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Wirtschaftsprognosen

Im Blindflug

von Jan-Egbert Sturm / 13.11.2015

Wirtschaftsprognostiker sind auf gute und schnelle Zahlen angewiesen. Neue Gesetzesvorhaben in der Schweiz wollen kleine und mittlere Unternehmen vom Statistikaufwand befreien. Was für die einzelnen Firmen angenehm ist, verwehrt den Konjunkturforschern wichtige Informationen, die sie für Wirtschaftsanalysen benötigen, schreibt Gastautor Jan-Egbert SturmJan-Egbert Sturm ist Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich. .

Es gibt eine Umschreibung, die für Wirtschaftsprognostiker gerne verwendet wird: Auguren. Auguren waren römische Beamte, die aus dem Vogelflug ableiten mussten, ob ein Unternehmen den Göttern genehm sei. Darüber, wie treffsicher diese Prognosen waren, lässt sich nur spekulieren. Heute sind wir vom Handwerk der Auguren weit entfernt – und zwar dank einer amtlichen Statistik, die es uns erlaubt, Wirtschaftsgeschehnisse zu analysieren und Wirtschaftsprognosen mit relativ hoher Treffsicherheit zu erstellen. Die amtliche Statistik ermöglicht es uns Wirtschaftsprognostikern, Unternehmen und Staat Analysen und Prognosen zur Verfügung zu stellen, die wichtige Grundlagen für Budgets und politische Entscheidungen sind. Doch in der Schweizer Politik erheben sich Stimmen, die die amtliche Statistik ungefähr auf den Stand der Auguren im Römischen Reich zurückwerfen möchten.

Zwei Motionen wurden kürzlich an den Schweizer Bundesrat überwiesen, in denen dieser aufgefordert wird, Maßnahmen einzuleiten, damit Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden – einschließlich landwirtschaftlicher Betriebe – vom Statistikaufwand befreit werden sollen. Zusätzlich soll geprüft werden, wie auch größere Unternehmen vom Statistikaufwand entlastet werden können. Dies würde für die Bundesstatistik bedeuten, dass von über 98 Prozent der schweizerischen Unternehmen, die 44 Prozent der Beschäftigung bereitstellen, keine Daten und Informationen mehr vorhanden wären.

Dem Bundesamt für Statistik (BfS) und in der Folge auch allen von den Daten des BfS abhängigen Instituten und Organisationen, wie beispielsweise der KOF, würde es damit verunmöglicht, vernünftige Wirtschaftsanalysen vorzunehmen. Dies betrifft sowohl Prognosen als auch ganz allgemein die Analyse der Auswirkungen von Politikmaßnahmen auf die Wirtschaft. Es wäre beispielsweise nicht mehr möglich, die Produzenten- und Konsumentenpreise vernünftig zu erfassen. Wie ohne die daraus gewonnenen Inflationszahlen Geldpolitik betrieben werden soll, ist mir ein Rätsel. Ebenso wird es praktisch nicht mehr möglich, Lohnverhandlungen zu führen, da gar nicht mehr klar ist, wie hoch die Löhne in gewissen Branchen überhaupt sind. Der Teuerungsausgleich bei Renten und Löhnen kann ebenfalls nicht mehr berechnet werden. Die Berechnung von Beschäftigung, Produktion und Wertschöpfung vieler Branchen würde erschwert oder sogar verunmöglicht.

Für unsere tägliche Arbeit an der KOF ist es unerlässlich, auf verlässliche Daten, die sowohl innerhalb des Landes als auch international vergleichbar sind, zurückzugreifen. Die Annahme der beiden Motionen würde dazu führen, dass nur noch das Wissen über die Großkonzerne bestehen bleibt, die sich oftmals anders entwickeln als die Mehrzahl der KMU. Der Direktor des BfS, Georges-Simon Ulrich, hat es in seinem NZZ-Gastbeitrag bereits gesagt: „Stellen Sie sich vor, die Schweizer Wirtschaftsstatistiken würden nur noch von den größten hiesigen Unternehmen geprägt: von Großfirmen und Konzernen – ausgerechnet in einem Land, dessen Firmen zu 98 Prozent KMU sind.“

Wie wir wissen, sind die KMU das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Auch wenn das Bestreben nachvollziehbar ist, deren administrative Kosten so gering wie nur möglich zu gestalten, ist es sinnvoller, die generelle Regulierungsdichte unter die Lupe zu nehmen, statt mit einer Scheinmaßnahme zum Bürokratieabbau einen großen Kollateralschaden zu erzeugen. Das BfS liefert Grundlageninformationen für alle Wirtschaftsakteure in der Schweiz. Die Belastung eines einzelnen Unternehmens darf als gering bezeichnet werden gegenüber dem aggregierten gesellschaftlichen Nutzen.

Mit der Aufgabe großer Teile der Datenerhebung würde die Schweiz sich gegenüber dem Rest der Welt in die entgegengesetzte Richtung bewegen: Weltweit scheinen die meisten Länder den niederländischen Spruch „meten is weten“ (Messen ist Wissen) verinnerlicht zu haben, in der Schweiz würde es hingegen bald heißen „nichts messen und nichts wissen“. Kommen die Motionen mit ihren Forderungen durch, können wir uns auf einen Blindflug einstellen, was die Wirtschaftsentwicklung in den kommenden Jahren angeht. Hobby-Auguren können sich auf den Vogelflug freuen, für den Rest von uns dürfte es zappenduster werden.


Zum Thema: Warum Wirtschaftsprognosen oft daneben liegen und die Politik sie trotzdem braucht