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Nachruf

Intel-Mitgründer Grove: Der Paranoide des Silicon Valley

von Christiane Hanna Henkel / 23.03.2016

Der ungarische Flüchtling prägte über Jahrzehnte die Geschicke des weltgrößten Chipherstellers Intel. Andy Grove gilt als einer der Väter des Silicon Valley und Mentor der dortigen Technologie-Elite.

Es muss eine armselige Gestalt gewesen sein, die da im Jahr 1956 mit einem Flüchtlingsschiff im New Yorker Hafen ankam. Der ungarische Flüchtling war schwerhörig und konnte kein Wort Englisch. Der 20-Jährige war gerade dem Kommunismus entkommen, und seine frühe Kindheit hatte er auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus verbracht. Und doch sollte sich der Flüchtling als ein Glücksfall für die USA erweisen. Und umgekehrt. Er wurde einer der Väter des Silicon Valley, des die US-Wirtschaft prägenden Tals der Technologie und des Unternehmertums.

Revolution der Siliziumscheibe


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András Gróf kommt zunächst bei Verwandten in New York unter, studiert Chemie und doktoriert dann an der University of California in Berkeley. Er heuert bei Fairfield Semiconductor an und leitet dort ein Forschungsteam, das untersucht, wie sich Transistoren am besten auf Siliziumscheiben – diese „silicon wafers“ sollen dem Tal später ihren Namen geben – setzen lassen. Damit wird er Teil einer technologischen Revolution, nämlich des Übergangs von Computern, deren Leistung auf großen Vakuumröhren basiert, hin zu auf leistungsfähigen Halbleitern laufenden Rechnern. Diese technologische Innovation wird oft gleichgesetzt mit der Erfindung der Elektrizität, des Telefons oder des Verbrennungsmotors.

Später wechselt der Chemieingenieur, der sich inzwischen in Andy Grove umbenannt hat, zum Halbleiterhersteller Intel. Er wird neben den beiden Gründern, dem Chemiker Gordon E. Moore und dem Physiker Robert Noyce, Angestellter Nummer drei. In den 1970er Jahren wird Intel stark bedrängt durch billige Chips aus Japan. Der für die Forschung zuständige Grove beweist erstmals seine strategischen Fähigkeiten und zeigt Führungsstärke: Anstatt zum vermeintlichen Allheilmittel von Entlassungen zu greifen, spornt er die Mitarbeiter an, unentgeltliche Überstunden zu schieben. Und schließlich auf dem Chefsessel von Intel angelangt, orchestriert er in den nächsten Jahren den Übergang vom einfachen Speicherchip zum Mikroprozessor und macht damit Intel anstatt zum Opfer zum Profiteur des Aufstiegs des PC.

Auch gelingt es Grove, zusammen mit Bill Gates und dessen aufsteigender Firma Microsoft bzw. dessen Betriebssystem Windows, den Chiphersteller zu einer bei Konsumenten bekannten Marke zu machen. „Wintel“ verdrängt schließlich IBM. Während sich Verbraucher früher kaum für das Innere des Computers interessierten, ist der Begriff „Intel Inside“ und die Schnelligkeit des Prozessors heute den meisten Kunden ein Begriff – und oft wichtiger als die PC-Marke an sich.

Groves Führungsstil gilt als unnachgiebig, detailversessen und äußerst diszipliniert. Er hinterfragte alles. Gemäß Aussagen eines Weggenossen waren Meetings mit Grove oft so wie ein Zahnarztbesuch – ohne Betäubungsmittel. Er selbst nannte es kreative Konfrontation. Sein Managementstil prägt die Kultur von Intel noch heute, und es ist damit auch sein Verdienst, dass das 1968 im kalifornischen Mountain View gegründete Unternehmen Intel meist ein Vorreiter des rapiden technologischen Wandels war.

In seinem Buch „Only the Paranoid Survive“ – nur wer unter Verfolgungswahn leidet, überlebt – hinterlässt er der Nachwelt seine Einsichten in die Herausforderung von Unternehmen, die sich abrupten Umweltveränderungen zu stellen haben.

Mentor für den Nachwuchs

Bis zum Schluss übernahm Grove die Rolle des Mentors für junge aufstrebende Unternehmen im Silicon Valley. Die Gründer etwa von Apple, Oracle oder Facebook holten sich bei dem Mann Rat. Grove starb am Montag im kalifornischen Los Altos; er hinterlässt seine Frau Eva, mit der er 58 Jahre verheiratet war, sowie zwei Kinder.