AP Photo/Hasan Jamali, File

Hier droht die nächste Finanzkrise

von Sebastian Bräuer / 20.12.2015

Nach dem Pariser Klimagipfel wird klar: Der Kampf gegen die Erderwärmung löst an den Märkten große Umschichtungen aus. Die Folgen lassen sich erst erahnen.

Bei den Kommentaren zum Klimagipfel von Paris, der am vergangenen Wochenende endete, fehlt es nicht an Superlativen. Vor allem bei den Beteiligten. Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, sieht in dem Abkommen der 195 Teilnehmernationen einen „monumentalen Erfolg für die Völker des Planeten“. US-Präsident Barack Obama sagt, der Vertrag sei die „beste Chance, den einen Planeten zu retten, den wir haben“.

Botschaft an die Märkte

Deutlich schlichter äußerte sich Obamas Außenminister John Kerry. Aber vielleicht brachte er den Effekt von Paris am prägnantesten auf den Punkt. Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius im Vergleich zum Niveau vor der Industrialisierung zu begrenzen, sei eine „Botschaft an die internationalen Märkte“. Investoren würden nun verstärkt auf erneuerbare Energien setzen.

Darum geht es. Die nationalen Regierungen haben mehrere Jahre Zeit, Pläne zur Reduzierung der Emissionen auszuarbeiten. Die meisten Maßnahmen werden erst ab 2020 greifen. Aber schon heute beginnen alle großen Banken und Vermögensverwalter, sich auf mögliche künftige Eingriffe einzustellen. Zum einen aus Reputationsgründen. Und zum anderen aus ökonomischer Vernunft: Investitionen in Kraftwerke oder Minen zahlen sich oft erst nach vielen Jahren aus, politische Unsicherheiten machen sie daher hochriskant. „Der Trend, nicht mehr in Kohle, Öl und Gas zu investieren, nimmt Fahrt auf“, sagt Kees van der Leun, Managing Partner bei der internationalen Beraterfirma Ecofys. „Schon vor Paris bestand das Risiko, mit fossilen Energieträgern im falschen Bereich investiert zu sein. Das Risiko ist jetzt noch einmal gestiegen.“

Die Umschichtungen werden zu einem der wichtigsten Trends an den Finanzmärkten. In Paris suchten Manager der US-Institute Bank of America, Citigroup und Goldman Sachs die Nähe der Entscheidungsträger. Viele versuchen, sich öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Goldman Sachs hat bekanntgegeben, bis 2025 150 Milliarden Dollar in emissionsarme Energietechnologien zu investieren. Die Citigroup will im gleichen Zeitraum 100 Milliarden Dollar für Kredite und Investitionen im Bereich Klima- und Umweltschutz bereitstellen. Andere, wie der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock und die Schweizer Privatbanken Vontobel und J. Safra Sarasin, haben Erklärungen zum Klimaschutz unterschrieben. Selbst die Erben von John Rockefeller, einem der bekanntesten Pioniere des Ölgeschäfts, verkaufen ihre Investitionen in fossile Brennstoffe vollständig. „Das Abkommen von Paris ist eine weitere Herausforderung für Öl- und Gasunternehmen, zusätzlich zu den bestehenden Schwierigkeiten infolge der Preiseinbrüche“, schreibt die Bank Morgan Stanley.

Kohlefirmen sind die Hauptverlierer

Der Schweizer Finanzplatz stellt sich ebenfalls auf den Wandel ein. Das wird in vielen Kundengesprächen eine Rolle spielen. So sagt Robert Hauser, stellvertretender Leiter nachhaltige Anlagelösungen bei der Zürcher Kantonalbank: „Die Staaten werden große Anstrengungen unternehmen, die Gipfelbeschlüsse von Paris umzusetzen. Wer den Klimavertrag als nebulöses Geschwätz abtut, ist auf dem Holzweg. Für Anleger ist die Gefahr, in stranded assets zu investieren, sehr real.“

Stranded assets sind in diesem Fall beispielsweise Kohleminen, die nicht mehr rentabel zu betreiben sind oder auf politischen Druck stillgelegt werden. „Kohlefirmen sind die Hauptverlierer“, sagt van der Leun von Ecofys. „Dass ihre Aktien sinken, ist höchstwahrscheinlich. Es wird schwierig werden, neue Förderprojekte zu finanzieren. Ob bestehende Kohleminen weiterbetrieben werden können, hängt von den Margen ab.“

Umdenken auch bei der UBS

Die Großbank UBS hat ihr Engagement im Kohlebergbausektor bereits stark reduziert und will die Kredite für den Bereich weiter einschränken. Unternehmen, die mit der sogenannten Mountaintop-Removal-Technologie arbeiten, bei der Bergkuppen abgetragen werden, sollen gar kein Geld mehr erhalten. Generell will die UBS Transaktionen mit Kohlekraftwerkbetreibern nur noch unterstützen, falls deren Strategie vorsieht, den Kohleverbrauch zu verringern. Mit anderen Worten: Sie sollen sich von ihrem eigenen Kerngeschäft lossagen.

Dass die Entwicklung grundsätzlich positiv ist, wird höchstens bestreiten, wer am wissenschaftlichen Konsens zweifelt, dass der Klimawandel zu den gravierendsten Problemen der Menschheit gehört. Doch bei den Umschichtungen drohen Übertreibungen: Wenn sich alle großen Investoren zu schnell in eine Richtung bewegen, wird es gefährlich. Kein Geringerer als Mark Carney, Chef der Bank of England, warnte vor kurzem vor einer „Destabilisierung der Märkte“. Er zitierte Schätzungen des Weltklimarates der Vereinten Nationen IPCC, gemäß denen das Zwei-Grad-Ziel nur mit einer rigiden Beschränkung auf ein Drittel bis ein Fünftel der weltweit bekannten Öl-, Kohle- und Gasvorkommen erreichbar sei. Diese Beschränkung hieße, dass ein Großteil der Reserven, in deren Erschließung oftmals bereits Milliarden geflossen sind, stranded assets wären. Die Investitionen müssten abgeschrieben werden. Es droht somit das Platzen einer Blase, in Fachkreisen als carbon bubble bezeichnet, in Billionenhöhe.“ Eine abrupte Antwort auf die Tragödie am Horizont ist ein Risiko für die Finanzstabilität“, sagte Carney.

Naheliegenderweise widersprechen große Rohstoffkonzerne der Carbon-Bubble-These. Shell entgegnet in einer Stellungnahme, der globale Energiebedarf steige weiterhin, daher sei die Menschheit noch jahrzehntelang auf Öl und Gas angewiesen. Auch das ist praktisch unbestritten. Aber der Herdentrieb an den Märkten könnte die Erschließung der Reserven in vielen Fällen in untragbare Höhen treiben. „Bisher haben sich die meisten großen Öl- und Gasfirmen nur unzureichend mit dem einsetzenden Wandel beschäftigt“, sagt Hauser von der ZKB. Es wird jetzt höchste Zeit.