In Europa herrscht Deflations-Paranoia

von Jürgen Stark / 07.01.2015

In Europa gibt es aus verschiedenen Gründen Disinflation. Von schädlicher Deflation im klassischen Sinn ist nichts zu sehen. Die EZB verfolgt in ihrem von Aktionismus geprägten windmühlenhaften Kampf gegen niedrige Inflationsraten vermutlich eine heimliche Agenda.

Immer mehr Aktionismus wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) gefordert. Sowohl der Internationale Währungsfonds (IMF) als auch die OECD warnen vor den Folgen einer zu langen Phase niedriger Inflation oder sogar vor der unmittelbaren Gefahr einer Deflation. Die EZB selbst stimmt in diesen Tenor ein. Seit Juni hat sie aggressivere Zentralbank-Maßnahmen eingeleitet – und mehr ist nicht ausgeschlossen. Dies wirft natürlich viele Fragen auf und erfordert mehr öffentliche Rechtfertigung durch die EZB, als dies bisher geschehen ist. Kann denn die Inflationsrate zu niedrig sein, oder sollte man sich nicht eher an der erreichten Preisstabilität erfreuen? Oder ist Deflation eine reale Gefahr für den Euro-Raum? Birgt nicht die zu lange andauernde Nullzinsphase mittelfristig mehr Risiken als die gegenwärtige Preisentwicklung?

Unvermeidliche Disinflation

Vorsicht ist jedenfalls geboten bei der leichtfertigen Verwendung des Terminus „Deflation“. Er ist inhaltlich belegt durch die historischen Deflationserfahrungen während der „Großen Depression“ nach 1929. Zu Recht weist die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) darauf hin, dass fallende Preise sehr oft mit nachhaltigem wirtschaftlichem Wachstum einhergingen. Ergo gibt es keinen Grund zur Panik und zu kopflosem Aktionismus. Zunächst muss man verstehen, welches die treibenden Kräfte der rückläufigen Inflationsrate sind. Es lassen sich in erster Linie globale Entwicklungen ausmachen, die alle Volkswirtschaften treffen. Hier ist der unerwartete und signifikante Rückgang der Erdöl- und anderer Rohstoffpreise zu nennen. Zudem sind Effekte der wirtschaftlichen Globalisierung wirksam. Der intensive Wettbewerb engt die Preisüberwälzungsspielräume der Unternehmen ein – auch durch die verbesserte Transparenz im zunehmenden Online-Handel.

Hinzu kommen Faktoren, die spezifisch für das Euro-Gebiet gelten, vor allem die fortgesetzte Anpassung der relativen Preise in den Peripherieländern des Euro-Raums. Dieser Prozess der Disinflation ist unvermeidlich. In einer Währungsunion mit begrenzter Arbeitskräftemobilität sind Preis- und Lohnflexibilität die entscheidenden Anpassungsmechanismen mit direkter Wirkung auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit eines Landes.

Es handelt sich bei den Preisentwicklungen also keineswegs um ernstzunehmende deflatorische Gefahren. Es geht nicht um „schlechte Deflation“ mit einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale fallender Preise, Löhne und wirtschaftlicher Aktivität. Die Selbstverstärkung entsteht durch negative Erwartungen. Konsumenten und Investoren verschieben Käufe und Investitionen in Erwartung weiter fallender Preise und Kosten in die Zukunft. Die Folge ist eine schrumpfende Volkswirtschaft, mit einer weiteren Runde fallender Preise. Die Euro-Zone befindet sich aber nicht in einem solchen Szenario.

Der beschriebene Effekt der Selbstverstärkung tritt nach aller Erfahrung nicht bei niedriger Inflationsrate ein und auch nicht bei geringfügig fallenden Preisen. Die Preise müssten schon über einen längeren Zeitraum signifikant zurückgehen, um eine bedeutende und nachhaltige Verhaltensänderung bei Konsumenten und Investoren auszulösen. Selbst für Japan erscheint es nicht angebracht, von einer langjährigen Deflationsphase zu sprechen. Das Preisniveau Japans ist seit 2000 um ganze 4 Prozent zurückgegangen – nicht pro Jahr, sondern über einen 15-jährigen Zeitraum kumuliert. Während dieser Zeit ist das wirtschaftliche Wachstum pro Kopf stärker gestiegen als in den USA.

Politisch ungenutzte Zeit

Wenn hier schon der Begriff der Deflation verwendet wird, dann geht es um „gute Deflation“. Das ist ein wirtschaftlicher Gesundungsprozess, in dem Übertreibungen der Vergangenheit korrigiert werden und „Luft“ aus den Volkswirtschaften entweicht. Zwar bedarf die Preisentwicklung im Euro-Gebiet auch in Zukunft einer genauen Beobachtung und einer tiefgreifenden Analyse. Aber die Gefahr einer „outright“ Deflation, wie sie internationale Institutionen und auch viele Marktteilnehmer sehen, besteht nicht. Diese Sorge ist völlig übertrieben und hat in der internationalen Diskussion paranoide Züge angenommen.

Der Rückgang der Inflationsrate und die erreichte Preisstabilität wirken im Gegenteil wie eine Steuersenkung. Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte steigt und führt zu mehr privatem Konsum – also zu einem zusätzlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum. Diese Aspekte werden aber in der öffentlichen Diskussion nicht betont. Stattdessen werden die niedrigen Inflationsraten als eine zusätzliche Belastung für hochverschuldete Staaten, Unternehmen und Haushalte gesehen. Durch die geringe Inflation steigt nämlich der reale Wert der Schulden. Das trifft besonders jene, die die vergangenen Jahre nicht zu einer erheblichen Schuldenreduzierung genutzt oder weiter Schulden angehäuft haben. Und es steigt der reale Zinssatz, was kritisch für Wachstum und Beschäftigung ist.

Eine heimliche Agenda

Unorthodoxe geldpolitische Maßnahmen haben keine Berechtigung, um angeblichen Deflationsgefahren zu begegnen. Es sei denn, man verfolgt eine heimliche Agenda. Es gibt keinen Grund, die Bilanz des Euro-Systems künstlich aufzublähen mit zweifelhaften Instrumenten, die zu weiteren Marktverzerrungen führen – oder den Euro-Kurs zu schwächen, womit man die Tradition früherer europäischer Schwachwährungsländer fortsetzt. Zudem bremsen all diese Maßnahmen den Reformeifer der Mitgliedstaaten. Die gekaufte Zeit wird nicht genutzt.

Es wäre angebrachter, die derzeitige Situation offensiv als Preisstabilität zu interpretieren und nicht in Aktionismus zu verfallen. Vielmehr sollte die Zentralbank durch diese Phase „hindurchschauen“. Unverständlich bleibt die Absicht der EZB, kurzfristig alles tun zu wollen, um den Inflationsanstieg zu beschleunigen. Welch ein Ziel! Zur Erinnerung: Die EZB gehörte nicht zu der Gruppe von Zentralbanken, die kurzfristig ein Inflationsziel anstrebten. Sie verfolgte in der Vergangenheit eine eigene, mittelfristige Strategie.

Dr. Jürgen Stark ist ehemaliger Chefvolkswirt der EZB und arbeitet derzeit als unabhängiger Berater.