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USA im Wahlkampf

Liberal – was soll das heißen?

von Thomas Fuster / 03.03.2016

Mit Liberalismus werden auf den beiden Seiten des Atlantiks höchst unterschiedliche Inhalte assoziiert. Höchste Zeit, diese Konfusion zu beenden.

In den USA ist Wahlkampf. Und wie überall werden auch in Amerika die Kandidaten mit allerlei Begriffen etikettiert. An sprachlichen Irritationen für europäische Beobachter fehlt es dabei nicht. Was und wer in den USA beispielsweise als „liberal“ bezeichnet wird, unterscheidet sich meist fundamental von der Begriffsverwendung in Europa. Liberal steht in den USA für linksorientierte und sozialdemokratische Überzeugungen. Amerikanische Liberale wollen den Staat zwar ebenfalls aus ihrem Privatleben heraushalten und fordern Religions- und Meinungsfreiheit oder ein Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen. Auf wirtschaftlicher Ebene will man dem Staat aber eine prägende Rolle beimessen.

Laut dem deutschen Politologen Jan-Werner Müller entfernte sich der Liberalismus in den USA vor allem ab Mitte des 20. Jahrhunderts zusehends von seiner klassischen europäischen Prägung. Nicht zuletzt mit dem Ziel, dem Sozialismus zu Beginn des Kalten Krieges etwas Wind aus den Segeln zu nehmen, entwickelten die Liberalen, beseelt von viel Machbarkeitsglauben, idealistische Gesellschaftsvorstellungen. Und spätestens gegen Ende der 1960er Jahre wurde der Liberalismus in den Worten Müllers zu einem „Synonym für einen aufgeblähten, von arroganten und letztlich unverantwortlichen Ostküsten-Eliten gesteuerten Wohlfahrtsstaat“.

Der internationalen Verbreitung der liberalen Sache ist dies wenig förderlich. Wer sich als Europäer in den USA unbedacht als Liberaler outet, sieht sich rasch in eine Ecke gedrängt, in der es ihm oder ihr eher unwohl ist, etwa im Umfeld von Kommunisten oder Kollektivisten. Manch einer bezeichnet sich daher lieber als Konservativen, Progressiven, Libertären oder Liberalen im europäischen Sinn, was die Sache für Außenstehende auch nicht übersichtlicher macht. Dem Liberalismus, der Freihandel stets bejaht, scheint der Export auf die andere Seite des Atlantiks gründlich misslungen zu sein. Höchste Zeit, in den laufenden Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) auch dem hürdenfreien Austausch politischer Begrifflichkeiten ein Kapitel zu widmen.