Randnotiz

Ich sehe was, was du nicht siehst – und das hat sich der Staat geholt

Meinung / von Lukas Sustala / 09.02.2016

Die Österreicher fühlen sich neuerdings besonders unterbezahlt. Woran das liegt, liegt auf der Hand.

Fühlen Sie sich nicht auch so? Wenig wertgeschätzt? Zu schlecht bezahlt? Ausgesaugt?

Der Versicherungskonzern Allianz hat in einer aktuellen UmfrageDie Umfrage wurde vom Marktforschungsinstitut Nielsen im Auftrag der Allianz als Online-Befragung durchgeführt. Befragt wurden – wie auch 2010 – 1.000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren. einiges wenig Überraschendes zutage gefördert. Zwei Drittel aller Berufstätigen fühlen sich unterbezahlt.

Dabei könnte man annehmen, unterbezahlt kann man sich schnell einmal fühlen: Ob nun absolut betrachtet oder relativ zum Kollegen oder dem Chef oder im Vergleich zu irgendwelchen Soap-Promis. Beim Phänomen des „Keeping up with the Joneses“ geht es ja gerade darum, sich an besonders (erfolg-)reichen Menschen zu messen, auch wenn es unglücklich macht.

Allerdings erklärt das nur einen Teil des österreichischen Grants über das Gehalt. Laut Allianz-Daten hat dieser sich massiv verstärkt. 2010 waren noch 58 Prozent der Befragten mit ihrem Einkommen zufrieden, aktuell sind es nur noch 36 Prozent.

Wer ist schuld?

Doch bevor Sie nun aus der Studie den Schluss ziehen, dass in den fünf Jahren die blutsaugenden Unternehmen noch gieriger geworden sind, schauen Sie sich einmal den durchschnittlichen Lohnzettel an. Das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen ist zwischen 2010 und 2015 immerhin um 7,5 Prozent gestiegen – nicht etwa geschrumpft. Es beträgt knapp 30.000 Euro. Wie aber kann es gleichzeitig mehr Einkommen geben und mehr Raunzerei über zu wenig Einkommen?

Vergleicht man Netto und Brutto – oder fügt gar die Dienstgeberbeiträge dazu –, dann sieht man klarer. Dann ist deutlich, wie es sein kann, dass gleichzeitig die Arbeitnehmer eine vermeintlich unangemessen niedrige Entlohnung beklagen und gleichzeitig Arbeitgeber gestiegene Kosten. Denn der Abstand zwischen dem, was Arbeitnehmer verdienen, und dem, was ihr Arbeitgeber dafür zahlen muss, bleibt in Österreich deutlich größer als anderswo – und hat sich noch vergrößert. Der Staat hat sich schlicht mehr abgeholt, was Arbeitgebern und Arbeitnehmern womöglich auf die Stimmung schlägt.

Gemessen an den durchschnittlichen Einkommen ist der Abstand zwischen dem Nettolohn und den gesamten Kosten für den Dienstgeber gestiegen. Netto bleiben statt 54,6 Cent pro Euro Dienstgeberkosten nur noch 53,9 Cent übrig.

Zu früh gefreut?

Die ständig steigende Steuerbelastung hat einen Namen: kalte Progression. Die ist auch trotz der aktuellen Steuerreform noch nicht abgeschafft, und so wird nach einer Entlastung 2016 in den kommenden Jahren wieder die automatische Belastung überhandnehmen. Die Steuerreform 2016 wird also die missmutigen Österreich nur kurz erfreuen.

Zwar verdienen die österreichischen Arbeitnehmer nun netto wieder etwas mehr, aber das ist noch nicht nachhaltig gegenfinanziert, weil der Staat aktuell sehr schlecht darin ist, bei sich selbst zu sparen. Und so bleiben die Kosten für den Faktor Arbeit nach wie vor hoch. Solange jedes Start-up in Österreich den ersten Mitarbeiter aus Kostengründen erst nach einem Sechser im Lotto anstellt, muss man in Österreich wohl eine Arbeitsplatzmisere beklagen, während sich der Staat an den Arbeitseinkommen gesundstößt.

Daher sollten die Steuerzahler die plakatierenden Jubler über die aktuelle Steuerreform ernst nehmen und „die Gehaltszettel vergleichen“. Dann fällt nämlich nach wie vor auf, dass man relativ wenig von dem behält, was das Gehalt derzeit ausmacht. Und der Missmut darüber fällt angesichts der nicht gerade üppigen Wachstumsraten eben deutlich größer aus – brutto und netto.