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Kolumne: Error 101

Ja, ich bin glücklich verheiratet. Aber fragen Sie mich bitte nicht, warum

von Lukas Sustala / 14.02.2016

Wer aus dem Erfolg anderer lernen möchte, sitzt oft einem Denkfehler auf. Das gilt in der Liebe genauso wie in Geldfragen. Denn selbst, wenn ich glücklich verheiratet bin, sind meine „Tipps“ für eine gute Beziehung nicht unbedingt wertvoll.

Wer kein genaues Bild davon hat, wie er leben möchte, braucht ein Vorbild. Und Medien scheinen in ihren Lesern, Hörern, Zuschauern zunehmend eine verunsicherte Herde zu sehen, die in diese Gruppe fällt.

Und so werden Sie an diesem Valentinstag eine Heerschar an Vorbildern sehen, die Ihnen in Zeitungen, Magazinen und im Fernsehen entgegenlächeln.

Paare, die seit Jahrzehnten zusammen sind, erzählen dann, warum ihre Partnerschaft funktioniert, wie die „perfekte Beziehung“ denn so aussieht und warum sie einander noch immer lieben „wie am ersten Tag“. Die Antworten auf die Fragen klingen immer ähnlich: Man muss den anderen so nehmen, wie er ist. Man braucht gemeinsame Hobbys. Besonders gern werden dann Geschichten von schwierigen Situationen erzählt, die zusammen gemeistert wurden. Das klingt alles sehr instruktiv.

Es gibt aber ein großes Aber: All das hilft nicht wirklich, um 60 oder 70 Jahre verheiratet zu sein.

Der Überlebensirrtum

In seinem Bestseller „Klar denken, klug handeln“ hat Rolf Dobelli 104 Denkfehler und Irrwege gesammelt, die uns davon abhalten, kluge Entscheidungen zu treffen oder Situationen realistisch einzuschätzen. Der Survivorship Bias nimmt dabei die erste Position seiner gesammelten Denkfehler ein. „Weil Erfolge größere Sichtbarkeit im Alltag erzeugen als Misserfolge, überschätzen sie systematisch die Aussicht auf Erfolg.“ Dieser Effekt ist in manchen Metiers bekannter als in anderen. Denken Sie etwa an die vielen Interviews zu den „Managern des Jahres“, an die Nobelpreise oder die Fixierung auf die besten Investoren des Kalenderjahres X. Zum Valentinstag kommen eben die Interviews mit den seit 60, 70, 80 Jahren glücklich verheirateten Paaren dazu.

Menschen lieben solche Geschichten. Managementbücher versuchen seit Jahrzehnten, den einen Managementstil zu finden, der langfristig zum Erfolg führt. Im Finanzbereich werden Fondsmanager, die jahrelang hohe Renditen geliefert haben, als Meister des Fachs gefeiert und nachgeahmt.

Doch diese Erfolgsgeschichten helfen nicht unbedingt. Wir hören zwar gerne Menschen zu, die in der Vergangenheit Erfolg hatten, und wollen aus ihren Erfolgen lernen. Aber die „Erfolgsfaktoren“, die sie anwenden, werden oft genug auch von Menschen angewendet, die damit gescheitert sind. Von den Managern, Forschern, Investoren und Ehepaaren, die sich zwar auch diszipliniert an die Tipps gehalten haben, aber erfolglos, werden Sie keine Interviews lesen. Natürlich sind gemeinsame Hobbys und Freiräume in einer Beziehung wichtig, aber sie sind noch kein hinreichender Faktor für eine dauerhafte Ehe.

Wir sollten daher genauso Menschen zuhören, die in der Vergangenheit Misserfolg hatten, und daraus etwas lernen. Dobelli empfiehlt: „Besuchen Sie möglichst oft die Grabstätten der einst vielversprechenden Projekte, Investments und Karrieren. Ein trauriger Spaziergang, aber ein gesunder.“

Der Faktor Glück

Letztens hat mich ein Freund bei einem Afterwork-Bier geradezu entgeistert gefragt: „Wie habt ihr das gemacht?“ Er selbst hatte sich gerade nach drei Jahren von seiner Freundin getrennt. Ich bin in der glücklichen Situation, seit fast 13 Jahren mit meiner Frau zusammen zu sein, Amerikaner würden uns „High-School Sweethearts“ nennen, denn es hat gefunkt, als wir 16 waren. An unserem zehnten Jahrestag haben wir dann geheiratet.

Aber ich kann die Frage nach dem Wie nur so beantworten: Ich weiß es nicht. Ich kenne viele Freunde und Freundinnen aus der Schulzeit, die eine ganz ähnliche Beziehung geführt hatten, mit ganz ähnlichen Voraussetzungen, aber heute nicht mehr zusammen sind. Und oft genug kamen hier „externe Schocks“ dazu, wie es Ökonomen nennen würden, alle anderen Menschen würden schlicht „Leben“ dazu sagen.

Stefan, selbst beruflich erfolgreich, konnte etwa nur sehr schwer mit der Arbeitslosigkeit seiner Partnerin umgehen, mit ihrer Ziellosigkeit nach dem beruflichen Scheitern. Er, der immer mehr wollte, konnte es nicht fassen, dass seine Partnerin plötzlich mit ganz anderen Fragen als dem Aufstieg, der Beförderung, dem Dienstwagen beschäftigt war. Während er gut darin war, auf den Erfolg anzustoßen, war er weniger gut darin, sie im Misserfolg zu stützen. Und so fand diese Beziehung nach fünf geteilten Jahren des Erfolgs ein Ende.

Diese Schocks können allerlei Formen annehmen, von Krankheit, Karriere, Krieg bis zum Seitensprung. Manche der „erfolgreichen“ Paare hatten davon viel weniger zu meistern als jene, deren Partnerschaft unter der Last der Herausforderungen scheitert.

Vergessen wir den „Erfolg“

Vielleicht geht es nicht darum, die vermeintlichen „Erfolgsfaktoren“ von Beziehungen oder beruflichem Fortkommen zu identifizieren und nachzuahmen. Irgendwelche Paare, die 50, 60 oder 70 Jahre zusammen sind, können Ihnen genau gar nicht weiterhelfen. Genauso wenig, wie irgendein Fondsmanager, der seit 40 Jahren US-Aktien handelt, den Schlüssel zu Ihrem finanziellen Wohlstand bereithält. Es geht wohl darum, dass man selbst mit dem, was man macht, und mit wem man es macht, glücklich ist.

Vielleicht ist das aber genau das Schöne am Leben. Dass es das Schema F nicht gibt, nicht die „10 Geheimnisse für eine glückliche Beziehung“. Und dass wir nicht alle auf der Suche nach dem Glück sind, sondern jeder auf der Suche nach seinem eigenen.


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