Wirtschaftspreis 2016

Höchste Ehre für zwei Verhaltensforscher

von Ingrid Meissl Årebo / 11.10.2016

Was soll den Bonus des CEO bestimmen, was den Lohn des Angestellten? Soll der Staat Spitäler bauen oder privatisieren? Oliver Hart und Bengt Holmström erhalten für ihre Forschung den Wirtschaftspreis.

Ob Arbeits- und Mietverträge, Versicherungspolicen, Leasing-Abkommen oder die Bundesverfassung – unser Leben ist von Verträgen aller Art geprägt. Darin wird das Verhältnis zweier Parteien geregelt, wobei oft Interessenkonflikte im Spiel sind, die Anreize unterschiedlich gesetzt und die Informationen asymmetrisch verteilt sind. Mit der Analyse solcher Beziehungen haben sich Oliver Hart (68) und Bengt Holmström (67) ihr ganzes Forscherleben lang befasst. Dafür dürfen sie nun gemeinsam den diesjährigen „Wirtschaftspreis der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel“ entgegennehmen. Die Stockholmer Akademie der Wissenschaften schreibt, dass die von Hart und Holmström entwickelten theoretischen Werkzeuge dabei helfen, wirkliche Verträge und Institutionen zu verstehen. Zudem trage ihre Forschung dazu bei, Fallstricke beim Abschluss von Verträgen zu vermeiden.

Wie viel Lohn für den CEO?

Der Brite Oliver Hart wie auch der Finne Bengt Holmström sind seit Jahren als Wirtschaftsprofessoren in Cambridge/USA tätig, ersterer an der Harvard University und letzterer am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Obwohl die beiden Verhaltenstheoretiker im Laufe der Jahre ein paar gemeinsame Arbeiten publizierten, forschten sie jeder für sich. Holmström interessierte sich in den siebziger Jahren wie viele Ökonomen für die Prinzipal-Agent-Theorie, die das Verhältnis von Auftraggeber (Prinzipal) und Auftragnehmer (Agent) analysiert. In einer 1979 veröffentlichten Arbeit zeigte er, dass der Lohn des Konzernchefs idealerweise an alle wichtigen Informationen zu koppeln sei, die Auskunft über dessen Verhalten geben.

In der Praxis ist es dem Prinzipal (Arbeitgeber, Aktionäre) ja nicht möglich, alle Handlungen des CEO zu beobachten und zu bewerten. Später entwickelte der Finne die einfachen Modelle weiter, indem er realistischere Szenarien einbaute: Wie ist vorzugehen, um Angestellte nicht nur mit Geld zu locken, sondern auch mit Karrieremöglichkeiten? Was, wenn ein Beschäftigter viele Aufgaben durchführt, die schwer zu messen sind? Falls Lehrer etwa bloss gemäss dem Notendurchschnitt ihrer Schüler entlöhnt würden, würde man Kreativität und eigenständiges Denken hemmen. Was Cheflöhne betrifft, so zeigte Holmström, dass Manager in risikoreichen Branchen (z. B. Erdölindustrie) eher fixe Saläre erhalten sollten, während die Leistung von CEO in stabilen Sektoren besser an der Performance des Unternehmens gemessen werden kann.

Entscheidungsrecht gibt Macht

Das Schwergewicht von Harts Forschung liegt bei der Analyse sogenannter inkompletter Verträge. Beim Abschluss von Verträgen ist es oft unmöglich, sämtliche Eventualitäten im Vornherein zu definieren. Deshalb erhält eine der Parteien ein Entscheidungsrecht zugestanden für eventuelle spätere Uneinigkeiten. Wer dieses Entscheidungsrecht hat, verfügt jedoch über mehr Macht. Harts Forschung im Bereich von unvollständigen Verträgen hat eine Vielzahl von Anwendungsgebieten, wie zum Beispiel Eigentumsrechte in Unternehmen. Soll eine Firma, die eine Erfindung gemacht hat, die nötigen Maschinen und Vertriebskanäle selbst besitzen (vertikale Integration) oder soll sie diese auslagern? Wie können Investoren, die bei einem Start-Up-Unternehmen einsteigen, sicher sein, dass sie ihr Geld dereinst zurückbekommen?

Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet von Harts Forschung finden sich im politischen Bereich: Wann sollen öffentliche Dienstleistungen vom Staat und wann von Privaten angeboten werden? Im Normalfall besteht ein Trade-Off zwischen hoher Qualität und tiefen Kosten, wobei letzteres für private Eigentümer wichtiger ist. Ein von Hart und zwei Mitautoren 1997 veröffentlichter Artikel zeigte, dass in privaten Gefängnissen in den USA oft sehr schlechte Zustände herrschten. Das dortige Justizdepartement will daher künftig nicht mehr von solchen privaten Gefängnissen Gebrauch machen, wie es in der Laudatio der Wissenschaftsakademie heisst: Dank der Forschung von Hart und Holmberg verfüge man nun über die Werkzeuge, um nicht nur finanzielle Verträge analysieren zu können, sondern auch die Verteilung von Kontroll-, Eigentums- und Entscheidungsrechten zwischen Parteien in privaten Märkten und im öffentlichen Bereich.

Die frischgebackenen Preisträger werden wie die übrigen Nobel-Laureaten am 10. Dezember in Stockholm geehrt. Der von Schwedischen Reichsbank gestiftete Ökonomie-Preis wird seit 1969 vergeben und wie die „richtigen“ Nobelpreise mit 8 Mio. sKr. (rund 900 000 Fr.), mit Diplom und Medaille belohnt.