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Kapitalmarkt

Kein Zins ist auch keine Lösung

von Anne-Barbara Luft / 15.06.2016

Die Rendite für zehnjährige deutsche Staatsanleihen ist erstmals unter die Marke von null Prozent gefallen. Das macht deutlich, wie der Markt für Staatsanleihen immer stärker aus den Fugen gerät.

Am Dienstag ist die Rendite für zehnjährige deutsche Staatsanleihen erstmals in der Geschichte unter die Marke von null Prozent gefallen. Anleger, die in diese Obligationen investieren und die Papiere bis zum Verfall halten, werden mit Sicherheit Geld verlieren. Diese Situation ist einmalig, für Investoren verheerend – und sie birgt große Risiken.

In der Schweiz und in Japan zählen negative Renditen für Anleihen mit Laufzeiten von einem Jahrzehnt schon seit längerer Zeit zum Alltag. Mitte Januar 2015 rutschte die Verzinsung der sogenannten Eidgenossen erstmals unter die Marke von null Prozent – damals hatte die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben und die Zinsen auf –0,75 Prozent gesenkt. Inzwischen hat das Zinsniveau am Schweizer Kapitalmarkt schon fast absurde Formen angenommen: Für Schweizer Staatspapiere mit Laufzeiten bis 26 Jahre müssen Anleger draufzahlen. In Japan verdient der Staat mit Schulden von bis zu 15 Jahren. Es sind die Sorgen vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU und vor einer schwächeren Konjunktur, die Anleger derzeit zu Käufen von Staatsanleihen treiben und die Renditen drücken. Der Rückgang der Renditen für deutsche Bundesanleihen nahm zudem noch an Fahrt auf, als die Europäische Zentralbank vor einer Woche ihr Anleihekaufprogramm auf Firmen-Bonds ausweitete.

Das heutige Ausmaß der Negativzinsen ist beispiellos. Europäische Anleihen im Umfang von 2,5 Billionen Euro werden mit negativen Vorzeichen gehandelt. Nie zuvor haben Investoren so viel dafür bezahlt, Obligationen zu halten. Für Staaten ist die ungewöhnliche Situation attraktiv, sie können beim Schuldenmachen teilweise Geld verdienen. Für Anleger birgt die Blasenbildung am Bond-Markt aber große – und bisher unterschätzte – Risiken. Ein wichtiger Markt für halbwegs sichere Anlagen ist weggebrochen. Dies treibt Investoren in risikoreichere Investments und destabilisiert das Finanzsystem.

Die Politik der Notenbanken, mit negativen Zinsen und Anleihekaufprogrammen das Wachstum und die Inflation anzuheizen, zeigt bis jetzt nicht die gewünschte Wirkung. Stattdessen nimmt das Maß der Verzerrungen an den Kapitalmärkten stetig zu: Zinsen dienen heute nur noch bedingt als Risikoprämie, und die Steuerungsfunktion des Zinses ist weitgehend abgeschafft. Weil Geld so billig ist wie nie zuvor, steigt auch die Gefahr von Fehlallokationen – im privaten wie im öffentlichen Sektor.

Eine Trendwende hin zu steigenden Zinsen ist nicht absehbar. Sogar Amerikas Notenbanker, die sich Ende vergangenen Jahres zu einer ersten Zinserhöhung durchringen konnten, scheint der Mut wieder verlassen zu haben. Für die Sitzung am heutigen Mittwoch rechnet jedenfalls niemand mehr mit einer weiteren Anhebung der Leitzinsen; nach schwachen Arbeitsmarktdaten krebste Notenbankchefin Janet Yellen zurück. Doch den perfekten Zeitpunkt für eine geldpolitische Normalisierung wird es nie geben, auch nicht in der Euro-Zone. Dass dort nun der Kauf deutscher Schuldpapiere zum Verlustgeschäft geworden ist, muss als Alarmzeichen gewertet werden. Der Markt für Staatsanleihen gerät immer stärker aus den Fugen.