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Analyse zur Arbeitsproduktivität

Hat Österreich ein Urlaubsproblem?

von Leopold Stefan / 21.12.2015

Kann denn Urlaub Sünde sein? Die Feiertage fallen dieses Jahr besonders gut, und in vielen Unternehmen werden die kommenden zwei Wochen besonders ruhig ausfallen. Österreich ist im internationalen Vergleich so etwas wie der Urlaubsweltmeister, und trotzdem nehmen Stress und Druck auf der anderen Seite zu. Im ersten Teil einer kleinen Serie zum Urlaub wird analysiert, wie es denn um die freien Tage und die Produktivität in Österreich bestellt ist.

Weihnachten naht, und somit stehen viele Räder im Land still, und Monitore bleiben dunkel. Der Urlaub ist den Österreichern meist heiliger als der jeweilige festliche Anlass. Schließlich besteht in kaum einem anderen Land so viel Anspruch auf gesetzlich verordnete FreizeitLaut einer Studie des Center for Economic and Policy Research aus dem Jahr 2013 lag Österreich mit 5 Wochen und 13 Feiertagen an der OECD-Spitze beim gesetzlichen Urlaubsanspruch. Die Zahl der Feiertage variiert in den Ländern zum Teil von Jahr zu Jahr. Zum Beispiel erhalten Japaner den Montag frei, wenn ein gesetzlicher Feiertag, wie der Geburtstag des Kaisers, auf den Sonntag fällt. . In Zeiten des schwachen Wirtschaftswachstums darf man trotzdem die Frage stellen, wie sich die großzügigen Ferienansprüche auf die Produktivität auswirken. Vor allem, wenn Gewerkschaftsvertreter sogar eine sechste Urlaubswoche fordern. Sind die Zeiten vorbei, in denen die Österreicher in die Hände gespuckt haben, um das Bruttonationalprodukt zu steigern?

Im letzten Jahr hat Österreich abermals bei diversen Wettbewerbsrankings nachgelassen. Die Republik hinkt bei der Effizienz des Arbeitmarktes im Vergleich zu anderen Industriestaaten hinterher.

Die Lohnstückkosten spielen dabei eine wichtige Rolle. Zwischen 2009 und 2013 haben sie sich im europäischen Vergleich deutlich schneller erhöht als in den Jahren vor der Krise. Das entspricht einem Abrutschen Österreichs vom zweiten auf den sechzehnten Platz innerhalb der Eurozone. Im letzten Quartal ist die Arbeitsproduktivität um 0,1 Prozent zurückgegangen. In Deutschland zum Beispiel fallen bei Unternehmen für den gleichen Bruttolohn zehn Prozent weniger Gesamtkosten an, wie eine Studie des Steuerberaters Ecovis ergeben hat.

Die Kosten für Arbeit sind eine Seite der Medaille. Der relative Rückgang der österreichischen Arbeitsproduktivität wird aber auch auf der Kehrseite sichtbar: Die Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigem geht seit einem halben Jahrzehnt im Vergleich zum EU-Schnitt zurück. Das muss aber keinesfalls an mangelnder Effizienz der hiesigen Arbeiter und Angestellten liegen.

Gar nicht so ineffizient

Betrachtet man die Stundenproduktivität, also den Anteil an der Wirtschaftsleistung, den der durchschnittliche Arbeitnehmer in sechzig Minuten beisteuert, liegt Österreich auf Platz neun in der EU. Diese Position im oberen Mittelfeld hat sich seit dem Jahr 2000 nicht verschlechtert – im direkten Ländervergleich konnte Deutschland aber auch hier seinen Vorsprung ausbauen.

Wenn die Produktivität des einzelnen Beschäftigten im Land mit dem europäischen Trend Schritt hält, müssen die insgesamt abflachenden Produktivitätsgewinne andere Ursachen haben – zum Beispiel einen Rückgang der gesamten Arbeitsleistung.

Tatsächlich ist die Summe der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden in Österreich pro Jahr seit langem rückläufig. Immer mehr Menschen arbeiten freiwillig oder unfreiwillig in Teilzeit. Seit der Finanzkrise ist der Anteil noch einmal deutlich gestiegen und machte im vergangenen Jahr über ein Fünftel der Beschäftigten aus. In der EU weisen nur die Niederländer eine höhere Teilzeitquote auf.

Wie viel Urlaub ist zu viel?

Österreich hat noch einigen Spielraum, um die Wettbewerbsfähigkeit über die Arbeitsproduktivität zu steigern, vor allem über die Quantität. Wäre eine sechste Urlaubswoche daher kontraproduktiv?

Man dürfe den Effekt der Urlaubszeiten auf die Produktivität nicht überbewerten, meint Rudolf Winter-Ebmer, Professor für Arbeitsmarktökonomik an der Universität Linz. Bei einer Anpassung der Urlaubszeiten geht es für Unternehmen schlicht um Lohnkomponenten. Das Wichtigste für Arbeitgeber sei, dass mehr Urlaub mit einer Anpassung der Löhne einhergehe. Einen gewichtigen Effekt der Urlaubszeiten auf die Arbeitsproduktivität sieht Winter-Ebmer nicht gegeben.

Außerdem gilt es, das Phänomen des „overworked american“ zu bedenken. Obwohl die USA als eine der dynamischen Volkswirtschaften gilt, weisen die amerikanischen Arbeitnehmer eine geringere Stundenproduktivität auf als viele europäische Volkswirtschaften. Mehrere ökonomische Studien haben gezeigt, dass höhere Gesamtarbeitszeiten die Stundenproduktivität reduzieren.

Dass Menschen, die länger arbeiten, ermüden und daher weniger leistungsfähig sind, ist naheliegend. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist es jedoch auch wichtig zu betrachten, ab wann der zusätzliche Arbeitseinsatz gar keine Wertschöpfung mehr bringt, sondern sogar Extrakosten verursacht.

Eine Untersuchung der französischen Nationalbank von 18 OECD-Staaten hat versucht, die negativen Konsequenzen der Überarbeitung in Zahlen zu gießen. Demnach reduziert jede weitere Erhöhung der Arbeitszeit ab 2.025 geleisteten Stunden im Jahr die Produktivität mindestens im gleichen Ausmaß. Je nach Stundenlohn, oder bei Zulagen für Überstunden, rentieren sich lange Arbeitszeiten für Unternehmen bald nicht mehr.

In kaum einem OECD-LandNennenswerte Ausnahmen bilden Südkorea (2.079 Stunden pro Jahr) und Griechenland (2.042 Stunden im Jahr). Die Vergleichbarkeit der Daten ist aufgrund uneinheitlicher Standards nur bedingt möglich. Die Daten eignen sich eher für Trends innerhalb der Länder. liegen die durchschnittlichen Arbeitszeiten in der Nähe dieser Grenze. Zwischen 2000 und 2014 sank die jährliche Gesamtarbeitszeit in Österreich von 1.800 auf rund 1.600 Stunden. Auf diesem Niveau würde ein Abzug von 40 Arbeitsstunden durch eine zusätzliche Urlaubswoche zumindest rechnerische Einbußen für die Wirtschaftsleistung bedeuten.

Längere Akkulaufzeiten

Im Urlaub sollte man abschalten. Und zwar nicht nur geistig, sondern auch das Handy. Der Wert des Urlaubs für die Produktivität ist nicht rein quantitativ zu beurteilen, erklärt der Arbeitspsychologe Christian Blind. Um vom geistigen Arbeits- in den Freizeitmodus zu wechseln, braucht man schon ein bis zwei Tage. Eine effektive Erholung gelingt erst ab der zweiten Urlaubswoche. Eine ausgedehnte Erholungsphase fördert daher auch die Arbeitsproduktivität.

Zufriedene Mitarbeiter sind auch produktiver. Der Urlaub spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle. Wichtiger seien die internen Ressourcen, die ein Arbeitnehmer mobilisieren kann. Individuelle Vorlieben variieren auch bei der Arbeitsweise. Wer seinen eigenen Arbeitsrhythmus flexibel gestalten kann, ist produktiver und leidet gleichzeitig seltener an Überlastung. Ein Erholungsurlaub wäre seltener notwendig.

Die Realität sieht oft anders aus. Sich wandelnde Anforderungen der Arbeitswelt in den letzten zwei Jahrzehnten haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Zahl der psychisch bedingten Frühpensionierungen rasant gewachsen ist. Mittlerweile geht laut Arbeiterkammer ein Drittel der Berufsunfähigkeits- oder Invaliditätspensionen auf psychische Diagnosen zurück. Seit 2013 sind daher Kontrollen der Arbeitsabläufe in Betrieben auf psychische Belastung hin gesetzlich vorgeschrieben. Damit wird jedoch nur ein Teil der Work-Life-Balance erfasst.

Freizeit

Die steigende psychische Belastung der Österreicher erwachse auch aus höheren Erfordernissen abseits der Arbeit, sagt Blind. Als Beispiel nennt der Arbeitspsychologe die mittlerweile im umfangreichen Maß notwendige Unterstützung bei den Hausaufgaben der eigenen Kinder.

Je rigider der Job, desto schwieriger lässt sich privaten Verpflichtungen nachgehen, besonders wenn in einer Partnerschaft beide vollzeitbeschäftigt sind. Die Österreicher verbringen im internationalen Vergleich wenig Freizeit: In einer Studie der OECD zur Lebensqualität belegen sie nur den viertletzten Platz bei 20 untersuchten Ländern.

Die kollektive Verhandlung von Arbeitsbedingungen schränkt den Spielraum für die individuellen Bedürfnisse der Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein. Darin sind sich Ökonomie und Psychologie einig: Für Mitarbeiter und in Folge die Arbeitsproduktivität wären flexible Arbeitszeiten wichtiger als eine zusätzliche Urlaubswoche. Diese könnte man zwar verwenden, um an zwei verlängerten Wochenenden „allem“ zu entfliehen. Vielleicht wäre es aber besser, etwas länger zu arbeiten, dafür aber, wann es einem passt – nicht nur fürs BIP, sondern auch für sich selbst.