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Walkthrough

Keine Tabus bei der EZB

von Lukas Sustala / 27.10.2015

Österreich hat womöglich bald bei Moody’s kein AAA-Rating mehr. Was die Innovationskraft Österreichs damit zu tun hat. Der Arbeitsmarkt im doppelten Fokus. Und diese Woche steht erneut die Geldpolitik im Mittelpunkt, in den USA geht es um die erste Zinserhöhung seit der Krise, bei der EZB wird die Bazooka neu geladen. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Wer hoch verschuldet ist, sollte zumindest hoch innovativ sein. Die Strategieberatung Strategy& hat eine aktuelle Studie zum Stand der Innovations- und Forschungsausgaben präsentiert. Die Top-1000-Unternehmen geben 2015 demnach 680 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung aus, 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. In Österreich sind die Ausgaben der untersuchten Unternehmen 2015 um 2,5 Prozent geschrumpft.

Nun könnte man zynisch einwerfen, dass ein Innovationsranking, in dem Volkswagen die Spitzenposition einnimmt, mit Vorsicht zu genießen ist. Doch es ist gerade einmal drei Tage her, seitdem die US-Ratingagentur Moody’s die Aussicht für das österreichische AAA-Rating auf negativ gesenkt hat (NZZ.at). Der Hauptgrund für die Bonitätswächter ist die möglicherweise hinterherhinkende Produktivitäts- und Innovationsentwicklung in Österreich, was sich etwa am Absinken des Weltmarktanteils der Exporte um ein Fünftel messen lässt. Dabei sollten die hoch verschuldeten Länder zumindest auch Innovation groß schreiben, denn nur wettbewerbsfähige Produkte erzeugen die Devisen und Steuereinnahmen, mit denen sich Schulden langfristig bedienen lassen.

Arbeitsmarkt im Fokus I. Die Woche soll der Arbeitsmarktgipfel Linderung für das größte, wirtschaftspolitische Problem bringen, die stark gestiegene Arbeitslosigkeit in Österreich. Ob das auch wirklich passieren wird, ist ähnlich zweifelhaft wie die konkreten Ideen der Parteien unbekannt (Ö1). Klar ist, dass die Arbeitsmarktpolitik nur einen Teil zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beitragen kann, die Konjunktur muss auch besser laufen. Doch davon ist aktuell noch relativ wenig zu sehen, die Konjunkturumfrage der Industrie deutet jedenfalls eher ein Jahr der Stagnation als der Dynamik an (IV).

Arbeitsmarkt im Fokus II. Auch in den USA wird viel über den Arbeitsmarkt debattiert werden, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Dort könnte am Mittwoch bei der Sitzung der US-Notenbank Fed wieder die erste Zinssenkung seit 2006 im Raum stehen. Aber nur, wenn die wichtigsten Notenbanker sich auch einig darüber sind, ob die US-Wirtschaft nahe an der Vollbeschäftigung ist. Aber Klarheit ist aktuell wohl eher Mangelware:

Chinas wirtschaftliche Weichenstellungen. In China stehen derzeit wirtschaftlich weitreichende Reformen an. Denn beim aktuellen Plenum, das den kommenden Fünfjahresplan verabschieden soll, geht es um nicht weniger als die Neuausrichtung des Wirtschaftsmodells (NZZ.at). International macht Chinas Wirtschaft vor allem mit den nach wie vor recht hohen Wachstumsraten von sich reden, 6,9 Prozent waren es im dritten Quartal. Dass aber die chinesische Zentralbank vergangene Woche die Zinsen senkte, wird vom britischen Economist als Zeichen gewertet, dass die chinesische Führung die eigenen Wirtschaftsdaten nicht glaubt (The Economist, €). Nun kann man an den Daten aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde natürlich Zweifel anmelden (NZZ.at). Klar ist aber, dass es in China deutlich besser läuft als anderswo.

Keine Tabus in Frankfurt. Auch die EZB steht im Visier der geldpolitisch abhängigen Investoren. Der Hinweis von Mario Draghi, womöglich im Dezember die Geldpolitik wieder zu lockern, hat zu viel Hoffnung geführt (NZZ.at). EZB-Chefvolkswirt Peter Praet legte nun nach und sagte der Nachrichtenagentur AFP in einem Interview: „Es gibt keine Tabus.“ (NZZ) Die EZB könnte bald weitere Maßnahmen setzen, um die Inflation und womöglich auch die Kreditvergabe an die Unternehmen anzuheizen. Doch eines sollten die Ökonomen nicht vergessen: Von der Geldflut kommt nur ein Teil in der realen Wirtschaft an. Die eng definierte Geldmenge M1 mag zwar kräftig wachsen, aber M3 – deutlich näher an der Realwirtschaft dran – deutet keinen Boom an.

Der Ölpreis tut BP weh. Der Ölpreis-Verfall setzt BP weiter zu. Bereits zum dritten Mal kürzte der britische Konzern in diesem Jahr seine Investitionspläne für 2015 (Bloomberg). Zudem sollen 2016 weitere Verkäufe von Geschäftsbereichen drei bis fünf Milliarden Dollar hereinspülen. BP-Chef Bob Dudley sagte am Dienstag, das Unternehmen stelle sich auf eine längere Phase niedrigerer Ölpreise ein, bis 2017 könnte das Fass ungefähr 60 Dollar kosten. Im abgelaufenen dritten Quartal ist der Nettogewinn bei BP um 40 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar eingebrochen, etwas besser als von Analysten erwartet.

Russland unter Druck. Das russische Budget ist ähnlich wie der Ölkonzern BP schwer vom Zerfall des Ölpreises getroffen (NZZ.at). Die Regierung stellt sich nun auf eine längere Zeit mit niedrigen Ölpreisen ein und verschiebt finanzielle Mittel: Die Mittelschicht hat Ausgabenkürzungen zu schultern, das Militärbudget hingegen expandiert weiter.

Free Lunch – Food for Thought

Abgasskandal? Die Deutschen kaufen sogar mehr VW-Diesel (SZ).

Ein ausführlicher Podcast zum Bargeldverbot (Deutschlandfunk).

Das große Fressen: Wie österreichische Startups die Essgewohnheiten ändern wollen (TrendingTopics).

Wie groß ist das Problem des globalen Schuldenüberhangs? (Bruegel)