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Walkthrough

Korrektur, Krise oder Crash? Ein paar Antworten

von Lukas Sustala / 14.01.2016

Der heutige Walkthrough beginnt mit vier Fragen und Antworten zur aktuellen Krise an den Kapitalmärkten. Renault folgt Volkswagen in den Abgasstrudel. Was wir über die Aussichten von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt (nicht) wissen. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Warum geht es seit Jahresbeginn so rasant bergab? Am Donnerstag hat sich der Abwärtstrend an den Finanzmärkten ungebrochen fortgesetzt. Wichtige Aktienindizes sind mittlerweile knapp 10 Prozent unter ihrem Stand vom Jahresende 2015. Minus zehn Prozent in zwei Wochen stellen eine Korrektur dar, die zwar von einigen Investoren erwartet wurde, aber in der Härte doch viele überrascht.

Es gibt drei Hauptsorgen, die hinter dem Rückfall stehen: 1. China: Die ehemalige Konjunkturlokomotive macht eher mit Abwertungen und Aktien-Experimenten von sich reden (NZZ.at). 2. Ölpreis: Innerhalb weniger Tage hat der Ölpreis noch einmal 20 Prozent nachgegeben, was Energieunternehmen und einige Banken unter Druck setze. 3. Gewinne: Nach Jahren der sprudelnden Überschüsse bei vielen Unternehmen stoßen einige Unternehmen an ihre Wachstumsgrenzen, was zuletzt gerade im Technologiebereich auch zu sinkenden Kursen geführt hat. Die folgende Heatmap, die ich mit der App StockPulse angefertigt habe, zeigt, dass vor allem der Energiesektor massiv unter Druck steht (erste Spalte, zweite Zeile).

Welche Aktiensektoren sind besonders unter Druck?
Welche Aktiensektoren sind besonders unter Druck?
Die Kursveränderung der 100 wichtigsten Aktien in neun globalen Indizes, von Konsumaktien (links oben) bis Versorger (rechts unten), Gesundheit/Pharma (rechts oben) bis Industrieaktien (links unten)
Credits: StockPulse

Ist der Ölpreis nun Fluch oder Segen? Es ist unbestritten, dass ein niedrigerer Ölpreis ein Segen für Konsumenten ist und ein Fluch für Erdölexporteure wie Russland, Saudi-Arabien oder Venezuela (NZZ.at). Doch wenn der Ölpreis in kurzer Zeit sehr rasch fällt, können noch einige andere Probleme auftreten. Energieunternehmen können ihre Investitionspläne gar nicht schnell genug anpassen. Kleinere Produzenten könnten in die Pleite rutschen und ihre Hochzinsanleihen nicht mehr bedienen. Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten: Ein günstiger Ölpreis ist ein Segen, doch ein Ölpreiscrash kann zu viel des Guten sein.

Ist das der Vorbote einer globalen Finanzkrise 2.0? Dafür ist es noch zu früh. Der Ölpreis kann ja aus zwei sehr unterschiedlichen Gründen fallen: 1. wegen fallender Nachfrage; 2. wegen steigenden Angebots. Angesichts des hohen Angebots ist der Ölpreis alleine noch kein guter Indikator für eine breitere Wirtschaftskrise. Was aber dafür spricht, sind auch andere fallende Rohstoffpreise, wie Kupfer. Hier dürfte die niedrigere Nachfrage aus China eine wichtige Rolle spielen. Der Grund, wieso es an den Aktienmärkten derart nach unten geht, ist tatsächlich eine „Rezession“, und zwar eine der Gewinne. Die Ertragslage vieler Unternehmen rechtfertigt derzeit steigende Kurse nicht, etwa in den USA.

Wie wird das Österreichs Wirtschaft treffen? Im Gegensatz zu den USA halten relativ wenige Menschen Aktien, und der Konsum wird von fallenden Kursen wenig beeinflusst. Doch die Exportwirtschaft könnte eine Schwäche in China zu spüren bekommen. Das könnte die rosigen Annahmen hinter den jüngsten Konjunkturprognosen Lügen strafen (NZZ.at). Denn in diesem Fall werden sich heimische Unternehmen mit Investitionen eher zurückhalten – auch wenn sie selbst nicht im Ölgeschäft tätig sind. Zwar deutet der globale Vorlaufindikator für die Industrie, der von JPMorgan errechnete Einkaufsmanagerindex, mit einem Wert von über 50 noch auf Wachstum hin, aber die Märkte waren zuletzt doch enttäuscht. Das zeigt ein Blick auf die „Überraschungsindizes“ von Citigroup. Sie zeigen, dass Konjunkturdaten aus den USA eher unter den Erwartungen von Analysten waren.

Ich empfehle in jedem Fall für einen kurzen Überblick noch die jüngste Podcast-Episode des Economist zum „Cocktail of risks“ und unseren Überblick zu der wichtigen Frage: Wann ist ein Crash eigentlich ein Crash? (NZZ.at)

Renonononono. Zu dem Ölschock ist am Donnerstag noch ein zweites Phänomen gekommen: Auto-Aktien wurden richtiggehend ausgebremst. Das liegt an Gerüchten, dass der französische Autobauer Renault nach Volkswagen in einen Abgasskandal verwickelt sein könnte (NZZ.at).

Apropos, bei Volkswagen hat die USA-Reise des Vorstandsvorsitzenden nicht die erhoffte Klarheit für den Autokonzern gebracht, denn die US-Umweltbehörden lehnen die bis dato vorgelegten Pläne aus Wolfsburg ab (NZZ.at). Mit einer zivilrechtlichen Klage gegen VW haben sie zudem die Tonalität verschärft.

Inflation, mit und ohne Star Wars. Die Europäische Zentralbank hat ein klares Ziel: stabile Preise. Das ist definiert als eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent. Aber warum eigentlich? (NZZ.at) Die optimale Inflationsrate mag willkürlich gewählt sein, aber die Teuerung ist eine ganz zentrale Größe. Schließlich verzerrt nichts unsere Sicht auf die Wirtschaftswelt so sehr wie ständig steigende Preise. Das zeigen die vermeintlichen Einspielrekorde von Star Wars genauso wie die Tatsache, dass sich viele Sparer bei sicheren Anlagen langfristig von der Inflation enteignen lassen (NZZ.at).

Was wir jetzt über die Zuwanderer wissen. Die Kompetenzchecks des Arbeitsmarktservice lassen die Wogen hochgehen. Klar ist: Die „Checks“ waren nicht repräsentativ für die angekommenen Flüchtlinge und daher, wie AMS-Vorstand Johannes Kopf betont, „keine Studie“. Sie bringen aber neue Daten in die Debatte und zeigen, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsländern sehr groß sind. Kollege Leopold Stefan hat die wichtigsten Fakten zusammengefasst (NZZ.at).

Pervers niedrige Zinsen. Österreich wird sich aufgrund des seit dem Ausbruch der Finanzkrise herrschenden Niedrigzinsumfelds für die seither begebenen Schuldpapiere vergleichsweise über 40 Milliarden Euro an Zinszahlungen ersparen, sagte Markus Stix, der Chef der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur, am Donnerstag im Klub der Wirtschaftsjournalisten. Während das für den Finanzminister gut ist, ist es für die Sparer schlecht. Die Perversion von Negativzinsen treibt zudem immer neue Blüten, wenn der Steuerzahler nicht zahlen soll und Schuldner Geld vom Gläubiger bekommen (NZZ.at).

Inspirationen – Food for Thought

Wege zu Wachstum und Beschäftigung (Agenda Austria).

Die Immobilienblase in Davos platzt, macht aber für das Weltwirtschaftsforum eine Ausnahme (Bloomberg).

Die Bawag startet mit Islamic Banking: Aufregung vorprogrammiert (Die Presse).

Offenbar haben drei Spieler den 1,5-Milliarden-Dollar-Lotto-Jackpot in den USA geknackt (NZZ).

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