Kann denn Sparen Sünde sein?

Meinung / von Michael Rasch / 20.09.2016

Wer spart, behindert die Wirtschaft, denn nur Konsum treibt die Konjunktur an. Diesen Eindruck erhält man derzeit bei vielen Debatten. Doch das ist falsch – ein Plädoyer für die Tugend des Sparens.

Sparen wurde früher weitherum als Tugend betrachtet. Doch in den vergangenen Jahren hat der Ruf des Sparens gelitten. Immer wieder ist vom negativ besetzten Begriff der Sparschwemme zu hören und zu lesen. Darunter verstehen Ökonomen übermässiges Sparen, etwa weil Menschen sehr stark für ihr Alter oder die Risiken des Lebens vorsorgen wollen. Auch aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) sparen die Menschen in der Euro-Zone durchschnittlich zu viel, wie Präsident Mario Draghi und andere Repräsentanten der Notenbank immer wieder ausführen. Dabei tut die EZB fast alles, um das Sparen stets unattraktiver zu machen und dadurch den Konsum anzuheizen.

Sparen führt zu mehr Freiheit

Im Zuge der Finanzkrise sind die Leitzinsen, die viele andere Zinssätze stark beeinflussen, von 4,25 auf 0 Prozent gesunken. Inzwischen liegen sie schon seit drei Jahren bei 0,5 Prozent oder tiefer. Zudem führte die Behörde erstmals Strafen für Banken in Form von Negativzinsen ein, weil sie deren Kreditvergabe als zu niedrig erachtet. Die Banken geben die negativen Zinsen zum Teil an ihre Kunden weiter, jedoch weitestgehend nicht an Privatanleger. Sogar die Abschaffung des Bargeldes fordern manche Ökonomen, wenngleich Vertreter der EZB diese Idee (noch) weit von sich weisen. Etwas ist faul in der Wahrnehmung von Sparen und Konsumieren, wie man in Anlehnung an Shakespeares Tragödie „Hamlet“ sagen könnte.

„Geben ist seliger als Nehmen“, heisst es im Neuen Testament. Könnte man in Analogie dazu auch sagen, dass Sparen seliger ist als Konsumieren oder gar Schuldenmachen? Zumindest gehört die Einsicht, auf heutige Konsumwünsche zugunsten der Bedürfnisse von morgen zu verzichten, zu den grossen Errungenschaften der Menschheit. Der Wert des Sparens zeugt nicht nur von einer inneren Grundhaltung, sondern ist auch eine Form der Verantwortung. Wer für sich oder seine Familie spart, sorgt für die Unwägbarkeiten des Lebens vor. Es dürfte sich meist auszahlen, Geld für den Fall zurückzulegen, dass man dereinst von längerer Arbeitslosigkeit oder schwerer Krankheit getroffen wird.

Nicht Konsum und Kredit sind die Quellen desWohlstandes, sondern Arbeit und Kapital. Dazu gehört untrennbar auch die Tugend des Sparens.

Auch das Sparen für die Ausbildung der Kinder oder einen besseren Lebensabend nach der Pensionierung gehört zu den klassischen Gründen, weshalb Menschen zeitlebens Geld beiseitelegen. Wer spare, analysierte der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel treffend, verlasse sich nicht auf Glück (Lottogewinne, Erbschaften), Staat (Sozialsysteme) und fremde Hilfe (Spenden), sondern treffe selbst Vorsorge. Der Sparer zeigt, dass er bei Katastrophen und Unglücken, wie etwa einer grossen Flut, nicht sofort dem Staat und damit der Gemeinschaft zur Last fallen, sondern auch in solchen Fällen sein Schicksal selbst bestimmen möchte. Natürlich kann es dennoch Katastrophen geben, welche die Kraft des Einzelnen übertreffen. Für solche Fälle gibt es Versicherungen – oder es springt eben doch die Gemeinschaft solidarisch ein.

Damit Sparen attraktiv und sinnvoll ist, verlangen die meisten Menschen die Erfüllung von drei Bedingungen: Erstens muss das Geld sicher sein. Es darf also nicht gestohlen oder zerstört werden und auch nicht irgendwie an Wert verlieren können. Zweitens muss das Geld im Notfall schnell verfügbar sein. Und drittens sollte sich das Geld möglichst vermehren, etwa durch Zinsen auf dem Sparkonto oder durch Prämien und Renditen bei Anlageprodukten. Diese Bedingungen dürften dafür verantwortlich sein, dass in Ländern wie der Schweiz und Deutschland gering verzinste Anlagen wie Sparkonten sehr viel beliebter sind als Aktien, Anleihen oder andere riskantere Investitionsformen.

Sparen ist noch immer so stark in den Köpfen der Menschen verankert, dass sie sogar auf Nullzinsen mit noch mehr Sparen reagieren, wie Studien zeigen, obwohl die Notenbanken sie damit doch gerade zum Konsumieren zwingen wollen. Zwar ist selbst in Deutschland jüngst der private Konsum gestiegen, nicht zuletzt wegen des Immobilienbooms. Doch die Sparquote hat seit einem Tief im Jahr 2013 ebenfalls wieder um 7 Prozent auf 9,7 Prozent angezogen. Gerade weil die Zinsen so tief sind und der Zinseszinseffekt kaum noch greift, sparen manche Leute noch mehr, um für das Alter besser gerüstet zu sein. Der Zinseszinseffekt, eine der wohl wichtigsten und zugleich am wenigsten verstandenen Wirkungen in der Wirtschaftswelt, macht in 20 Jahren aus einer Anlagesumme von 50 000 Euro bei einem Zins von 3 Prozent stattliche 90 000 Euro. Bei 0,5 Prozent Zins ergibt sich nur ein Betrag von 55 000 Euro.

Ein Plädoyer fürs Sparen ist kein Plädoyer für ein asketisches Leben. Konsum ist nichts Schlechtes. Viele Menschen arbeiten und sparen ja gerade auch deshalb, um sich Konsumwünsche zu erfüllen. Doch auf die Reihenfolge kommt es an: zuerst die Arbeit, dann der Konsum. Auch Schulden müssen nicht generell schlecht sein, denn es gibt Wünsche, die sich die meisten Menschen nicht ohne Kredite erfüllen können. Dazu gehört typischerweise der Kauf einer Immobilie. Mit diesen Schulden tätigen Menschen allerdings Investitionen, sie schaffen bleibende Werte. Schlecht ist es dagegen, wenn man Geld aufnimmt, um es zu verprassen – etwa für eine Urlaubsreise, einen Fernseher oder ein Handy.

Die Quellen des Wohlstands

Doch in einer freien Gesellschaft kann natürlich richtigerweise jeder für sich selbst entscheiden, welches für ihn der geeignete Weg ist – auch wenn es nicht der solideste ist. Es gibt sogar einen Dreiklang aus Sparen, Konsum und Kredit; sie bedingen einander letztlich: Der Sparer bringt sein Geld zur Bank, die es entweder an Unternehmer leiht, die damit Investitionen tätigen und Arbeitsplätze schaffen, oder an Privatpersonen, die damit eine Immobilie kaufen. In vielen Ländern fördert der Staat deshalb das Sparen, etwa mit Prämien für Bausparen oder Zuschüssen und Sparerfreibeträgen für die Altersvorsorge.

Die Bekämpfung des Sparens ist auch deshalb schädlich, weil die Überwindung des Augenblicks zu mehr Freiheit führt. Die Bildung von Eigentum durch das Zurücklegen von Geld führt zu grosser wirtschaftlicher Freiheit des Individuums, was wiederum eine notwendige Bedingung für politische Freiheit ist. Wäre die Analogie nicht so negativ besetzt, könnte man sagen: Sparen macht frei. Dagegen gilt exzessiver Konsum manchen Philosophen als Gegenwartsfixiertheit. Für Max Weber war Sparen gar Teil der protestantischen Ethik, die den Kapitalismus hervorbrachte.

Im Kapitalismus verführen Unternehmen die Menschen mit schönen und nützlichen Produkten und Dienstleistungen zum Konsum. Innovationen wie der Ratenkredit oder die Kreditkarte haben das Pendel in manchen Gesellschaften stark in Richtung Konsum schlagen lassen, etwa in den USA. Bis in die 1950er Jahre hatten auch die Vereinigten Staaten eine hohe Sparquote, wenngleich nicht ganz so hoch wie Deutschland. Doch seitdem geht die Schere auseinander. Amerikaner sind geboren, um zu shoppen, so lautet übersetzt inzwischen ein Bonmot. In Deutschland hat die Sparquote dagegen fast immer im Bereich von 10 Prozent oder darüber gelegen.

In der Marktwirtschaft sind die Kaufanreize durch Unternehmen stark genug. Es braucht nicht noch die EZB als politischen Dompteur, der die Menschen durch den brennenden Reifen des Konsums springen lässt und Europa auf den amerikanischen Weg führt. Auch die Zentralbank kennt nicht die optimale Sparquote. Sie ergibt sich aus einer Vielzahl von Einzelentscheiden der Menschen, die meist am besten wissen, was gut für sie ist. Nicht Konsum und Kredit sind die Quellen des Wohlstandes, sondern Arbeit und Kapital. Dazu gehört untrennbar auch die Tugend des Sparens. Es wird Zeit, sich dies wieder öfter zu vergegenwärtigen.