In Schanghai grassiert das Scheidungsfieber

von Matthias Müller / 06.09.2016

Der beste Weg, um eine Immobilie zu erwerben, ist der Gang zum Scheidungsanwalt. Das denkt sich derzeit manches Paar in Schanghai.

Analytiker sind stets bemüht, Kursausschläge an den chinesischen Börsen mit den in der westlichen Welt gängigen Mustern zu erklären. Sie blenden bei ihren Analysen gerne einen Punkt aus: Während selbst Investoren im Westen manchmal wenig rational handeln, agieren Chinesen überwiegend impulsgetrieben. Wer das im Reich der Mitte verbotene Glücksspiel betreiben will, ist an den Börsen in Schanghai und Shenzhen gut aufgehoben. Einen weiteren Beleg, wie kurzsichtig Chinesen punkto Geld und Investitionen handeln, liefern nun Ehepaare in Schanghai. Das Wirtschaftsmagazin „Caixin“ meldete jüngst, dass in der chinesischen Finanzmetropole Ende August schlagartig viele Anträge auf Scheidungen eingereicht worden seien. In den meisten Fällen haben sich die Paare aber nicht auseinandergelebt. Vielmehr wollen sie durch die offiziell beglaubigte Trennung die Chance wahren, sich eine zweite Immobilie zu leisten.

Paare in Schanghai haben für den Erwerb der ersten Wohnung 30% Eigenmittel aufzubringen. Für den Kauf einer zweiten Immobilie müssen sie jedoch bereits zwischen 50% und 70% des Kaufpreises gleich zu Beginn überweisen. In Schanghai sind die Wohnungspreise in den vergangenen Jahren jedoch durch die Decke geschossen. Vielen Haushalten fehlt deshalb das Geld, 70% der Investitionssumme für eine zweite Immobilie zu finanzieren. Der Gang zum Scheidungsanwalt sorgt für eine gewisse Linderung: Durch die Trennung verbleibt die gekaufte Wohnung im Eigentum eines Partners, und der andere kann eine zweite erwerben – mit „nur“ 30% Eigenmitteln. Anschliessend wird wieder geheiratet.

Ende August kamen in den sozialen Netzwerken jedoch Gerüchte auf, die Behörden in Schanghai wollten die Regel verschärfen. Es hiess, nach dem 1. September geschiedene Paare müssten ein Jahr warten, bis ein Partner wieder berechtigt sei, eine zweite Immobilie zu erwerben. Das Dementi der Behörden erfolgte zwar umgehend. Es stiess jedoch auf taube Ohren. Viele Paare setzten alle Hebel in Bewegung, um sich noch im August scheiden lassen zu können.