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So kam es zu den Enthüllungen

„Interessiert an Daten? Ich teile gern“

von Gordana Mijuk / 10.04.2016

Die Panama-Papiere dominieren weltweit die Medien. Ein Triumph für das Netzwerk investigativer Journalisten, das dahintersteckt. Wie kam es zu den Enthüllungen?

„Pling.“ Bastian Obermayer, ein Journalist der Süddeutschen Zeitung, sitzt vor seinem Laptop, als spätabends die Nachricht hereinkommt. „Pling.“ „Hallo. Hier spricht John Doe. Interessiert an Daten? Ich teile gern.“ John Doe, so heißen in Gerichtsprozessen in den USA Personen, deren wahre Identität nicht enthüllt werden darf. John Doe ist irgendjemand. Andere hätten das E-Mail wohl gelöscht. Nicht Obermayer. Der Journalist ist spezialisiert auf Enthüllungen. „Hallo zurück. Ich bin sehr interessiert, natürlich“, tippt er.

So begann vor über einem Jahr die Geschichte der Panama-Papiere, das größte Datenleck, das es je gegeben hat. Aus dem „Pling“ ist zunächst eine Flut von Daten und nun ein weltweiter medialer Tsunami geworden. Seit vergangenem Sonntagabend laufen auf allen Kanälen Geschichten über Politiker, Funktionäre, Superreiche, Geschäftsleute, die mithilfe von Offshore-Firmen ihr Vermögen vor dem Fiskus verstecken.

John Doe hatte der Süddeutschen Zeitung insgesamt 2,6 Terabyte an Informationen übermittelt. 11,5 Millionen Dokumente. Unzählige E-Mails, PDFs, Scans von Pässen, Urkunden, Textdokumente, Excel-Tabellen, allesamt aus der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama. Kein anderes Leck zuvor hatte je so viele Informationen offenbart. Nicht Bradley Manning, der 2010 WikiLeaks Militärgeheimnisse zum Irak- und Afghanistankrieg zugespielt hatte. Nicht Edward Snowden, der 2013 Journalisten Daten zum US-Nachrichtendienst NSA übergeben hatte. John Doe blieb bis heute anonym, er ist irgendjemand.

Am Anfang wurden Obermayer und sein Kollege Frederik Obermaier auf den Fall angesetzt. Nur wenige auf der Redaktion der Süddeutschen waren in das Projekt eingeweiht. Die „Gebrüder Obermayer/ier“, wie sie genannt werden, sollten die Daten prüfen und aufarbeiten. Doch John Doe lieferte immer mehr Dokumente, immer mehr Namen, immer mehr Spuren und mögliche Geschichten für die Zeitung. Die Journalisten erweiterten das Rechercheteam, beschafften einen neuen Rechner. Doch sie standen vor einem unüberwindbaren Datenberg.

Datenmenge zwingt zur Kooperation

Sie wandten sich deshalb an das ICIJ, das Internationale Konsortium investigativer Journalisten, mit Sitz in Washington. Dem Netzwerk gehören 200 Journalisten aus 70 Ländern an, Mitglied werden Journalisten nur auf Empfehlung und Einladung. Angefangen hatte die 1997 gegründete Organisation mit der Recherche zu Themen wie Tabakschmuggel oder dem Handel mit Leichenteilen. In jüngster Zeit machte das ICIJ mit Recherchen zu Steuerflucht und Schwarzgeld Schlagzeilen, unter dem Titel „Swiss Leaks“, „Lux Leaks“ oder „Offshore-Leaks“. Das Konsortium verfügt über viel Erfahrung mit solch großen Datenmengen und hat Informatik-Programme entwickelt, um die Daten in verschiedensten Formaten elektronisch zugänglich zu machen.

Rasch kam es zum ersten geheimen Treffen in Washington, dann am Sitz der Süddeutschen in München. Diesmal ist die Geheimhaltung schwieriger, reisen doch über 100 Journalisten aus aller Welt an, ein südkoreanisches Team filmt vor dem Hauptgebäude, die Chefredakteurin des Guardian und BBC-Kollegen wandeln durch die Gänge. Die nicht involvierten SZ-Journalisten wundern sich, was vor sich geht. Das Treffen wird zum Kick-off für die globale Kooperation. Nur so sind die Datenmengen zu bewältigen. Man hilft sich gegenseitig, die Länderteams recherchieren mit regionalem Fokus, man tauscht sich in speziellen Chat-Plattformen aus. Dank der ICIJ-Computerprogramme können die Daten effizient nach Ländern, Firmen, Personen durchsucht werden. Und – alle halten dicht. Monatelang. Bis zum vergangenen Sonntag.

Die Entstehungsgeschichte der Panama-Papiere liest sich wie ein Krimi: Eine anonyme Quelle, die um ihr Leben fürchtet, hartnäckige Journalisten, reiche Bösewichte. Etwas ist jedoch anders: Die Journalisten arbeiten in einem globalen Netzwerk. In der Welt der Krimis, aber auch im richtigen Leben, ist das ein neues Phänomen. Vor kurzem war es noch undenkbar, dass Journalisten zusammenarbeiten, Sensationsnachrichten über Monate geheim halten. Kollegen anderer Zeitungen sind normalerweise Konkurrenten.

Dahinter steckt eine neue Art des Journalismus – ein globaler Journalismus mit einem neuen Grundprinzip: „radical sharing“ – radikales Teilen, so nennt es das ICIJ. Auf der Website der Organisation steht: „Unser Ziel ist es, Journalisten verschiedener Länder zusammenzubringen, Rivalitäten zu verhindern und die Zusammenarbeit zu fördern. Wir streben danach, das beste internationale investigative Team zu werden.“ ICIJ-Redaktor Michael Hudson erklärt: „Das Teilen von Informationen ist entscheidend. Und je mehr man teilt, desto mehr kommt zurück.“

Die globale Kooperation sei letztlich auch eine Folge davon, dass Medienorganisationen sparen müssen und ihre Korrespondentennetze, Reisebudgets und Investigativteams zusammenstreichen. Luke Harding, ein beteiligter Journalist des britischen Guardian, sagt: „In Zeiten, wo überall Ressourcen gekürzt werden, ist das Modell der internationalen Zusammenarbeit der Weg in die Zukunft.“ Dies sei der Anfang eines neuen goldenen Zeitalters des investigativen Journalismus.

Internetwelt pocht auf Transparenz

Nicht jeder mag jedoch in diesen Jubel einstimmen. Denn geteilt wird nur innerhalb des Netzwerks. Nur die involvierten Zeitungen haben überhaupt Zugriff auf die Daten der Panama-Papiere. Sie bestimmen, was an die Öffentlichkeit gelangen soll und was nicht. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks läuft derzeit Sturm dagegen. Sie fordert, dass sämtliche Daten allen zugänglich gemacht werden, nicht nur einer Gruppe von Journalisten. Zwar hatte auch WikiLeaks-Gründer Julian Assange mit Zeitungen zusammengearbeitet, doch blieb er ihnen gegenüber stets misstrauisch. Wie bei wissenschaftlichen Publikationen sollten auch die zugrunde liegenden Daten für alle offen sein. Jeder sollte die Geschichten überprüfen können. Mittlerweile druckt WikiLeaks bereits T-Shirts mit der Aufschrift: „Full docs or GTFO“ – alle Dokumente oder fahrt zur Hölle.

Doch das Konsortium und die Süddeutsche sagen dazu klar Nein. SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach schreibt: „Die SZ wird die Daten nicht der Allgemeinheit und auch nicht den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung stellen.“ ICIJ-Direktor Gerard Ryle argumentiert ähnlich: „Wir sind nicht WikiLeaks. Wir wollen zeigen, dass Journalismus verantwortungsbewusst betrieben werden kann.“ Die Daten könnten heikle Informationen über unschuldige Privatpersonen enthalten.

„Da prallen zwei Kulturen aufeinander“, sagt Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste. Auf der einen Seite steht die Zeitungskultur, in der die Redaktion darüber entscheidet, was wichtig ist und veröffentlicht wird. Auf der anderen Seite die Internetkultur. Hier will man zuerst alles veröffentlichen und erst dann entscheiden, was wichtig ist. „Veröffentlichung und Bewertung sind in der Internetwelt zwei verschiedene Sachen. Bei Zeitungen dagegen fallen sie zusammen. Aus dem Blickwinkel der Internetkultur sind Zeitungen intransparent und bevormundend“, sagt Stalder.

Vor dem Internetzeitalter gab es keine Möglichkeit, die Daten jedermann zugänglich zu machen. Heute kann man das Material tatsächlich von der Geschichte, die man daraus macht, trennen. Dass das ICIJ die Daten nicht herausgeben will, ist nachvollziehbar. Doch es macht die Organisation auch angreifbar. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Panama-Papiere verbreiteten sich Verschwörungstheorien, wonach hinter dem Leck die CIA stecke. Immerhin werde das ICIJ ja von linksliberalen amerikanischen Stiftungen finanziert, allen voran von der Open Society Foundation von George Soros. Es sei wohl kein Zufall, dass bisher kaum Amerikaner an den Pranger gestellt wurden, dafür aber russische und chinesische Mächtige.

Die Panama-Papiere sind ein Glücksfall für die Medien. Sie zeigen, wie schlagkräftig Journalismus im digitalen Zeitalter sein kann. Und sie zeigen, dass Medien eben nicht funktionieren wie WikiLeaks. Medien müssen sich ihre Glaubwürdigkeit erarbeiten, mit jedem Entscheid über Publikation oder Nichtpublikation, mit jeder Geschichte von neuem.