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US-Wirtschaft

Hausgemachte Ungleichheit in den USA

von Martin Lanz / 23.03.2016

In den USA scheint die Einkommensungleichheit stark zuzunehmen. Schuld sind nicht zuletzt ökonomische Renten. Doch nicht sämtliche Formen solcher Renten sind schlecht.

Im US-Wahlkampf sind Jobs, Löhne und Ungleichheit zwar ein großes Thema. Es wird aber meist auf die Auswirkungen des „zerstörerischen“ Freihandels reduziert. Andere hausgemachte Probleme finden kaum Erwähnung. Dabei hat eigentlich der Council of Economic Advisers, der Rat der Wirtschaftsberater des amerikanischen Präsidenten, in seinem jüngst erschienenen Jahresbericht einen schönen Steilpass geliefert für eine vertieftere Diskussion über das Thema Ungleichheit.

Schwache Gewerkschaften


Credits: Economic Report of the President

Statt nur auf die konventionellen Erklärungsansätze, wonach Ungleichheit Unterschiede in der Arbeitsproduktivität und Kapitalallokation reflektiert, einzugehen, gehen die Ökonomen auch der Frage nach, welche Rolle sogenannte ökonomische Renten spielen. Solche von Firmen und Arbeitnehmern erzielte Einkommen, die über das hinausgehen, was ihre Produktivität alleine rechtfertigen würde, scheinen nämlich zugenommen zu haben. Und deren ungleiche Verteilung, so das Fazit des Berichts, sei ein wichtiger Treiber der Ungleichheit.

Einen Grund für die zunehmende Ungleichheit sieht der Bericht in der abnehmenden Macht der Gewerkschaften. Wenn eine Firma eine Arbeitskraft einstellt, stellt die Differenz zwischen dem höchsten Lohn, den die Firma zu bezahlen bereit wäre, und dem niedrigsten Lohn, den der Arbeitnehmer akzeptieren würde, eine ökonomische Rente dar. Wem diese Rente zufällt, hängt von der relativen Verhandlungsmacht von Arbeitgeber und Arbeitnehmer ab.

Höhere Marktkonzentration

In der Vergangenheit haben Gewerkschaften maßgeblich dazu beigetragen, dass Arbeitnehmer einen Teil dieser Rente erhielten. Das hat in der Regel die Löhne von gering und durchschnittlich qualifizierten Arbeitskräften gestützt und die Ungleichheit reduziert. Seit den 1970er Jahren nimmt aber der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der Gesamtbeschäftigung stetig ab. 2014 betrug die Quote noch zehn Prozent, so viel wie in den 1930er Jahren. In einigen US-Bundesstaaten beträgt die Quote gar nur drei Prozent. Dieser Trend erkläre ein Fünftel bis ein Drittel der seit den 1970er Jahren beobachteten Zunahme der Ungleichheit, und Gewerkschaftsmitglieder verdienten um bis zu 25 Prozent mehr als vergleichbare, nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter, halten die Ökonomen fest.

Anzeichen für steigende Renten sieht der Bericht in der Entwicklung der Unternehmensgewinne, der zunehmenden Marktkonzentration, dem Anstieg beruflicher Lizenzpflichten und auf dem Immobilienmarkt. So bewegen sich die Firmengewinne und die Realzinsen zunehmend auseinander: Seit den 1980er Jahren steigt der Anteil der Gewinne am Gesamteinkommen, während die Zinsen sinken. Dabei sollten die Gewinne eigentlich dem Zinspfad folgen, weil dieser die in einer Volkswirtschaft vorherrschende Kapitalrendite reflektiert, so das Argument der Ökonomen. Es liege deshalb nahe, dass ein Teil dieser Gewinne aus höheren, von den Unternehmen eingeheimsten Renten bestehe statt aus „purer“ Kapitalrendite.

In puncto Marktkonzentration, die eine höhere Rentenabschöpfung ermögliche, verweist der Bericht auf den in fast allen US-Branchen gestiegenen Anteil der 50 größten Firmen am Branchenumsatz und auf Studien, die eine zunehmende Konzentration im Flugreiseverkehr, in der Telekommunikation, im Bankwesen, bei der Lebensmittelherstellung und in anderen Sektoren feststellen.

Abschottung mit Lizenzen

Auch den Befund, dass wenige Firmen immer rentabler werden, führen die Ökonomen auf eine gestiegene Marktkonzentration und entsprechend höhere Renten zurück. So war die Rendite auf dem eingesetzten Kapital bei jenen 10 Prozent, die den höchsten Profit ausweisen, 2014 sechsmal so hoch wie jene der mittleren Firmen, während der Faktor 1990 noch drei betragen hatte. Höhere Renten und ein rentensuchendes Verhalten („rent seeking“) sieht der Bericht ferner in der wachsenden Zahl von Berufen, zu deren Ausübung eine staatliche Lizenz nötig ist. Brauchten in den frühen 1950er Jahren fünf Prozent der Arbeitnehmer eine bundesstaatliche Lizenz, um ihren Beruf auszuüben, waren es 2008 bereits 25 Prozent. Werden Lokal- und bundesstaatliche Lizenzpflichten dazugenommen, unterstehen inzwischen 29 Prozent aller Arbeitnehmer einer Lizenzpflicht.


Credits: Economic Report to the President

Neuerdings vergäben gewisse Bundesstaaten auch Lizenzen für Tätigkeiten wie Haarpflege, Versteigerungen, Make-up-Behandlungen oder die Wiederverwertung von Schrott, schreibt das Brookings-Institut. Dabei gäbe es heute dank virtuellen Konsumentenforen doch bessere Wege, um Qualität und Professionalismus zu gewährleisten.

Lizenzpflichten schaffen ökonomische Renten für Lizenzierte auf Kosten der Unlizenzierten und der Konsumenten. Erstens, hält der Bericht von Obamas Wirtschaftsberatern fest, führen die mittels Lizenzen errichteten Barrieren zu höheren Löhnen für jene, die Zugang zu einer lizenzierten Beschäftigung erlangen, während die Löhne der „Draußengebliebenen“ sinken. Unlizenzierte verdienen zehn bis 15 Prozent weniger als Lizenzierte mit vergleichbaren Qualifikationen. Zweitens führen Lizenzpflichten zu höheren Preisen für Güter und Dienstleistungen, oft ohne dass sich die versprochenen Qualitäts-, Gesundheits- oder Sicherheitsvorteile einstellen. Und drittens schränken bundesstaatliche Lizenzpflichten die Mobilität von Arbeitnehmern über Staatsgrenzen hinweg ein. In South Carolina etwa verfügen nur 12 Prozent der Arbeitskräfte über eine Lizenz, in Iowa sind es 33 Prozent. In Iowa braucht es eine 16-monatige Ausbildung, um Kosmetikerin zu werden, in New York dauert dies halb so lang.

Auch aus einer Raumplanung, die überbordet und primär zugunsten der gegenwärtigen Landbesitzer und deren Bauten wirkt, können Renten resultieren. Ein Indikator dafür besteht im Unterschied zwischen den realen Hauspreisen und den realen Baukosten, der spätestens seit den 1980er Jahren zunimmt. Der Bericht zitiert Analysen, wonach seit 1970 strengere Bauvorschriften die Häuserpreise über die Baukosten treiben, während vorher Qualitätsverbesserungen für einen Großteil der Preisanstiege verantwortlich waren. In immer mehr US-Städten lägen die Häuserpreise mindestens 40 Prozent über den Baukosten. Damit nehme die Erschwinglichkeit von Immobilien ab, worunter Mobilität, Produktivität und Wachstum litten, was letztlich auch die Ungleichheit erhöhe.

Gute und schlechte Renten

Der Bericht nimmt mit der Rolle von Renten in der Ungleichheit ein heikles, aber wichtiges Thema auf, zu dem es nicht viel Literatur und Daten gibt. Ökonomische Renten nehmen diverse Formen an, und sie sind schwierig zu erheben – aber nicht alle Renten sind unerwünscht. Wenn kompetitive Märkte zu Preisen führen, die unter bzw. über dem Niveau liegen, das Konsumenten zu zahlen bereit wären bzw. das ein Verkäufer akzeptieren würde, resultieren wohlfahrtssteigernde Konsumenten- und Produzentenrenten.

Auch eine temporäre Monopolmacht, die eine Rente generiert, kann Anreiz zu mehr Innovationen geben; das ist das Ziel eines Patentwesens. Steigende Renten hingegen, deren zunehmend ungleiche Verteilung zwischen Arbeitnehmern und Firmen sowie rentensuchende Aktivitäten wie das Lobbyieren für abschottende oder wettbewerbsfeindliche Regeln und Zulassungen gilt es dagegen genau zu verfolgen – und wo nötig zu reduzieren.