Lilly Panholzer

Start-up-Förderung

Ins Gründerland mit viel Start- und Staatshilfe

von Lukas Sustala / 06.07.2016

185 Millionen Euro „pumpt“ die Regierung nun also in die Gründerszene. Über drei Jahre sollen Gründungen, Spin-offs von Universitäten und schnell wachsende Start-ups kräftig gefördert werden. Die ersten drei Mitarbeiter neuer Gründungen sollen für drei Jahre kräftig bei den Lohnnebenkosten entlastet werden. Wer innovativ ist, wird mit einem schlanken, fördernden Staat belohnt.

Auf 13 Einzelmaßnahmen bringt es das Start-up-Paket, das bei vielen Schwachpunkten des heimischen Gründungsstandorts ansetzt. Die ÖVP um den „Unternehmertum“-Staatssekretär Harald Mahrer hat sich für die Entfesselung der dynamischen Branche lange eingesetzt, aber auch SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern kann voll hinter der Maßnahme stehen. Immerhin betont er allenthalben, was für eine wichtige Rolle der Staat bei innovativen Unternehmen aus dem Silicon Valley spielt. Den Elektronikriesen Apple würde es ohne staatliche Hilfe nicht geben, sagte Kern auch jüngst bei der Präsentation des Wirtschaftsberichts unter Bezug auf die Ökonomin Mariana Mazzucato. Und nun soll eben mit staatlicher Hilfe die heimische Gründerszene Ähnliches schaffen.

Es hilft aber, angesichts der vielen, sehr positiven Wortmeldungen von Business Angels, Risikokapitalisten und Unternehmen, das Paket ein bisschen in den Kontext zu setzen:

  1. 185 Millionen Euro sind nicht viel
  2. Österreich hat nicht zu wenig Staat bei Start-ups, sondern eher zu viel
  3. Was innovativ ist, sagt immer noch der Staat
  4. It’s the mindset, stupid

Show them the money!

185 Millionen Euro über drei Jahre sind spürbar. Eintausend Start-ups sollen profitieren, 10- 15.000 Jobs geschaffen werden, hofft die Regierung. Das wirkt gar nicht so unrealistisch, galt es doch schon lange als ausgemachte Sache, dass das Finanzierungssystem ein zentraler Flaschenhals für die Entwicklung von Start-ups in Österreich war. Allerdings muss man auch die Kirche im rot-schwarzen Dorf lassen. 185 Millionen Euro sind nicht nichts, aber sie sind auch nicht viel.

Das zeigen nicht nur große Finanzierungsrunden, wie zuletzt 3,5 Milliarden Dollar für den Taxidienst Uber vom saudischen Staatsfonds, sondern etwa auch ein Vergleich mit der Bilanzsumme österreichischer Unternehmen insgesamt, die immerhin bei 700 Milliarden Euro liegt. Alleine in Berlin sind 2015 knapp 2,1 Milliarden Euro an Risikokapital in Start-ups geflossen. Wie viel Risikokapital ist in Österreich geflossen? 109 Millionen Euro im Jahr 2015. Österreich bräuchte eine Vervielfachung der privaten Mittel, um im Spitzenfeld mitzuspielen. Die Förderung von Beteiligungen ist jedenfalls ein wichtiger Teil des Maßnahmenpakets nach dem Gesetzesmurks der vergangenen Jahre.

Wie viel Staatshilfe brauchen Start-ups?

Für die dynamischen, innovativen Start-ups greift die Regierung nochmal tief in den Fördertopf. Dabei ist bereits heute mit der Förderbank aws und den vielen Programmen auf Bundes- und Länderebene ein dichtes Netz an Förderinstitutionen geknüpft worden.

Die wenigsten Start-up-Gründer klagen über zu wenig Förderungen zu Beginn ihrer Gründung und in der ersten Arbeitsphase. Sie klagen über Regulierungen und wenig Zugang zu Kapital, wenn es ans Wachstum geht.

Bei den Förderungen hat der Staats bis dato wohl eher zu viel als zu wenig angeboten, daher ist ein „One-stop-Shop“ wohl angemessen. Wenn gute Programmierer am Förderdschungel scheitern, ist das kein Qualitätsmerkmal. Daher muss man wohl noch abwarten, ob sich die Hoffnung der Reformer erfüllt, wenn sie in ihrem Entwurf zum „Förderpilot“ als Überblick über den Förderdschungel schrieben: „Die Landesförderstellen werden eingeladen sich in das Portal einzubringen.“

Je dichter der Dschungel, desto eher werden jene belohnt, die sich mit den Förderungen beschäftigen – und nicht die Start-ups mit dem besten Produkt.

Was ist denn schon innovativ?

„Innovative Start-ups sind

  • jung und
  • mit ihrer Technologie oder ihrem Geschäftsmodell innovativ und
  • weisen ein signifikantes Mitarbeiter- oder Umsatzwachstum auf.

Alternativ liegt ein innovatives Start-up auch dann vor, wenn das Start-up,

  • jung ist und
  • in den 2 Jahren vor Antragstellung eine öffentliche Förderung für ein Forschungs- oder Innovationsprojekt der aws/FFG in Anspruch genommen hat.“ (Definition aus dem Vortrag vor dem Ministerrat)

Auch wenn sich die Definition ein wenig an jene von Ökonom Joseph Alois Schumpeter anlehnt: Dass einige Förderungen nur für Start-ups gedacht sind, die die Innovation ihres Produktes oder ihres Prozesses sowie ihr großes Wachstumspotenzial nachweisen müssen, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Wie der Staat über Innovationen urteilen will, muss er in einem Kriterienkatalog definieren, um besonders schnell wachsende Start-ups zu identifizieren – und das ist ja eher Aufgabe tausender Analysten von Risikokapitalfonds auf der ganzen Welt.

Hier scheiden sich wohl die Geister: Während Christian Kern wiederholt Behörden und den Staat als Förderer von großen Innovationen in den USA lobt, hat sich die Bürokratie in Österreich bis dato noch nicht als die Brutstätte des dynamischen Kapitalismus entpuppt.

Die Revolution ist nicht genug

Die Gründerszene jubelt aber nicht umsonst. Dass man mit Ausnahmeregelungen bei den hohen Lohnnebenkosten, gezielten Kooperationen mit Universitäten und den prall gefüllten Fördertöpfen eine Start-up-Revolution anstoßen will, kann dem Standort nach vier Jahren Stagnation nur nützen.

Doch zu einer Revolution gehört auch eine neue Risikokultur bei den Sparern und Investoren, ein klarer Abwärtstrend bei der Bürokratie und eine Bildungsreform, bei der auch die Frage in den Raum gestellt werden sollte, welche Bilder von Wirtschaft und Unternehmertum man vermitteln möchte. Denn auch wenn außer Streit steht, dass die Finanzierung ein wesentlicher Flaschenhals für die Gründerszene war und ist, so war sie doch nur einer von vielen. Zugespitzt formuliert: Das Mindset und die Kultur von Sparbuchfetischisten, wirtschaftskritischen Forschern und gründungsfaulen Studienabgängern lässt sich nicht über Nacht ändern.

Dort, wo es bereits Risikofreude, unternehmerische Universitäten und selbstständige junge Menschen gibt, wird dieses Maßnahmenpaket als wichtiger Katalysator wirken.

Gründerland für alle!

Aber das sollte es jetzt mit dem staatlichen Dirigismus gewesen sein. Das oberste Ziel sollte nun sein, das Gefühl der „Oase Gründerland“ auch in die übrige Wirtschaft zu transportieren. Man darf angesichts des Versprechens der Regierungsspitze nach dem Ministerrat hoffen: „Das ist ein erster Schritt, und es werden noch viele folgen.“