Lilly Panholzer

In zehn Schritten zum Unternehmer

von Elisabeth Gamperl / 21.10.2015

„Ihr eigener Chef sein“ – das wollen viele. Aber von der vermeintlich brillanten Idee zum erfolgreichen Unternehmen ist es ein langer Weg.

Dazwischen liegen wenig Schlaf, viel Kaffee und ungeplante Hürden. Damit Sie den Überblick bewahren, hat NZZ.at die wichtigsten Punkte für angehende Gründer zusammengetragen – so bereichern Sie den Markt mit Ihrem „Next Big Thing“ – und ja, vielleicht wird dadurch Österreich auch tatsächlich zum Gründerland. Eine Anleitung in zehn Schritten.

1. Die eine Idee, die es wert ist

Am Anfang steht die Idee, die Vision. Sie kreist im Kopf herum, lässt einen nicht mehr los.

Die Geschäftsidee poppt selten im luftleeren Raum auf, sondern entwickelt sich mithilfe von außen: mit Unterstützung von Freunden, (zukünftigen Ex-)Arbeitskollegen oder Mentoren.

Eine gute Geschäftsidee ist nicht nur eine, die sich in Geld verwandelt. Es ist auch eine, die zu Ihnen passt. Sie sollten nur eine Idee verwirklichen, bei der Sie sich sicher sind, längerfristig an ihr festhalten zu wollen.

Das österreichische Start-up-Ökosystem bietet Unterstützung bei der Suche nach der richtigen Geschäftsidee: „Ideas worth doing“ etwa ist ein Workshop, bei dem der Kreativität auf die Sprünge geholfen und gemeinsam an Ideen gefeilt wird. Der nächste wird voraussichtlich Anfang 2016 stattfinden: Zur Homepage von Ideas worth doing kommen Sie hier.

Geschäftsideen müssen aber nicht unbedingt genial oder besonders kreativ sein. Das ist ein Missverständnis. Sonst dürften rein theoretisch auch keine Boutiquen oder Restaurants mehr eröffnet werden. Von denen gibt es schon genug, die sich ähneln. Wichtig ist, sich zu fragen: Wo und warum mache ich das, und finde ich dafür auch Abnehmer? Das macht den essenziellen Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg aus.

2. Adieu „Nine to Five“

Soll ich’s wirklich machen, oder lass ich’s lieber sein, singt die deutsche Band „Fettes Brot“ in ihrem Song, dessen Titel die Antwort ist: „Jein“. Die Frage stellt sich auch für den potenziellen Unternehmer-Newbie. So gut die Idee auch immer ist: Sind Sie der Typ dafür?

Ihr Unternehmen wird Ihren Alltag bestimmen: nächtelange Arbeit, hohe Eigenverantwortung und weniger Sicherheit. Adieu Nine to Five. Dazu muss man bereit sein. Der Schritt zur Selbstständigkeit erfolgt in Österreich meistens Ende Dreißig: durchschnittlich mit 39 Jahren, wie man dem Gründerbericht entnehmen kann. Die meisten geben als Motiv an, ihr eigener Chef sein zu wollen, heißt es ebenfalls dort.

Gründer müssen Risiken eingehen können und selbstbewusst sein, sagt Camilla Sievers, „wenn man selbst nicht daran glaubt, kauft es einem auch sonst niemand ab.“ Sievers hat vor eineinhalb Jahre gemeinsam mit einer Kollegin Treats gegründet – einen Lieferservice für gesunde Snacks und Kaltgetränke. „Dir muss klar sein, dass du am Anfang für kein Geld arbeitest, nicht weißt, ob es die Firma im nächsten Jahr noch gibt, und dir auch niemand diesen Druck abnehmen wird“, sagt Sievers. „Du bist die Idee – wenn du selbst unsicher wirst oder verzweifelst, bringt es dein Business in Gefahr.“ Dem folgt ein Aber: „Man darf nicht so besessen von der eigenen Idee sein, dass man keine Kritik und Einwände annimmt.“

3. Der Plan dahinter

Man nennt es den IKEA-Effekt: Die eigene Idee, das Unternehmen, das Regal ist das schönste und tollste der Welt. Zumindest für Sie, weil Sie es „gebaut“ haben. Ob das wirklich stimmt, lässt sich nur mit einem guten Konzept herausfinden.

Es hilft dem angehenden Unternehmer, die Situation richtig einzuschätzen. Ein Gründungskonzept, auch Businessplan genannt, enthält die Vision, die Annahmen, die Markteinschätzungen und die Prognosen aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Der Gründerservice der WKO bietet eine eigene Businessplan-Software an, mit Musterbusinessplan von Runtastic GmbH – dem österreichischen Paradebeispiel für erfolgreiche Start-ups. Hier geht es zur Businessplan-Sortware des Gründerservices.

Ein Businessplan ist bei potenziellen Finanziers und Förderprogrammen fast immer gefordert, aber angesichts der Komplexität des Gründens und Wachsens ist ein Businessplan oftmals zu unflexibel. Ein Businessplan ist aber nur eine Momentaufnahme. Spricht man mit Startuppern, so zählt der Businessplan quasi zur „alten Unternehmerschule“.

Das sagt auch Alexander Schmid, der 2011 Courseticket gegründet hat – eine Plattform, auf der Interessierte einerseits Kurse und Weiterbildungsangebote finden, und auf der anderen Seite Weiterbildungsanbieter ihr komplettes Kursmanagement und den Verkauf automatisieren können. „Wir haben 40-seitige Businesspläne geschrieben, die am Ende obsolet wurden“, sagt Schmid, denn das Unternehmen würde sich ständig weiterentwickeln. Schmid rät deshalb dazu, sich vor allem auf Finanzierungspläne KPI (key performance indicators)Als Key Performance Indicators werden in der Betriebswirtschaftslehre allgemeine Kennzahlen bezeichnet, die sich auf den Erfolg, die Leistung oder Auslastung des Betriebs, seiner einzelnen organisatorischen Einheiten oder einer Maschine beziehen. und Pitches zu konzentrieren. Wenn du einem Publikum in fünf Minuten deine Geschäftsidee präsentieren musst, kommst du eher drauf, auf was es bei deinem Unternehmen ankommt, als bei einem starren Businessplan.

 4. Vergessen Sie nicht Ihre Kunden

Sie haben die Idee, die Risikobereitschaft, das Konzept – aber für wen machen Sie das eigentlich?
Um sich und sein Unternehmen erfolgreich verkaufen zu können, ist es unerlässlich, über seine Kunden und die anderen Akteure am Markt Bescheid zu wissen. So hart es klingt: Finden Sie nach langwieriger Recherche keinerlei Konkurrenz, dann ist Ihre Marktanalyse vielleicht noch nicht ausgefeilt genug. Für den angehenden Gründer ist geduldige Recherche deshalb das Um und Auf, um das Produkt am richtigen Markt zu positionieren.

Ein Werkzeug zur Marktrecherche ist etwa das Consumer Barometer von Google. Dort findet sich ein riesiger Datensatz der digitalen Welt. Ein weiteres Tool, das gerne angewendet wird, ist das sogenannte Value Proposition Canvas – die Werteversprechen-Leinwand, bei der man Kundenwert, Nutzen und Nachteile grafisch herausarbeiten kann. Hier geht es zum Video-Tutorial.

Am wichtigsten seien vor allem Feedback-Schleifen und „Reden, Reden, Reden“, sagt Camilla Sievers von Treats. „Wir haben uns damals aus ganz Europa die wichtigsten und gesündesten Snacks einfliegen lassen, haben alles probiert, und sind zu den Endkunden, vor allem Firmen, gegangen und haben Feedback eingeholt“, sagt Sievers. Je früher man weiß, wer seine Kunden sind und wie man sie erreicht, umso erfolgversprechender ist die eigene Firma. „Und man kann sogar den Kunden bei der Gestaltung des eigenen Unternehmens miteinbinden“, sagt Sievers.

 5. Wo das Geld herkommt

Die Finanzspritze der Gründer speist sich zu Beginn oftmals aus den drei Fs: Family, Friends, Fools. Familie, Freunde und Narren (= begeisterte Vermögende).

Da Familienmitglieder und Freunde meistens zusätzlichen Druck auslösen und womöglich keine Ahnung haben, was Sie eigentlich machen („Aber weil du es bist“), empfiehlt es sich, sich schnell um die Finanzierung zu kümmern.

Sie sollten sich vor dem Start klar sein, welche finanziellen Mittel Sie benötigen und für was, rät Alexis Eremia, Mitgründerin von Impacthub Vienna. „Wann und wofür brauche ich das Geld, ist die wichtigste Frage“, sagt Eremia, erst danach stellt sich die Frage, woher Sie das Geld bekommen können. Das Impacthub Vienna bietet ein eigenes Programm an, um Gründern bei der Kapitalbildung zu helfen: Hier geht es zum Investment-Ready-Programm

Auch die WKO bietet eine Beratung. Zum Gründerservice kommen Sie hier.

Mittlerweile hat Österreich auch einen Start-up-InkubatorInkubatoren sind Einrichtungen, die Unternehmen auf den Weg der Existenzgründung bringen und sie dabei unterstützen. Im Silicon Valley findet man sie zuhauf', in Österreich sind solche Einrichtungen noch die Ausnahme, und zwar i5invest. Zu i5invest kommen Sie hier.

Der Gründer von Courseticket, Alexander Schmid, hatte bereits früh zwei Business Angels an Bord. Das sind Menschen, die sich bereits in der Gründerphase finanziell beteiligen. Der eine war ein persönlicher Kontakt, dem anderem fiel ein Flyer von Courseticket in die Hände. Außerdem hatte Courseticket bereits von Beginn an einen fixen Kunden an Bord: „Damit konnten wir schnell Kosten abdecken.“

6. Wo die Förderer daheim sind

Ein wichtiger Punkt für viele Newcomer ist das Thema Förderung. Hier ist eine gute und gewissenhafte Vorbereitung der Schlüssel zum Erfolg.
Der Austria Wirtschaftsservice (AWS) fördert die Gründung von jungen und innovativen Unternehmen. Ein neues Programm unterstützt auch Unternehmen mit 50.000 Euro, die in ländlichen Regionen zu Hause sind.

Den größten Fehler, den Antragsteller machen, sagt Matthias Bischof vom AWS, ist, dass sie sich zu spät beraten lassen. „Es empfiehlt sich, bereits mit der Idee zu uns zu kommen. Wir beraten die Gründer von Anfang an.“

Die österreichische Fördergesellschaft (FFG) unterstützt gezielt junge, innovative Gründer. Hier geht es zur Überblicksseite.

Alexis Eremia, Mitgründerin von Impacthub Vienna, ist Förderungen gegenüber skeptisch. Sie führen laut Eremia dazu, dass sich viele Unternehmen und Start-ups zu spät mit dem Markt auseinandersetzen. „Man macht es sich mit einer Förderung oft zu gemütlich und beschäftigt sich erst spät damit, wie man mit dem Produkt Geld verdient“, gibt sie zu bedenken. Aber Österreich wäre nicht Österreich, wenn nicht der Staat in Form von Gründungsagenturen und Förderstellen kräftig mitmischen würde.

7. GmbH, Verein, EPU, tatütata

Einzelunternehmen, GmbH, GmbH light neu, Kommanditgesellschaft oder Offene Gesellschaft? Jungunternehmer müssen sich recht schnell die Frage stellen, welche Rechtsform sie für ihre Firma wählen. Jede dieser Rechtsformen zieht unterschiedliche zivilrechtliche, sozialversicherungsrechtliche und steuerliche Konsequenzen nach sich. Die WKO-Übersicht der Rechtsformen finden Sie hier.

Die meisten Gründungen in Österreich werden von einem allein geschultert. Das heißt, sie sind nicht eingetragene Einzelunternehmen (EPU). Der Inhaber bringt das Unternehmenskapital alleine auf, führt das Unternehmen alleine und trägt auch das Risiko alleine.

„Für Unternehmen mit sozialer Wirkung oder sehr wenig Geld kann am Anfang auch ein Verein die optimale Lösung sein“, sagt Elisabeth Sabeditsch von uniforce Consulting  und Mitorganisatorin von Startup LiveStartup Live ist eine Eventreihe, bei der sich Ideen innerhalb von drei Tagen in Geschäftsmodellen verwandeln – die von Mentoren unterstützt werden. Viele Förderungen und Investments werden mit Mentoring-Programme begleitet. .

 

8. Der Gründer und sein Team

Ein neu gegründetes Unternehmen schafft im ersten Jahr im Schnitt 2,4 neue Arbeitsplätze, heißt es im Gründerbericht des Wissenschaftsministeriums. Die meisten Unternehmer sind aber Einpersonen-Unternehmen.

Ein Start-up ist nicht nur eine Geschäftsidee, ein technologischer Durchbruch oder ein neues Produkt, ein Start-up ist auch eine von Menschen geprägte Organisation, schreibt Autor Eric Ries in „The Lean Start-up“. Das gilt für alle Gründungen. Irgendwann ist der Gründer nicht mehr alleine, die ersten Mitarbeiter stoßen mit ihren Laptops dazu. Sie formen mit ihren Inputs und ihrem Feedback das Unternehmen ebenso mit wie der Gründer.

Gründer sollten deshalb schnell lernen, dass man auch mal die Zügel aus der Hand geben muss, sagt Johannes Jäschke. Gemeinsam mit 20 anderen arbeitet er seit März an „23 Grad“ – einem Hybrid aus interaktivem Atlas und Newsseite. Die Onlineplattform befasst sich mit Artenschutz, Umwelt und Menschenrechten. Diversität ist bei der Auswahl der Teammitglieder sehr wichtig, sagt Jäschke, „ansonsten ist man betriebsblind“. Außerdem solle man bei einem Start-up mit jedem Teammitglied genau darüber sprechen, was jemand kann, machen will und wie viel der Mitarbeiter bereit ist zu geben – vor allem, wenn am Anfang noch kein Geld fließt.

9. Die richtige Homebase

Irgendwann braucht es einen Ort zum Arbeiten, einen Ort, der nicht Starbucks oder das eigene Sofa ist. Irgendwann reichen auch Online-Chatdienste wie Skype oder Slack nicht mehr, um sich mit den Kollegen zu besprechen. Irgendwann braucht man ein Büro. Der Unternehmer muss sich zwischen Flexibilität und Autorität entscheiden: sich flexibel in einem Coworking-Space einrichten, den man jederzeit wieder verlassen kann, oder sich sein eigenes Hoheitsgebiet in Form eines Büros errichten.

Ob Flexibilität oder Autorität, folgende Dinge sollte der Gründer beachten, wenn er für sich den passenden Ort auswählt: Infrastruktur, Räume und Equipment für Meetings und Besprechungen.

Coworking-Space oder eigenes Büro, wofür soll sich der Businessstarter entscheiden? „Wer sich ein Netzwerk aufbauen möchte, ist mit einem Coworking-Space gut beraten“, sagt Alexis Eremia, Mitgründerin von Impacthub Vienna. Das Impacthub Vienna selbst gibt 450 Gründern ein Dach über den Kopf.

10. Last but not least: Mentoren und Community

Als Gründer hat man meist mehr Fragen als Antworten. Es ist deshalb nützlich, einen Berater oder Mentor an der Seite zu haben.

Denn diese haben schon Erfahrungen gemacht, ihr eigenes Business aufgezogen und/oder kennen die Branche. Sie können auf einen größeren Erfahrungsschatz zurückgreifen als der Gründer und vielleicht sogar Empfehlungen bei Kunden abgeben. „Mentoren sind wichtige Multiplikatoren – die Unterstützung von Experten kann hilfreich sein“, sagt Elisabeth Sabeditsch von uniforce Consulting.

„Ein Gründer muss das Netzwerken beherrschen“, sagt Sabeditsch. Es sei wichtig, sich mit der Community auseinanderzusetzen, die Mitbewerber zu kennen und Kontakt zu den Kunden zu suchen. Das führt zu ständigem Feedback der eigenen Performance, was für einen Gründer essenziell ist, sagt Sabeditsch.

Fyi: Seit heuer gibt es auch Knowbie.io. Auf der Videoplattform werden Fragen gestellt, die von Beratern („Knowbies“) beantwortet werden.