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Wirbel um OECD-Studie

Ist Umverteilung gratis?

von Christoph Eisenring / 08.04.2016

Ungleichheit sei das zentrale Problem der Industrieländer. Und Umverteilung koste kein Wachstum: Dies behauptet die Pariser OECD in einer Studie. Nun wird sie von Kritikern entzaubert.

Wenn der Staat jemandem Geld wegnimmt, strengt sich dieser weniger an als vorher. Wird somit von Reich zu Arm umverteilt, dann schrumpft der Kuchen. Eine „gerechtere“ Einkommensverteilung ist somit nicht gratis zu haben – oder vielleicht doch? Eine OECD-Studie sorgt seit ihrer Veröffentlichung vor gut einem Jahr

für ZündstoffCingano F.: Trends in Income Inequality and its Impact on Economic Growth.

. Darin wird behauptet, dass mehr Umverteilung zu mehr Wachstum führe. In Deutschland hat jüngst der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, diese Ergebnisse aufgegriffen. Er verweist auf die Schlussfolgerung, dass Deutschlands Wachstum von 1990 bis 2010 bei gleichbleibender Ungleichheit um sechs Prozentpunkte höher hätte ausfallen können.

Eine Frage der Plausibilität

Auch in der Schweiz hat die OECD-Studie ihre Anhänger. So schreibt das Ökonomenteam der Eidgenössischen Finanzverwaltung, die überwiegende Anzahl neuerer Studien komme zu dem Ergebnis, dass eine ungleiche Verteilung sich langfristig spürbar negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirke. Eine Reduktion der Ungleichheit zugunsten unterer und mittlerer Einkommen würde deshalb das Wirtschaftswachstum deutlich befördern. Würde der Kuchen aber wirklich größer, wenn Deutschland oder die Schweiz mehr umverteilten? In der OECD-Studie wird für die 31 Mitgliedsländer geschätzt, wie Ungleichheit und andere Faktoren das Wachstum von 1970 bis 2010 beeinflusst haben. Gemessen wird Ungleichheit mithilfe des Gini-Koeffizienten. Ein Gini von 0 bedeutet, dass alle Einwohner gleich viel Einkommen haben, ein Wert von 1, dass sich alles Einkommen auf eine Person konzentriert.

Wenn eine Studie wie diejenige der OECD anhaltend große Resonanz findet, stellen sich zwei Fragen: Sind die Ergebnisse robust, und sind sie plausibel? Zuerst zur Plausibilität: Am ehesten würde man noch vermuten, dass eine starke Ungleichheit der Markteinkommen, also vor der Umverteilung durch den Staat, dem Wachstum abträglich ist. Die Überlegung dahinter ist, dass es zu sozialen Spannungen kommt, wenn es in einem Land eine Oligarchie und eine große Unterschicht gibt. In der OECD-Studie beeinflusst die Ungleichheit das Wachstum jedoch nur, nachdem der Staat bereits umverteilt hat. Die Ungleichheit in den Markteinkommen hat dagegen keinen nachweisbaren Einfluss. Nachvollziehbar ist das nicht.

Der Test der Wirtschaftsweisen

Christoph Schaltegger von der Universität Luzern weist im Gespräch auf eine weitere Ungereimtheit hin. So spielt es bei der OECD-Studie keine Rolle, wie viel ein Staat umverteilt. Als Ökonom würde man dagegen annehmen, dass das Wachstum umso eher in Mitleidenschaft gezogen wird, je stärker ein Land die Einkommensverteilung „gleicher“ macht. Ein solcher Staat muss nämlich die Steuern viel mehr erhöhen als ein anderer, um eine bestimmte Verteilung zu erreichen. Die OECD-Ergebnisse legen dagegen nahe, dass Umverteilung keine Kosten hat. Konsequent zu Ende gedacht müsste die OECD somit für eine Gleichverteilung plädieren. Umverteilung erhöht bei ihr nämlich stets das Wachstum, unabhängig davon, ob schon viel (wie in Skandinavien) oder wenig (wie in den USA oder Mexiko) umverteilt wird.

Schließlich würde man erwarten, dass auch Investitionen in Maschinen oder Köpfe zu einem höheren Wachstum führen. Auch hier kann die Studie keinen Effekt nachweisen. Umso überraschender ist deshalb die Empfehlung, die Länder sollten doch mehr Geld in die Bildung stecken, weil Personen aus unteren sozialen Schichten keinen adäquaten Zugang dazu hätten. Dies hätten zahlreiche Studien gezeigt. Dies mag stimmen – doch ausgerechnet die eigene bestätigt den Zusammenhang eben nicht.

Die Ergebnisse sind nicht nur unplausibel, sie sind auch nicht robust. Dies hat eine Überprüfung durch die deutschen Wirtschaftsweisen im Jahresgutachten 2015 ergeben. Sie nutzen dieselbe Schätzmethode wie die OECD, aber andere Ländergruppen, andere Startdaten und Zeiträume (statt Durchschnitte über fünf Jahre, solche von drei bis sieben). Insgesamt führen sie 900 Schätzungen durch. Analysiert man zum Beispiel eine Gruppe von 61 Ländern, die ein Pro-Kopf-Einkommen von über 15.000 Dollar haben, beobachten die Forscher in 70 Prozent der Spezifikationen einen positiven Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum: Wer mehr Ungleichheit zulässt, wächst tendenziell also schneller – das Gegenteil der OECD-Aussage. Werden zusätzlich die Variablen Bildung und Investitionen berücksichtigt, liegt der Anteil sogar bei 87 Prozent. Analysieren sie die Daten für alle 150 verfügbaren Länder, ist der Zusammenhang dagegen mehrheitlich negativ. Und beschränken sie sich auf die OECD-Staaten wie in der ursprünglichen Studie, liegen die meisten Ergebnisse bei null. Das Fazit des Sachverständigenrates fällt für die OECD wenig schmeichelhaft aus: Zum einen seien die Ergebnisse statistisch überwiegend nicht signifikant. Zum anderen ließen sich über eine entsprechende Wahl der Schätzparameter, die neben den Ländern die Zeiträume, Variablen und die Methode umfassen, fast beliebige Ergebnisse produzieren.

Dies macht deutlich, dass sich nicht alle Länder über einen Kamm scheren lassen. Gut nachvollziehbar ist das für Transformationsländer wie die Slowakei, Tschechien oder Polen. Diese weisen eine relativ geringe Ungleichheit auf und sind gleichzeitig seit dem Fall des Eisernen Vorhangs stark gewachsen. Hinter dem Wachstum steckt somit vor allem der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Für solche Argumente ist die OECD-Studie jedoch blind.

Unkritische Bundesökonomen

Deutschland und die Schweiz verfügen über Institutionen, die die Persönlichkeits- und Eigentumsrechte schützen. Beide Länder sind ausgebaute Sozialstaaten. Sie haben progressive Steuersysteme und im internationalen Vergleich generöse Sozialleistungen. Die Ungleichheit ist zudem nicht auffällig. Wollte man die Einkommen noch weiter angleichen, müsste der Staat somit immer stärker in die Verteilung eingreifen. Zu glauben, dass dies ohne Kosten möglich sei, wie die OECD postuliert, hält Schaltegger für naiv. Die unkritische Übernahme der OECD-Resultate durch die Ökonomen der Eidgenössischen Finanzverwaltung ist denn auch bedenklich. Die Ergebnisse der deutschen „Wirtschaftsweisen“ und jüngst auch vom Institut der deutschen Wirtschaft deuten am ehesten darauf hin, dass zumindest in reicheren Ländern mehr Gleichheit Wachstum kostet.