Reuters

Joseph Stiglitz: Verirrte Chávez-Bewunderung

Meinung / von Gerhard Schwarz / 04.09.2016

Auch geniale Wirtschaftswissenschafter können sich gewaltig irren. Zwei aufschlussreiche Beispiele.

Eine unserer besten Freundinnen ist in Venezuela aufgewachsen und lebt seit Jahrzehnten in Paris. Vor kurzem hatte sie Besuch von ihrem Bruder, der im Gegensatz zu ihr in Südamerika geblieben ist. Am Telefon erzählte sie, er sei mit fast leeren Koffern gekommen, weil er möglichst viele Lebensmittel aus Frankreich nach Caracas habe mitnehmen wollen. Das Land mit den grössten bekannten Erdölreserven der Welt ist buchstäblich am Verhungern. Strom ist rationiert, in den Spitälern sterben täglich Säuglinge nicht wegen unheilbarer Krankheiten, sondern weil es am Nötigsten fehlt. Depression und Hyperinflation prägen das Bild. Wer die sozialistische Politik des Hugo Chávez seit 1999 und nun seit 2013 seines Nachfolgers Nicolás Maduro auch nur am Rande verfolgt hat, wird darob nicht überrascht sein. Sozialistische Politik, erst recht, wenn sie mit Grössenwahn gepaart ist, muss so enden.

Nicht unbedingt überraschend, aber doch erschütternd ist es, dass selbst hochintelligente Ökonomen auf solche Politik hereinfallen. Das passierte Joseph Stiglitz, dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2001 und früheren Chefökonomen der Weltbank, der als einflussreicher Berater von Hillary Clinton gilt. Bei einem Besuch in Venezuela 2007 überschlug er sich geradezu vor Begeisterung. Das Wachstum Venezuelas sei eines der höchsten Lateinamerikas, die hohe Inflationsrate sei nicht unbedingt schädlich für das Land, und die Notenbank dürfe keine übertriebene Unabhängigkeit geniessen. Dass man in Venezuela versuche, die hohen Erdölpreise in unmittelbare Vorteile für die Bürger des Landes umzumünzen, und auf Umverteilung, Erziehung und Gesundheit fokussiere, sei nicht populistisch, sondern für das Land sehr wichtig. Und der sogenannte Washington Consensus mit seinen neoliberalen Empfehlungen und seinen Freihandelsverträgen nütze amerikanischen Firmen, kaum aber der lokalen Bevölkerung.

Wertfreiheit ist in den Wirtschaftswissenschaften eine Illusion; auch ganz bedeutende Ökonomen lassen sich von Grundsympathien leiten.

Es ist ganz anders gekommen. Das Land versinkt aufgrund der angeblich bürgerorientierten Politik im Chaos – in allen Bereichen. Und es ist nicht so, dass man das nicht hätte erkennen können. Stiglitz hatte die Fakten zur Hand, und er traf Chávez persönlich. Aber er verschloss sich der Realität, weil sie nicht seiner Weltanschauung entsprach.

Das ist die eine «Moral von der Geschicht»: Wertfreiheit ist in den Wirtschaftswissenschaften eine Illusion; auch ganz bedeutende Ökonomen lassen sich von Grundsympathien leiten. Man sollte sie daher nicht als neutrale Stimmen fehlinterpretieren. Die andere «Moral» lautet, dass hohe Kompetenz auf einem Gebiet, bei Stiglitz jene in Sachen (asymmetrische) Information auf den Märkten, kein Garant ist für die Richtigkeit von Aussagen zu anderen wirtschaftspolitischen Fragestellungen.

Am bekanntesten ist wohl der Wachstumsvergleich zwischen den USA und der Sowjetunion in Paul Samuelsons – auch er Nobelpreisträger – berühmtem Lehrbuch aus den sechziger Jahren, der allen Ernstes suggerierte, die Marktwirtschaft USA werde mit der Zeit von der schnell wachsenden Zentralverwaltungswirtschaft UdSSR überholt werden. Auch das kam anders. Ausserhalb ihres engen Fachgebietes liegen die Cracks der Zunft also zwar nicht falscher, aber auch kaum richtiger als ihre Berufskollegen. Sie können sich gewaltig irren – das hier sind nur zwei Beispiele.