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Warnung vor dem Übermut

Langsam wird es an den Märkten unbehaglich

von Christof Leisinger / 13.06.2016

Die Zentralbanken tun beinahe alles, um die Vermögenspreise hoch und die Anleger bei Laune zu halten. Fragt sich nur, wie lange das noch gutgeht.

An den Finanzmärkten steigt die Spannung. Die phänomenale Preis- und Kurserholung der vergangenen Wochen von den Turbulenzen zu Jahresbeginn hat die Nerven der meisten Anleger zwar beruhigt, aber manche auch ziemlich übermütig werden lassen. Das lässt sich daran ablesen, dass die großen US-Aktienindizes nur knapp unter ihren Rekordniveaus liegen, obwohl die konjunkturelle Entwicklung weiterhin zu wünschen übrig lässt, die Erlöse der Unternehmen im Durchschnitt kaum zunehmen und die Bewertung der Papiere sehr hoch ist. Einzelne Investoren sind zuletzt nervös geworden, nachdem die großen Notenbanken zuvor ganze Arbeit geleistet und mit gewaltigen monetären Stimulierungsmaßnahmen und extremer zinspolitischer Laxheit das Risikobewusstsein der Investoren völlig betäubt hatten.

Prominente Skeptiker

Das zeigt sich unter anderem daran, dass erfahrene und berüchtigte Investoren wie George SorosCarl Icahn oder auch Stanley Druckenmiller vor Turbulenzen warnen und sich entsprechend defensiv positioniert haben. Sie setzen auf fallende Kurse an den Aktienmärkten, haben sich vereinzelt an Goldförderern wie Barrick Gold beteiligt, und sie haben auch die Devisenmärkte im Blick. Mit der Konsequenz, dass die Stimmung in Bezug auf Dollar, Pfund, Yen, Franken oder andere Währungen schnell wechselt und dass sich die Kurse in kürzester Zeit stark bewegen können. Besonders nervös begegnen die Anleger derzeit der britischen Währung. Der „Versicherungsbedarf“ im Hinblick auf die Unwägbarkeiten des Brexit scheint so enorm zu sein, dass die Ein-Monats-Volatilität für Optionen (am Geld) zwischen dem Pfund und dem Euro von gut 8 Prozent im April auf über 22 Prozent gestiegen ist. Das heißt, der Preis hat sich in sieben Wochen fast verdreifacht.

Die Interventionitis der Notenbanken kulminierte in den vergangenen Tagen darin, dass die Europäische Zentralbank begonnen hat, Unternehmensanleihen zu erwerben. Zusammen mit kurzfristig aufgekommener Risikoaversion hat das dazu geführt, dass die Kurse einzelner Obligationen stark gestiegen und die Renditen der Staatsanleihen europäischer Kernstaaten immer tiefer gefallen sind. Längst flirtet der Zinsertrag deutscher Bundespapiere mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren mit der Null-Prozent-Marke. In der Schweiz werfen die „Eidgenossen“ mit Laufzeiten von bis zu 26 Jahren negative Renditen ab.

Weltweit sind in den vergangenen 30 Jahren Staatspapiere mit einem Nominalwert von etwa 16.000 Milliarden Franken ausgegeben worden, die den Anlegern heute unter dem Strich nichts mehr einbringen. Inzwischen scheint sich das Finanzsystem allerdings der Grenze der finanziellen Perversion zu nähern. Denn in den vergangenen Wochen sind die Prämien, die zur Absicherung gegen mögliche Kreditausfälle (CDS) bezahlt werden müssen, nicht mehr mit den Renditen an den Bondmärkten gefallen, sondern sogar leicht gestiegen. Das ist bedenklich – vor allem auch für die Aktienmärkte. Denn in der Vergangenheit haben sich die Kurse an den europäischen Börsen an der Entwicklung der CDS-Prämien orientiert. Sollten diese weiter zulegen, könnten sie zum Symbol für die Ferne der Bondmärkte von einer vernünftigen Berücksichtigung der Inflations-, Bonitäts- und sonstigen Risiken bei der Preisbestimmung werden.

Plötzlicher Ausverkauf?

Würden die latenten Sorgen über den möglichen Brexit, das Versagen monetärer Stimulierung oder über die Abwertung des Yuan prägnanter, drohen fallende Aktienkurse und steigende Renditen. Das würde im Bondbereich vor allem für Anleihen europäischer Unternehmen und bei den Börsen für die Wall Street gelten. Die Überbewertung der US-Aktien berge das Risiko eines plötzlichen Ausverkaufs, erklären etwa die Fachleute von Moody’s.