Yusuke Kuwano – Foto: Nicolas Datiche / Hanslucas.com

Globale Konkurrenz in der Landwirtschaft

Japanische Bauern im Versuchslabor

von Patrick Zoll / 05.01.2016

Japans Landwirtschaft muss sich auf große Veränderungen unter dem transpazifischen Freihandelsabkommen TPP einstellen. Um im Wettbewerb zu bestehen, suchen Reisbauern wie verarbeitende Betriebe nach nachhaltigen Geschäftsmodellen, berichtet NZZ-Korrespondent Patrick Zoll aus Niigata.

Ryosuke Goto steht vor einem abgeernteten Reisfeld. Auf den ersten Blick ist es ein Reisfeld wie abertausende in Japan. Doch eine schlichte Tafel, die in der matschigen Erde steckt, deutet auf eine kleine Revolution hin. „Lawson Farm“ steht da. Der 27-jährige Goto ist einer der ersten Reisbauern Japans, die in Kooperation mit einem branchenfremden Großunternehmen einen Landwirtschaftsbetrieb gegründet haben.

Regeln lockern

Möglich ist das, weil Goto in der Präfektur Niigata anbaut. Die Zentralregierung hat hier eine landwirtschaftliche Sonderzone errichtet, wo die strengen − und vielfach überholten − nationalen Regeln gelockert sind. So ist Goto der einzige Bauer im fünfköpfigen Vorstand seines Unternehmens; anderswo müssen mindestens die Hälfte aktive Bauern sein. Dies macht es für Firmen fast unmöglich, in die Landwirtschaft einzusteigen.

Lawson betreibt in Japan mehr als 12.000 „Konbini“, kleine Convenience-Stores, die sich in den Ortschaften und Städten an jeder Straßenecke finden. Das Unternehmen schielt auf die Landwirtschaft, weil es stabilen Nachschub für seine Fertiggerichte wie Onigiri (gefüllte Reisbällchen) sucht. Und man will mit großen Farmen günstiger produzieren. Goto konnte das gepachtete Land, das er bebaut, dank der Unterstützung von Lawson von 10 auf 15 Hektar vergrößern. Von einem Großbetrieb kann aber keine Rede sein: Die Fläche ist auf 70 Felder verteilt, die sich an 40 Standorten befinden und zehn verschiedenen Landbesitzern gehören.

Ryusuke Goto auf seiner Farm
Credits: Nicolas Datiche/ hanslucas.com

Land zum Pachten zu finden, sei kein Problem, sagt Yusuke Kuwano. Ständig fragten ihn alte Bauern, die aufhören wollten, ob er nicht zusätzliches Land brauchen könne. Statistisch liegt das Durchschnittsalter japanischer Bauern bei 66 Jahren. Trotzdem ist es fast unmöglich, dass Großfarmen entstehen. Die wenigsten Bauern bringen es übers Herz, den Boden, der häufig über Generationen jeweils an den ältesten Sohn weitervererbt wurde, zu verkaufen. So entstehen aus den unzähligen gepachteten Flächen Puzzle-Farmen wie jene des Reisbauers Goto.

Suche nach Absatzmärkten

Der vierzigjährige Kuwano stieg in die Landwirtschaft ein, weil er in seinem Restaurant Desserts mit frischen Erdbeeren auftischen wollte. Heute versorgt er sich zu zwei Dritteln selber, von Auberginen über Edamame (grüne Sojabohnen) bis Zwiebeln und Kohl. Bald eröffnet er sein zweites Restaurant. Den Großteil seiner Zeit verbringt er aber als Bauer. Edamame wachsen so gut, dass er sie an Supermärkte der Präfektur und darüber hinaus liefert. Vor dem Transpazifischen Freihandelsabkommen (TPP), dem Schreckgespenst vieler japanischer Bauern, fürchtet er sich nicht. Im Gegenteil: Das sei eine Chance, Produkte bester Qualität zu erhalten, sagt er. Da spricht der Restaurantbesitzer, nicht der Bauer. Dass es für gewisse Landwirte schwierig wird, weiß Kuwano: Nur die besten Produkte der japanischen Landwirtschaft würden überleben, prophezeit er.

Am Überleben der japanischen Bauern, vor allem der Reisbauern, ist Niigata Kubota interessiert. Die Firma ist eine Tochter der international tätigen Kubota-Gruppe, die Traktoren, Baumaschinen und Wasseraufbereitungsanlagen herstellt. In Japan ist der Großteil der landwirtschaftlichen Maschinen für den Reisanbau bestimmt. „Reis steht im Zentrum unseres Geschäfts“, sagt Yusuke Kawamura. Um Reisbauern der Region zu helfen, hat Niigata Kubota vor vier Jahren ein Unternehmen gegründet, das Reis exportiert. Seither hat man total 1.500 Tonnen Reis aus Niigata nach Hongkong und Singapur verkauft. Die Preise sind dort eineinhalb- bis zweieinhalbmal so hoch wie in Japan.

Dass man im internationalen Markt mit japanischen Lebensmitteln nur über die Qualität Erfolg haben kann, scheint beim Preisniveau des Landes klar. Da polierter Reis schnell an Qualität einbüßt, hat Kubota an den Exportdestinationen dafür Maschinen installiert. So kommt der Reis garantiert frisch zu den Kunden, höchste Qualität ist gewährleistet. TPP werde große Auswirkungen auf Japans Reisanbau haben, sagt Kawamura.

Das Unternehmen zeigte Pioniergeist, als es vor zwei Jahren begann, in die Mongolei zu exportieren. Während die reichen Städte Singapur und Hongkong naheliegende Exportdestinationen für teure japanische Lebensmittel sind, überrascht die Mongolei mit einem Volkseinkommen von lediglich 4.000 Dollar pro Kopf. Man brauche zwar noch etwa ein Jahr, bis man dort Gewinne erwirtschafte, sagt Kawamura. Dass vier Fünftel der Lieferungen via Supermärkte direkt an Endkunden gehen, zeugt aber von einer zahlungskräftigen Schicht. Und, so Kawamura, man habe den Vorteil, die Ersten im Markt zu sein.


Credits: DENNIS STOCK / Magnum

Das Wort Export hört man in Niigata auch anderswo. Kameda Seika ist Japans größter Hersteller von Reis-Snacks. Marktanteil laut eigener Angabe: rund 30 Prozent. Mit der schrumpfenden Bevölkerung gibt es da im Heimmarkt keinen Raum für Wachstum. Kazuo Hirano von Kameda Seika formuliert daher als Ziel ganz unjapanisch direkt: „Wir wollen ein global tätiges Lebensmittelunternehmen werden.“ Statt heute 10 Prozent soll schon 2020 das internationale Geschäft 30 Prozent des Umsatzes einbringen. Bereits bestehen Tochterunternehmen in Südostasien und in den USA. Dort setzt man auf den Trend „glutenfrei“ − die Snacks aus Reis sind frei von dem Protein, das Erkrankungen des Verdauungstrakts auslösen kann. Rund 40.000 Tonnen Reis kauft Kameda Seika pro Jahr ein. Die Bauern von Niigata werden aber von der internationalen Expansion nicht profitieren, denn Kameda Seika produziert in den Absatzmärkten mit lokal eingekauftem Reis. Der Export fertiger Produkte rechne sich nicht.

Sake als Renner

Gut exportieren lässt sich japanischer Reis hingegen in flüssiger Form, als Sake. Niigata ist eine der Sake-Hochburgen. 96 Brauereien gibt es in der Präfektur, 68 sind auch im Export tätig. Insgesamt exportierten sie im vergangenen Jahr 1,9 Millionen Liter. Für ganz Japan betrug der Absatz 16,3 Millionen Liter, ein gutes Viertel davon ging in die USA, gleich danach folgt Südkorea. Über zehn Jahre gerechnet, betrug das Wachstum stolze 70 Prozent. Die Sakebrauer profitieren davon, dass japanisches Essen („Washoku“), mit Sushi und Sashimi an der Spitze, einen Boom erlebt. Mitgeholfen hat, dass die UNESCO Washoku 2013 auf die Liste immaterieller Weltkulturgüter aufgenommen hat. Die Brauer können die Auslandsnachfrage gut brauchen, denn der Inlandabsatz liegt weit unter der Spitze der späten achtziger Jahre. Die lange vor sich hindümpelnde Wirtschaft hat Spuren hinterlassen.

Sakemarketing mit Lokalpolitikern aus Niigata in New York
Credits: Imago

Damit die Reisbauern vom Sake-Boom profitieren können, müssen sie den richtigen Reis anpflanzen. Es sind unterschiedliche Reissorten, die gegessen oder weiterverarbeitet werden. Bei Sorten, die im Reiskocher landen, geht die Nachfrage in Japan pro Jahr um acht Prozent zurück, einerseits wegen der schrumpfenden Bevölkerung, andererseits weil Reis weniger populär ist. Der Bürgermeister der Stadt Niigata, Akira Shinoda, sieht hier einen der vielen nötigen Wechsel: „Wir müssen mehr Reis für die Lebensmittelindustrie anbauen.“