EPA/FRANK RUMPENHORST

Walkthrough

„Ignorant und unverantwortlich“

von Lukas Sustala / 27.01.2017

„Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft.“ Sätze wie diese gehen leicht über die Lippen, wenn es darum geht, politische Vernunft und Planbarkeit einzufordern. Doch es sieht aktuell anders aus. Trump in den USA, Brexit in Europa, Plan A oder Plan B oder Plan Krach in Wien. Die Investitionslaune wird wohl eher anders angehoben. Dafür bräuchte es nicht kurzfristige Unsicherheit, sondern langfristige Strategien. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

Trump, Meister der Unsicherheit. Die Globalisierung artet aktuell zur Tragikomödie aus, könnte man meinen. Donald Trump und der mexikanische Präsident tauschen über Twitter Unfreundlichkeiten zu einer Mauer aus, die zwischen Mexiko und den USA stehen soll, um illegale Einwanderer fernzuhalten (NZZ.at). Der mexikanische Präsident sagt ein Treffen ab (Twitter). Der US-Präsident lässt dann über seinen Sprecher verlautbaren, dass eine 20-prozentige Importsteuer für mexikanische Produkte die Mauer im Nu finanzieren soll (Reuters). Nur um später davon zurückzuweichen (NYT). Und der US-Ökonom Paul Krugman schaltet sich ein, um zu skizzieren, dass so eine Steuer „ignorant und unverantwortlich“ ist (Twitter). Währenddessen reist die britische Premierministerin und Brexit-Gewinnlerin Theresa May mit den Worten nach Amerika „Gegensätze ziehen sich an“. Es überrascht daher nicht, wenn ein Index für globale politische Unsicherheit, zusammengestellt unter anderem vom Stanford-Ökonomen Nicholas Bloom, auf einem hohen, also unsicherem Niveau notiert (Stanford). Und Österreichs Außenwirtschaft muss sich auf unsichere Zeiten einstellen (Die Presse).

Dow 20.000? Dow 30.000! Da überrascht es schon eher, dass der US-Aktienmarkt trotz solcher Unsicherheiten von Rekord zu Rekord eilt. Der Dow Jones hat diese Woche erstmals über 20.000 Punkten geschlossen, sehr zur Freude des US-Präsidenten. Dabei ist der Dow Jones Industrial Average nicht unbedingt ein aussagekräftiges Barometer für den Zustand der US-Wirtschaft. Glauben Sie mir nicht, dann glauben Sie vielleicht dem Finanzjournalisten des Wall Street Journals, dessen Gründer immerhin den Dow erfunden hat (WSJ): „It’s time to ditch the Dow. After 120 years, the venerable Dow Jones Industrial Average is an embarrassing anachronism, abandoned by professionals and beloved only by a media that mostly knows no better. It needs to be updated or, better, replaced.“ Und selbst wenn Sie den Rekord des Dow für bare Münze nehmen, stellt sich die Frage, wie lange es noch gutgehen kann, dass die geopolitische Unsicherheit steigt und Aktionäre das schlicht ignorieren (The Economist). Die Euphorie der Anleger wird jedenfalls auf eine harte Probe gestellt (NZZ.at).

Koalitionskrach, continued. Die Große Koalition bemüht sich darum, vom Abgrund wieder einen Schritt zurückzugehen. In den Verhandlungsrunden Bildung, Staat/Gesellschaft und Innovation/Technologie soll ausgelotet werden, was denn noch alles möglich ist in Sachen Reformen. Klar ist: Mit ambitionierten Eckpfeilern zu den Themen Entlastung, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau könnte auch diese Koalition ihre Lebensdauer verlängern (NZZ.at). Doch angesichts der vielen Streitpunkte und des engen zeitlichen Konzepts ist es noch offen, ob es tatsächlich zu einer Fortsetzung kommt. Zumal man etwa den Bundeskanzler an seinem Versprechen messen wird, dass „Absichtserklärungen nicht reichen“ (Die Presse).

Ist die Mittelschicht übertrampelt worden? Hat die Globalisierung die Welt ungleicher gemacht? Diesen Fragen geht der Einkommensforscher Branko Milanovic nach. Seine Arbeit wird jedoch in der öffentlichen Debatte gerne verzerrt dargestellt, in Wien war er auf Einladung der Arbeiterkammer (NZZ.at). Seinen Daten und Studien zufolge hat die Globalisierung etwas zur Folge gehabt, was so aussieht wie ein Elefant. So zumindest wird es gerne anhand einer Grafik von Milanovic gesagt. Wer also eine Aktienstrategie setzt, die auf Ungleichheit wettet (Luxuskonzerne auf der einen, Walmart auf der anderen Seite) sollte den Text besonders aufmerksam lesen. Denn Unternehmen können gerade von der wachsenden Mittelschicht in den Schwellenländern profitieren.

Inspirationen – Food for Thought

Personenfreizügigkeit – ein Auslaufmodell? (NZZ.at)

Was wirklich wichtig ist.