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Issaka und Franz Schellhorns Sozialismus

von Helge Fahrnberger / 24.01.2016

Warum die Idee, man könne die Armut in den ärmsten Ländern mit „mehr Kapitalismus“ beseitigen, so absurd ist.

Der Franz Schellhorn sei ein Fou, ein Narr, sagt Issaka Congo*, wenn man ihm von Schellhorn erzählt. Issaka lebt im kleinen Dorf Nabou in Burkina Faso, Sahelzone. Issaka ist einer der 3,5 Milliarden Menschen, die laut Oxfam gemeinsam so viel besitzen wie die 62 reichsten.
Issaka ist auch einer der 5 Milliarden Menschen, von denen der Franz Schellhorn schreibt, dass ihnen „Sozialismus“ nicht helfe, sondern sie mehr „Kapitalismus“ bräuchten:

Das eigentliche Rezept sei es also, den Menschen die Möglichkeit zu geben, Eigentum zu erwerben und das auch rechtlich zu sichern. Um Hypotheken darauf aufnehmen zu können oder es in offenen Märkten zu handeln und tauschbar zu machen. So könnten auch Ärmere mit ihrem Besitz einen Kredit absichern und Investitionen tätigen.

Schellhorn zitiert hier den Ökonomen Hernando de Soto.

Issaka ist Unternehmer. Agrarunternehmer. Hirse, Reis und Gemüse, das seiner Frau und ihm am Hof überbleibt, verkauft er am Wochenmarkt im Dorf. Jetzt, gegen Ende der Trockenzeit, wenn es am Hof nichts zu tun gibt, verdient er sich als freischaffender Maurer etwas dazu: Er hilft anderen Bauern beim Bau ihrer Lehmhütten.

Natürlich hat Schellhorn recht: Keine Bank würde Issaka eine Hypothek auf seinen Hof und sein Land geben. Der Landbesitz ist in keinem Grundbuch verzeichnet, Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn werden vom Dorfältesten geschlichtet. Kostet jeden Beteiligten ein Huhn. Aber auch mit Grundbuch gäbe es niemanden, der ihm seine Lehmhütten und sein Land abkaufen würde. Das karge, staubige Land ernährt gerade einmal eine siebenköpfige Familie, es wirft zu wenig ab, als dass man damit irgendeinen Kaufpreis zurückverdienen könnte. Und ohne Absatzmarkt keine Besicherung, ohne Besicherung keine Hypothek.

Da ist er ja, der Kapitalismus, den sich Schellhorn wünscht.

Statt geduldig auf die Segnungen des Sozialismus zu warten, wäre es besser, in den ärmsten Ländern der Welt den Kapitalismus einzuführen.


In Issakas Familie sind fast alle Unternehmer. Die meisten Bauern. Manche verdienen sich durch das Aufladen von Handys was dazu, andere als Heiler, Hebammen und Getränkestand-Betreiber oder durch den Verkauf von illegalen, abgelaufenen Medikamenten. Sein Schwager hat es sogar zum Bauunternehmer in der Regionalhauptstadt gebracht. Mit eigenem Klein-LKW. Die noch recht kleinen Kinder der zu früh verstorbenen Nachbarn leben obdachlos in Ouagadougou und arbeiten dort auch als Unternehmer: Sie karren Sand von der Stadtgrenze in die Stadt und verkaufen ihn dort gegen ein paar Münzen als Bausand an Baustellen.

Issakas Kinder sollen es einmal besser haben. Seine Jüngste ist die Erste in der Familie, die es in eine weiterführende Schule geschafft hat. Mit einem Abschluss hat sie bald vielleicht die Chance auf einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester. Und damit als Erste in der Familie ein geregeltes Einkommen. Issaka hat fünf Kinder, zwei weitere sind klein verstorben, eine an einer Lungenentzündung, eines bekam ein Abszess im Kiefer, das immer größer wurde. Der Sanitäter aus dem Nachbardorf gab ihm für € 0,13 ein Antibiotikum, aber das wirkte nicht. In der Regionalhauptstadt gab es moderne Antibiotika zu kaufen, aber die € 40 dafür hatte Issaka nicht: Die Ernte dieses Jahres war keine gute gewesen. So wuchs das Abszess, bis das Kind nach Monaten eine Fiebernacht nicht überlebte. Ein drittes Kind starb schon bei der Geburt. In Issakas Gegend gibt es keine Geburtenstation, darum kommen alle Kinder in den staubigen Hütten zur Welt, begleitet von einer Nachbarin, die von ihrer Mutter Hebamme gelernt hat.

Dabei geht es Issaka besser als vielen in seinem Land: Im Nachbardorf gibt es eine Krankenstation, nur sieben Kilometer Fußweg. Und bis auf 3–4 Wochen in der Regenzeit ist dieser auch passierbar. Deswegen sind auch alle Kinder Issakas geimpft, das hat die Unicef gezahlt. In der Krankenstation gibt es einen gasbetriebenen Kühlschrank für die Impfstoffe.

Und in Issakas Dorf gibt es eine Wasserzisterne, die saudische Missionare gebaut haben. Sie liefert sauberes Wasser, von dem man nicht krank wird, nur 20 Minuten Fußweg von Issakas Hof. Und im Nachbardorf gibt es eine Grundschule, allerdings nur drei von sechs Klassen. Wer die anderen drei Klassen besuchen will, muss 18 km mit dem Rad fahren. In Issakas Familie gibt es nur zwei Räder, nicht genug für alle.

Überhaupt ist fast alles besser als früher:

Mehr und mehr staatliche Schulen werden gebaut, in Issakas Dorf sind nur noch wenige Jugendliche Analphabeten, viele können passabel Französisch. Weniger Kinder sterben als früher und sobald im Nachbarort die staatliche Geburtenstation eröffnet wird, werden auch weniger Mütter bei der Geburt sterben. Fast jeder in Issakas Dorf hat ein Handy, auch wenn das Aufladen des Akkus bei den Händlern, die das mit in der Stadt aufgeladenen LKW-Batterien anbieten, teuer ist. Und in jeder Hütte gibt es ein Transistorradio, das über das Weltgeschehen informiert.

Im Radio haben sie auch gesagt, dass die kommenden Regenzeit sehr trocken wird, wegen El Niño, und man Hirse anpflanzen soll und nicht Reis. Dabei war schon die letzte zu trocken und Issakas Familie muss bis zur nächsten Ernte mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen. Issaka hat Angst um seine Frau, noch so eine Trockenzeit wie diese übersteht sie mit ihrer angeschlagenen Gesundheit nicht. Geld ist auch keines mehr da, das Schulgeld für seine Jüngste, rund 30 Euro pro Jahr, tragen Verwandte aus der Stadt.

* Issaka Congo ist eine fiktive Figur, doch die genannten Details basieren auf realen Personen. Es gibt hundertausende Issakas in Burkina Faso, Millionen in Afrika. Manchmal sind sie Bauern, manchmal Fischer, manchmal Händler, aber „Sozialisten“ sind sie nie.

Burkina ist ein Land mit kaum Bodenschätzen, die Hauptexportprodukte sind Baumwolle und Erdnüsse. (Allerdings ruiniert US-Baumwolle die Preise, dort subventioniert sie der Staat. Wo ist die Marktwirtschaft, wenn man sie braucht?) Der burkinische Staat ist schlank, er erbringt nur wenige Leistungen. Die dürren Staatsbudgets kommen im Wesentlichen aus 20 % Importzoll (importiert wird so gut wie alles) und aus internationaler Hilfe.

In den Straßen der Städte und in den Dörfern am Land existiert kein „Sozialismus“, den Schellhorn herbeiphantasiert. Die durchschnittliche Burkinerin und der durchschnittliche Burkiner zahlen keine Einkommenssteuer und Umsatzsteuer nur auf wenige Produkte. Durch ihre Hand bewegen sie nur rund € 70 pro Jahr. Auch für das Land, das sie besitzen, zahlen sie keine Steuern. In Burkina Faso herrscht Marktwirtschaft in Reinform, und die darf man durchaus auch wörtlich verstehen: Am Marktstand. Afrika ist der Kontinent der Unternehmer. Franz Schellhorns Paradies.

Vielen ist der Aufstieg in eine städtische Mittelschicht bereits gelungen. Sie haben zwei Kinder statt neun und arbeiten als Ärzte, Gastronomen oder Dienstleister in den größeren Städten. Was Issaka und seine Kinder langfristig aus der Armut führt, ist gute Bildung und sichere Gesundheitsversorgung. Hier „Kapitalismus“ zu fordern, der alle Probleme mit unsichtbarer Hand lösen würde, wie Franz Schellhorn das tut, ist unglaublich zynisch. Wäre das möglich, wäre es längst geschehen.

Im Gegenzug geißelt er „Sozialismus“, also das Bisschen an staatlichem Gemeinwesen – Krankenstation, Geburtenstation, Grundschulen, geteerte Straßen und elektrischen Strom in der Regionalhauptstadt. Dinge, die aus Steuern finanziert werden. Steuern, die die Reichen und Superreichen, die Schellhorn verteidigt und die seine Agenda Austria finanzieren, fürchten, zahlen zu müssen. Dieses Gemeinwesen durch „Kapitalismus“ zu ersetzen, heißt, Issaka und seine Kinder zurück ins Mittelalter zu schicken.