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Walkthrough

Keine Angst vor dem Brexit nötig!?

von Lukas Sustala / 22.06.2016

Der mögliche Austritt Großbritanniens muss aktuell an den Finanzmärkten für alles herhalten und gilt manchen Experten zugleich als unwahrscheinlich, ungefährlich oder eine Gefahr für die Finanzstabilität. Der Finanzminister setzt auf Risiko. Die Bank Austria setzt aufs Sparen. Und Italien hat das verlotterteste Unternehmen Europas. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Will they stay or will they go? Was machen die Briten? Aktuell könnte man meinen, an den Märkten dominieren nur drei Themen: Brexit, Brexit und Brexit (NZZ.at). Jedenfalls reichen schon einige wenige Umfragen, um das britische Pfund und Europas Aktienmärkte im Griff zu haben. In einem ausführlichen Interview mit NZZ.at erklärt der Ökonom Roger Bootle, wieso er für den Brexit wirbt und was Österreich aus dem Referendum der Briten für Schlussfolgerungen ziehen sollte (NZZ.at). Doch seine Argumente scheinen die Briten weniger zu überzeugen. Zuletzt hat das „Remain“-Camp offenbar in der Wählergunst gewonnen, wie Umfragen zeigen. Doch die Meinungsforscher zeigen nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen, weshalb sich britische Medien wie die Financial Times und der Economist für das „Remain“-Camp ins Zeug legen (Bloomberg). Ganz anders sieht die Sache hingegen bei Wettanbietern und an den Finanzmärkten aus. Hier gilt der Verbleib Großbritanniens als nahezu ausgemachte Sache (William Hill).

So mancher Ökonom freut sich über einen möglichen Brexit, der österreichische Volkswirt Gabriel Felbermayr etwa, der am ifo in München forscht: Allerdings nicht, weil er für den Brexit wäre, sondern weil ein Austritt neue Daten liefern würde (Der Standard). Tatsächlich steht kaum etwas zum Ausgang des morgigen Referendums wirklich „fest“ – außer vielleicht, dass das britische Pfund gegen den US-Dollar noch einmal schwächer werden dürfte, sollten sich die Briten tatsächlich für einen Austritt aus der EU entscheiden.

Die Quittung, bitte. Die Registrierkassenpflicht war der besonders unpopuläre Teil der Gegenfinanzierung der „größten Steuerreform der Zweiten Republik“ (NZZ.at). Nun scheint ein Kritikpunkt – die niedrige Umsatzsteuergrenze – zwar „repariert“ zu sein. Aber die Art und Weise ist erst recht wieder ein Murks, wie Leopold Stefan zeigt (NZZ.at). Die Liebe zu Ad-hoc-Gesetzen und Sonderbestimmungen rostet eben nicht.

Bank Austria spart „ab sofort“. Die Bank Austria startet ihr bereits im vergangenen Dezember angekündigtes Sanierungsprogramm mit Filialschließungen und Stellenabbau „ab sofort“. Bis Ende 2018 will man damit fertig sein. Ziel ist es, die Relation von Kosten und Erträgen von 80 auf 60 Prozent zu drosseln. Dazu soll etwa die Anzahl der Filialen von 200 auf 120 reduziert werden. Vorstandschef Robert Zadrazil will etwa Abteilungen zusammenlegen. Die Richtung ist klar: „Gekoppelt mit den Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet, werden wir die Aufgaben in Zukunft auch mit weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erledigen können.“ So klingen Vorstandsvorsitzende in einer Branche, die von einer Trendwende erfasst ist (NZZ.at).

Richtungsweisender Richtungswechsel. Hans Jörg Schelling hat der Presse ein Interview gegeben, das eine ziemlich gute Nachricht enthält (Die Presse). Man will die Unternehmensfinanzierung fördern, was eine ziemlich richtungsweisende Entscheidung in einem Land der besonders risikoscheuen Sparer wäre: „Wir wollen es mit Mittelstandsfinanzierungsgesellschaften für Privatpersonen attraktiver machen, Risikokapital für Klein- und Mittelbetriebe zur Verfügung zu stellen. Bisher gab es die Hürde, dass man sich mit mindestens 100.000 Euro einbringen muss. Das wollen wir auf 10.000 Euro senken und zudem steuerliche Vorteile schaffen, Ausschüttungen bis zu einem bestimmten Betrag sollen von der Kapitalertragsteuer befreit werden.“ Dass eben jene Kapitalertragssteuer erst im Zuge der jüngsten Steuerreform von 25 auf 27,5 Prozent angehoben wurde, sorgt aber nicht gerade für Konsistenz.

Angebot, Nachfrage und Kornfragen. Man könnte meinen, auf dem Rohstoffmarkt gibt es aktuell nur ein Thema: hohes Angebot. Auch die heimischen Getreide-Bauern rechnen heuer mit einer überdurchschnittlichen Ernte (SN/APA). Die vorläufige Ernteschätzung der Landwirtschaftskammer geht von 3,28 Mio. Tonnen Getreide aus, ein Plus von sieben Prozent gegenüber dem fünfjährigen Durchschnitt und eine Steigerung von zwei Prozent gegenüber 2015. Dass aktuell die Preise für Getreide recht niedrig sind, darf angesichts moderaten Wirtschaftswachstums und hohen Angebots nicht überraschen. Andererseits: Auch bei der Milch wehren sich viele, die Marktlogik „hohes Angebot = niedriger Preis“ anzuwenden (NZZ.at). Der Bloomberg Grains Index zeigt jedenfalls, dass der Preis für Getreide seit Jahren nur eine Richtung kennt.

Inspirationen: Food for Thought

Interview mit der Ökonomin und Autorin Dambisa Moyo (NZZ).

Das verlotterteste Unternehmen Europas (Spiegel.de).