APA/HERBERT NEUBAUER

Hoffen auf den Start-up-Kanzler

von Elisabeth Oberndorfer / 19.05.2016

Ein wirtschaftsnaher Regierungschef sorgt auch unter den österreichischen Gründern für positive Stimmung. Christian Kern hat so viel Start-up Credibility wie kein anderer in der SPÖ und hat schon bei der ÖBB den Entrepreneur-Spirit eingebracht. Die Forderungen der Stakeholder an ihn sind unterschiedlich, die Hoffnungen jedenfalls groß. 

Ein SP-Politiker mit Start-up-Nähe

„Gerade noch haben wir gemeinsam Tischfußball gespielt, jetzt ist Christian der österreichische Bundeskanzler. Alles Gute, es gibt eine Menge zu richten!“, so reagierte Florian Gschwandtner – seit dem Verkauf seines Start-ups „Runtastic“ der Vorzeigeunternehmer des Landes – auf Christian Kerns Wechsel in die Politik. Dazu postete der CEO ein Bild mit dem neuen Kanzler. So nah war ein Gründer einem Kanzler wahrscheinlich noch nie.

Bei Vorgänger Werner Faymann ist man sich hingegen nicht sicher, ob er das Wort „Start-up“ überhaupt schon einmal in den Mund genommen hat. Im Archiv sind jedenfalls keine Aussagen des Ex-Kanzlers über die junge Technologiebranche zu finden. Weil die Regierungsspitze die Forderungen der Gründerszene jahrelang ignorierte, fanden Institutionen wie AustrianStartups und Pioneers in ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer einen Verbündeten. Aus der Opposition werben die NEOS gern um Gründer, doch in der SPÖ war das Thema bisher nicht existent. Mit Christian Kern kommt jetzt tatsächlich ein Mann, der Start-up Credibility vorweisen kann.

In Interviews bekundete der ehemalige Bahnchef immer wieder Interesse an neuen Technologieunternehmen und Zusammenarbeit mit Start-ups. Diese setzte Kern auch um und holte sich mit Speedinvest Österreichs größten Risikokapitalgeber an Bord. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, entwickelte der Konzern mit den Investoren ein eigenes Start-up: Die iMobility GmbH ist ein Joint Venture zwischen der ÖBB und Speedinvest. Das 2015 gegründete Unternehmen arbeitet an einer Plattform für den öffentlichen Verkehr, das Nutzern eine Route mit unterschiedlichen Anbietern, nicht nur der ÖBB, planen lässt. „Wenn wir das nicht machen, macht’s jemand anderer“, soll Kern damals gesagt haben.

Chefsache Innovation

Kein Wunder, dass auch Speedinvest-CEO Oliver Holle positive Worte für den neuen Kanzler findet: „Kern hat früh erkannt, dass auch große Unternehmen wie die ÖBB von Managementansätzen aus der Start-up-Welt profitieren können.“ Die iMobility-Plattform sei inzwischen erfolgreich etabliert, mit Änderungen aufgrund des neuen ÖBB-Vorstands rechnet Holle nicht. Speedinvest hält 75,1 Prozent an der GmbH, die ÖBB 24,9 Prozent. Einen offiziellen Launch-Termin für den Online-Dienst gibt es noch nicht.

„Die Erfahrungen aus dem Projekt haben gezeigt, dass Handschlagsqualität und Umsetzungswille passen“, sagt der Speedinvest-Manager über Kern. Ohne ihn hätte es die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Start-ups nicht gegegben. Deshalb ist Holle hoffnungsvoll, dass in der neuen Regierung „Dinge passieren. Wann, wenn nicht jetzt?“ Der Kapitalgeber gibt sich dennoch realistisch: „Der Reformstau betrifft ja nicht nur die dringenden Themen rund um Entrepreneurship und Innovation, sondern eine Riesenlatte an anderen Aufgaben. Wir machen so oder so unsere Sache und warten nicht auf die Politik.“ Die österreichische Gründerszene in Europa zu positionieren, müsse eines der drei Top-Themen der Regierung werden, „ansonsten wird sich nicht wirklich etwas bewegen“. Der Investitionsfreibetrag ist dabei laut Holle nur ein Teil einer großen Initiative.

Dass Start-ups Chefsache sein müssen, predigt Andreas Tschas seit Jahren. Jetzt ist der Gründer von Pioneers, das Unternehmen hinter der gleichnamigen Start-up-Konferenz und Treiber des heimischen Ökosystems, seinem Ziel näher als je zuvor. „An Faymann sind wir nie rangekommen“, berichtet Tschas. Mit Kern habe er noch keinen persönlichen Kontakt gehabt. Aufgrund seiner Verbindung zur Start-up-Szene rechnet sich der Pioneers-CEO allerdings Chancen aus, bald auch rote Regierungsvertreter über die Bedürfnisse der Jungunternehmer aufzuklären. „Das Thema liegt ihm am Herzen, was man so hört.“ Innovation müsse von ganz oben unterstützt werden, sagt Tschas und ergänzt: „Das haben wir in Unternehmen gesehen, und das gilt auch für die Politik.“

Das Engagement von Mahrer hat laut dem Pioneers-Chef schon Verbesserungen gebracht: „Die richtig dicken Bretter können aber nur mit dem Regierungspartner umgesetzt werden.“ Mit der für Digitales verantwortlichen SP-Staatssekretärin Sonja Steßl habe es einen Austausch gegeben, jedoch erfolglos. In Kerns Regierungsteam hat Steßl keinen Platz mehr bekommen. Um der Politik einmal mehr die notwendigen Maßnahmen zu veranschaulichen, hat Tschas am Mittwoch eine Analyse zum „Startup-Hub Wien“ präsentiert, für die Unternehmer und Investoren befragt wurden. Eine der Handlungsempfehlungen lautet, unproduktives Kapital zu mobilisieren. „Es liegt so viel Kapital brach, der Investitionsfreibetrag würde einen Anreiz für Geldgeber schaffen“, erklärt Tschas. Außerdem sollen die Lohnnebenkosten für Start-ups gesenkt und die Gesellschaftsform angepasst werden. Für die Bundeshauptstadt wünscht sich der Unternehmer einen zentralen Start-up-Campus und den Fokus auf Life Science. Auch der Zugang zur „Rot-Weiß-Rot-Karte“ müsse beschleunigt werden: „Start-ups haben nicht so lange Zeit, auf qualifizierte Mitarbeiter zu warten.“

Zum Pioneers-Festival, das kommende Woche in Wien stattfindet, hatte Tschas Faymann sowie Steßl und Infrastrukturminister Gerald Klug eingeladen. Die Staatssekretärin und der Minister, die jetzt Geschichte sind, hätten sogar zugesagt. Auch das neue Regierungsteam inklusive Kanzler bekommt von Tschas eine Einladung.

Chance für den Wirtschaftsstandort

Lisa Fassl, Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association, gibt eine zurückhaltende Einschätzung ab: „Mit Erwartungen sind wir vorsichtig. Jedenfalls ist Kern ein Mann, der aus der Wirtschaft kommt und einen größeren Bezug zu Themen wie Digitalisierung hat. Er weiß, dass neue Technologien in der Wirschaft relevant und wichtig sind, um wettbewersbfähig zu bleiben. Deshalb haben wir eher Hoffnungen als Erwartungen, sehen aber definitiv eine große Chance für den Wirtschaftsstandort.“ Den neuen Kanzler bezeichnet die Vertreterin der heimischen Business Angels als unbeschriebenes Blatt in der Start-up-Szene. Direkten Kontakt habe es mit ihm in der Investorenvereinigung bisher nicht gegeben, es gebe aber zahlreiche indirekte Anknüpfungspunkte durch die Mitglieder der AAIA.

„Politische Arbeit ist für uns nicht zentrale Aufgabe, aber ein Begleitelement, um Interessen aus Investorensicht voranzutreiben. Deshalb ist für uns unter anderem der Investitionsfreibetrag ein wichtiges Anliegen.“ Ende 2015 haben sich mehrere Start-up-Vertreter zu einer Allianz vereint, um den Freibetrag für Investitionen von bis zu 100.000 Euro gemeinsam mit Mahrer durchzusetzen. Der Ball liege jetzt beim Regierungspartner, das Thema voranzutreiben. Die Bestellung von Kern als Regierungschef werde jedenfalls auch in der Gründerszene optimistisch angenommen: „Die Politikverdrossenheit nimmt ab”, beobachtet die AAIA-Geschäftsführerin.

Über Start-ups dürfte bei Kern auch zu Hause gefachsimpelt werden. Seine Frau Eveline Steinberger-Kern machte sich nach ihrer letzten Station bei Siemens 2014 mit ihrem Beratungsunternehmen Blue Minds Company selbständig. Dort zieht sie mit dem Inkubator „Blue Minds Factory“ Start-ups in den Bereichen Energie und Greentech groß. Mit SPÖ-Freund Nikolaus Pelinka und Investor Markus Wagner von i5invest gründete sie vergangenes Jahr außerdem den „Innovation Club“, um österreichische Unternehmen die Silicon-Valley-Denke näherzubringen. Bei den bisherigen Netzwerktreffen war natürlich auch der jetzige Kanzler dabei.