbirne, der Ottomotor, der Dieselmotor, das Grammophon, die Röntgenstrahlung und das Aspirin erfunden und entdeckt wurden. Es ist das Land der grossen Maschinen-, Chemie- und – in der jüngeren Vergangenheit – Automobilunternehmen. Es ist Exportweltmeister industrieller Güter. Anders als etwa in Grossbritannien oder der Schweiz gehört das Bankwesen nicht zum wirtschaftlichen Selbstverständnis des Landes. Banken gab es in Deutschland zwar schon immer, seit die Fugger als Bankier der ersten Stunde das Kreditgeschäft aus der Taufe hoben. Doch deren Rolle war klar definiert: Banken waren dazu da, der Industrie zu dienen, und sie hatten sich ihr unterzuordnen. Zu dominant sollten einzelne von ihnen nicht werden.

Die deutschen Banken sprangen spät, aber ziemlich beherzt auf das Investment-Banking-Geschäft auf

Über Jahrhunderte hinweg war denn das gesellschaftlich akzeptierte Geschäftsmodell von Banken in Deutschland ein simples: Sie nahmen Spareinlagen entgegen, um sie den Unternehmen in Form von Krediten zur Verfügung zu stellen, und sie standen den Firmen bei ihren Handelsbeziehungen im Ausland zur Seite. Dieses Modell hatte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Bestand. Auch das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit wurde auf diese Weise finanziert. Doch die Banken sollten im Verständnis der Deutschen nicht zu wichtig werden. Die „Deutschland AG“, die in den 1970er und 1980er Jahren aus Beteiligungen des Finanzsektors an Unternehmen bestand, war damals vielen ein Dorn im Auge. Nicht weil das Konstrukt tatsächlich ein Governance-Problem hatte, sondern weil es den Banken zu viel Einfluss auf die Industrie verlieh. Die Erleichterung war gross, als die Liaison Ende des 20. Jahrhunderts wieder aufgelöst wurde.

Aufschwung des Investment Bankings

Gleichzeitig wurde in Deutschland aber ein für deutsche Banken neues Geschäftsfeld aufgebaut: das internationale Kapitalmarktgeschäft, heute als Investment Banking bekannt und berüchtigt. Die deutschen Banken sprangen in den achtziger Jahren im Vergleich zur angelsächsischen Konkurrenz spät, aber ziemlich beherzt auf das neue Geschäft auf. Die heute zur Commerzbank gehörende Dresdner Bank, die mittlerweile zur italienischen Unicredit gehörende HypoVereinsbank, die Commerzbank selbst, viele Landesbanken und vor allem die Deutsche Bank bauten das Investment Banking bis zum Jahrtausendwechsel rapide aus. Der Ausbau verhalf ihnen zu einer neuen Grösse, die vielen Deutschen nicht behagte.

Vor allem die Deutsche Bank, die es als einziges deutsches Institut an die Weltspitze schaffte, wurde zum Schwergewicht. Nirgends zeigt sich in der neueren Geschichte das gespaltene Verhältnis der Deutschen zu ihren Banken so deutlich wie in ihrer Hassliebe zur Deutschen Bank. Als sie nach der Jahrtausendwende vor Stärke strotzte und die anderen Institute im Land punkto Ertragsstärke und Bedeutung weit hinter sich liess, brachte ihr das zwar Bewunderung, aber auch Neid ein. Ihr eklatanter Erfolg machte sie in den Augen vieler suspekt. Überflieger behagen den Deutschen nicht. Gleichstellung, nicht Herausragen ist ihre Sache.

Überflieger behagen den Deutschen nicht. Gleichstellung, nicht Herausragen ist ihre Sache.

Geradezu grotesk wurde die gestörte Beziehung des Landes zur Bank, als diese während der Finanzkrise keine staatlichen Gelder annehmen wollte. Arroganz und mangelnde Solidarität wurden ihr vorgeworfen, nicht nur von linksgerichteten Politikern, nein, auch von Wortführern der Steuerzahler, die für die Bankenrettung aufkommen mussten. Seit die grösste Bank Deutschlands Verluste schreibt und Milliardenbussen wegen Vergehen in der Subprime-Ära schultern muss, ist die Schadenfreude gross.

Die Banken selbst haben im 21. Jahrhundert herzlich wenig getan, um die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Branche zu verbessern. Auch in Deutschland nicht. Mit dubiosen Geschäftspraktiken in den fetten Jahren nach der Jahrtausendwende haben sie eine Krise losgetreten, die die Gesellschaft teuer zu stehen gekommen ist. Mit ihrer Überheblichkeit und Uneinsichtigkeit während dieser Zeit trieben einige deutsche Banker ihre Institute geradezu in den „Rufselbstmord“. Das Publikum aber haben sie mit ihrem Verhalten bekräftigt in seinem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Banken, das weit über den engen Kreis der Kapitalismuskritiker hinausgeht. In Umfragen bekundet nicht einmal ein Viertel der Bürger in Deutschland Vertrauen in die Banken. Gleichzeitig grassiert im Land die Sparkassen-Romantik. Die unzähligen Sparkassen und Genossenschaftsbanken spielen genau die Rolle, die den Banken im Urteil der Deutschen zusteht: Sie stehen im Dienste lokaler KMU. Gänzlich ausgeblendet wird dabei, dass diese Geldhäuser zusammen mit den Landesbanken hauptverantwortlich für die Überkapazitäten in der deutschen Bankenbranche sind, unter denen das deutsche Finanzsystem bis heute leidet.

Der Markt bestimmt

Es ist grundsätzlich richtig, von den Banken eine realwirtschaftliche Existenzberechtigung zu fordern – nachhaltig erfolgreiche Geldhäuser müssen reale Bedürfnisse ihrer Kunden befriedigen. Doch diese Bedürfnisse wandeln sich mit den Jahrzehnten, und nicht alles, was von der klassischen Vorstellung „Bank gewährt Unternehmen Kredite“ abweicht, ist des Teufels. War vor hundert Jahren eine Exportfinanzierung noch das Komplizierteste, was ein deutsches Unternehmen von seiner Hausbank verlangen konnte, so sind die Ansprüche heute um ein Vielfaches komplexer.

Die deutsche Vorstellung von „guten“ Industrieunternehmen und „bösen“ Banken ist genauso realitätsfern wie die Trennung in „gute“ Sparkassen und „böse“ Investmentbanken. Gut ist, was am besten zu den jeweiligen Bedürfnissen der Wirtschaft passt. Bietet die Deutsche Bank den Unternehmen das, was diese für ihren Erfolg benötigen, ist auch sie erfolgreich. Die Solidaritätsbekundung deutscher Grosskonzerne mit der Bank nach der Gabriel-Schelte deutet darauf hin, dass die Dienste der Bank noch gebraucht werden. Zum Glück entscheidet letztlich der Markt über Erfolg und Misserfolg von Unternehmen und Banken – und nicht der Wirtschaftsminister.