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Analyse zur Geldpolitik

Hurra, die Notenbank überschüttet uns mit Geld!

von Lukas Sustala / 24.02.2016

Zinssenkungen waren der erste Streich, Anleihenkäufe der zweite. Jetzt kommt das „Geld aus dem Helikopter“, erwarten angelsächsische Ökonomen. Die Geldflut, die auf unser aller Konten landen könnte, soll die ökonomische Malaise überwinden helfen.

Seit Jahren tut und macht Mario Draghi, was er kann. Er hat die Zinsen gesenkt, Europas Banken Kredite in nie bekanntem Ausmaß bereitgestellt und als das nichts half, hat die EZB selbst 60 Milliarden Euro pro Monat in die Hand genommen, um Europas Konjunktur anzukurbeln. Als wäre das noch nicht genug, wurden die Zinsen für die Geschäftsbanken ins Minus gedrückt.

Was haben die Notenbanken noch gegen den Abschwung in der Hinterhand?
Was haben die Notenbanken noch gegen den Abschwung in der Hinterhand?

Credits: The Economist

Das alles scheint nicht zu helfen. „Out of ammo“ titelte der britische Economist in seiner aktuellen Ausgabe. Die Zentralbanken haben ihre gesamte Munition verpulvert. Wenn aber die Zinsen erst einmal gesenkt, die Bilanzen aufgebläht und die Wertpapiere aufgekauft sind, dann merken die Notenbanker, dass Geldpolitik nur ein krudes Instrument zur Stimulierung der Wirtschaft ist.

Und jetzt, da wieder ein konjunktureller Schwächeanfall die Schwellenländer erfasst hat, können sich die Notenbanken nicht mehr mit aller Kraft gegen einen Abschwung stellen. Geht es aber nach dem Economist, dann können die Zentralbanker sehr wohl auf einer großen Klaviatur spielen: noch mehr Anleihenkäufe, noch niedrigere, tief negative Zinsen, von der Zentralbank finanzierte staatliche Investitionsprogramme.

Eine wesentliche Einschränkung ist die Gefahr für die Finanzstabilität, die sich aus den immer neuen Gelddruckprogrammen ergibt. Denn die massive Aufblähung der Zentralbankbilanzen hat zu einer hohen Inflation geführt – auf den Vermögensmärkten. Preise von Aktien, Anleihen und Immobilien sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, selbst wenn die wirtschaftlichen Aussichten oft nicht rosig genug für diese Aufwertungen waren.

Die EZB macht weiter

There is no doubt that, if we had to intensify the use of our instruments to ensure that we achieve our price stability mandate, we would.

Europas Zentralbanker werden im März aber trotzdem die Geldpolitik weiter lockern, an ihren Hebeln ziehen, um doch so etwas wie Wachstum im Euro-Raum zu erzeugen, um das offizielle Ziel für die Preisstabilität zu erreichen. Denn im rhetorischen Repertoire eines Notenbankers wie Mario Draghi gibt es den Satz „Rien de va plus“ nicht. Da gibt es maximal den Satz „Wir haben noch genug Instrumente zur Verfügung“, um die Inflation zu erhöhen.

Bei der kommenden Zinssitzung der Europäischen Zentralbank erwarten Ökonomen zumindest eine neue Zinssenkung. Die Einlagenzinsen für die Geschäftsbanken könnten noch weiter ins Minus gedrückt werden. Diese Politik kommt aber mit allerlei Nebenwirkungen daher. Die Profitabilität von Banken leidet massiv unter den gesunkenen Zinsen. So dramatisch droht die Ertragslage der Geldhäuser in Schieflage zu geraten, dass die Aktien von Europas Banken in den vergangenen 12 Monaten ein Drittel ihres Wertes eingebüßt haben. Daher wird die EZB im März versuchen, gleich an mehreren Stellschrauben zu drehen.

Die dritte Phase der Krisenbekämpfung

Für keynesianische Ökonomen und Wall-Street-Kapazunder ist die Sache klar: Die Geld- und die Fiskalpolitik soll die Wirtschaft stützen. Wenn jetzt aber sowohl die Geld- als auch die Fiskalpolitik an ihre Grenzen gestoßen sind? Dann sollen die beiden zusammen die Krise überwinden. Das funktioniert dann mit einem „Helicopter Drop“, einem Abwurf von Geld aus dem Helikopter. Wie läuft der ab?

Der Finanzminister gewährt seinen Steuerbürgern eine Steuergutschrift von ein paar tausend Euro. Finanziert wird die Überweisung durch die Emission von Schuldscheinen. Die werden aber nicht auf dem Kapitalmarkt verkauft, sondern einfach von der Zentralbank übernommen. Und damit die Steuersubjekte auch wirklich sicher sein können, dass die neuen Schulden nicht in ein, zwei oder zehn Jahren wieder mit Steuererhöhungen abgestottert werden, verzichtet die Zentralbank auf die Rückzahlung der Schulden. Monetäre Finanzierung in ihrer lupenreinen Ausprägung ist das.

Für den Hedgefondsmanager Ray Dalio ist die Sache klar. Niedrigere Zinsen waren „Monetary Policy 1“ und Anleihenkäufe „Monetary Policy 2“. Helikopter-Geld ist jetzt eben die dritte Phase der geldpolitischen Ankurbelungsversuche für die „ökonomische Maschine“.

Was kann schon schiefgehen?

Wenn allerdings Finanzminister wie Wolfgang Schäuble nicht an den segensreichen Abwurf aus dem Helikopter glauben? Dann sollen die Zentralbanken einfach auf eigene Faust handeln, findet der Chefkommentator Martin Wolf in der Financial Times: „If the fiscal authorities are unwilling to behave so sensibly — and the signs, alas, are that they are not — central banks are the only players. They could be given the power to send money, ideally in electronic form, to every adult citizen. Would this add to demand? Absolutely.“ Wenn also die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu gering ist, soll die Notenbank einfach ein paar tausend Euro an seine Bürger überweisen und die Krise ist vergessen?

Ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Wenn die Unsicherheit hoch ist, dass angesichts von mangelnden Strukturreformen und extrem hoher Verschuldung die Wirtschaftslage vertrackt bleibt, dann werden die Bürger eher sparen als konsumieren, eher auf die Seite legen als verprassen. Es ist etwa kein absurdes Szenario, sich im Falle des „Helikopter-Geldes“ vorzustellen, dass verstärkt Schulden zurückgezahlt werden. Was Industrieländer wie Österreich brauchen, ist eine Wachstumsperspektive, kein monetärer Geldregen. Denn Geld ist – so sehr kann man seine Augen wirtschaftspolitisch gar nicht verschließen – ja vorhanden.

Am Ende geht es um die Frage, wie sehr die Wirtschaftssubjekte darauf vertrauen, dass eine Notenbank schalten und walten kann, wie sie will. Ökonomen wie Michael Woodford etwa fordern, dass die Zentralbanken ihr Ziel einfach anpassen und statt der Inflationsrate das nominelle BIP ins Visier nehmen (Nominal GDP Targeting, oder NGDP Targeting). In diesem Umfeld würde die Zentralbank in Phasen schwachen Wachstums eben für mehr Inflation sorgen, in jedem Fall wären Schuldenkrisen, die von extrem niedrigen Inflationsraten verschärft werden, ausgeschlossen.

Diese Maßnahmen setzen aber alle ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit der Zentralbank voraus. Nach bereits mehr als 7 Jahren Dauer-Krisenmodus ist es aber höchst fraglich, ob die noch in hohem Maße vorhanden ist.