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Flüchtlinge

Lieber arbeitslos in Wien als leben auf dem Land?

von Leopold Stefan / 01.08.2016

Am Arbeitsmarkt geht die Schere zwischen Inländern und Ausländern weiter auf. Vor allem Flüchtlinge sind von hoher Arbeitslosigkeit betroffen. Die regionalen Unterschiede zeigen, wo die Integrationspolitik ansetzen muss.

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist im Juli weiter gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr waren 0,8 Prozent mehr Menschen beim AMS als arbeitslos gemeldet oder nahmen an Schulungen teil. Das ist für heuer der niedrigste Anstieg der Arbeitslosenquote, wie AMS-Chef Johannes Kopf am Montag betont hat. Allerdings ist der Juli traditionell der Monat mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit. Der Trend ist daher weiterhin negativ.

Auffallend ist, dass sich eine Schere zwischen Inländern und Ausländern öffnet: Im Vorjahresvergleich sind 2,3 Prozent weniger Österreicher ohne Job, während die Zahl der Arbeitssuchenden aus dem Ausland um knapp zehn Prozent gestiegen ist. Vor allem Flüchtlinge sind von Arbeitslosigkeit betroffen – insgesamt stellen sie 6,6 Prozent aller Beschäftigungslosen.

Angesichts der wachsenden Zahl an Asylwerbern, die zeitversetzt nach einem positiven Aufenthaltsentscheid auf den Arbeitsmarkt kommen, dürfte sich dieser Trend bis auf Weiteres fortsetzen. Denn rund 60 Prozent der aktuell arbeitslosen Flüchtlinge kamen schon vor 2015 nach Österreich. Die vielen seit Sommer 2015 angekommenen Asylwerber haben zwar inzwischen auch keine Arbeit, scheinen aber erst in der Statistik auf, sobald sie überhaupt im vollen Umfang arbeiten dürfen und Anspruch auf Mindestsicherung haben – ihre Integration in den Arbeitsmarkt stellt die größte Herausforderung dar.

Im Westen viel Neues

Die Arbeitsmarktdaten im Juli haben aber auch ein sehr positives Signal geliefert, das mit den jüngst aufgebesserten Konjunkturprognosen zusammenpasst. Im Juli gab es um 15 Prozent mehr offene Stellen als im Vorjahr. Gleichzeitig ist die Beschäftigung gestiegen, das heißt, mehr Personen haben einen Job als noch vor einem Jahr. Allerdings gibt es starke regionale Unterschiede in Österreich.

Bei der Arbeitslosigkeit entwickelt sich zunehmend ein West-Ost-Gefälle: Während die Zahl der Menschen auf Jobsuche in Tirol und Salzburg deutlich, aber auch Kärnten und Vorarlberg leicht rückläufig ist, steigen die Arbeitslosenquoten in Wien, Oberösterreich und Niederösterreich. Gleichzeitig sind arbeitslose Flüchtlinge nicht vorwiegend dort, wo es Jobs gäbe.

Ein Quotenproblem

Geflüchtete Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, werden nach einer Quotenregelung auf die Bundesländer aufgeteilt und erhalten die Grundversorgung. Idealerweise wird diese Zeit für Deutschkurse genutzt, da Sprachkenntnisse am wichtigsten sind, um einen Arbeitsplatz zu bekommen, wie AMS-Chef Kopf in einem Interview mit dem Wirtschaftsblatt betont.

Die Verteilung der Flüchtlinge auf Österreich erfolgt nach Bevölkerungszahl. Im Juli haben vier Bundesländer mehr Flüchtlinge versorgt, als ihre Quote erfordert. In Wien waren zuletzt um 17 Prozent mehr Asylwerber in der Grundversorgung, als in der Bund-Länder-Vereinbarung vorgesehen ist. Kärnten, Tirol und Salzburg hingegen verfehlen ihre Quote jeweils um mehr als zehn Prozent. Auf tausend Einwohner kommen somit in Wien 11,3 Asylwerber, in Kärnten 8,5.

Somit leben auch anteilsmäßig mehr Asylwerber, die noch nicht in der AMS-Statistik erscheinen, ausgerechnet in jenen Regionen, wo die Arbeitslosigkeit zunimmt. Würden Asylwerber nach ihrer Anerkennung im jeweiligen Bundesland bleiben, würde allein durch die ungleiche Quotenerfüllung der Arbeitsmarkt übermäßig belastet.

Allerdings verstärkt sich das Ungleichgewicht, wenn man die Verteilung der bereits als arbeitslos registrierten Asylberechtigten ansieht.

Beliebte Ballungsräume ohne Jobs

Wiederum auf die Bevölkerung umgelegt, kommen auf eintausend Wiener neun arbeitslose Flüchtlinge – zwei Drittel aller arbeitslosen Flüchtlinge leben somit in der Bundeshauptstadt. In Niederösterreich und Oberösterreich leben jeweils rund zehn Prozent. Dort wo die Arbeitslosigkeit sinkt – Tirol, Salzburg und Kärnten – leben zusammen weniger als acht Prozent.

Damit die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt besser funktioniert, müsste bei der regionalen Aufteilung zumindest jedes Bundesland seine Quote erfüllen. Effektiver – aber politisch heikel – wäre eine Quote, die nicht rein nach der Bevölkerung, sondern auch anhand der offenen Stellen berechnet würde.

Wie die Konzentration der arbeitslosen Flüchtlinge auf Wien jedoch zeigt, reicht eine regionale Aufteilung während der Grundversorgung nicht aus, um Asylberechtigte in jenen Regionen zu halten, wo es mehr Arbeitsplätze gibt. Die Quotenregelung gibt es schließlich seit 2005.

Mit einer Residenzpflicht könnte eine Abwanderung von Asyleberechtigten in die Ballungsräume verhindert werden. Demnach müssten arbeitslose Flüchtlinge im jeweiligen Bundesland wohnen, dem sie anfangs zugewiesen wurden und Anspruch auf Sozialleistungen haben. Wer eine Stelle findet, sollte diese jedoch legal annehmen und übersiedeln dürfen.

Vor der Zuteilung auf die Bundesländer müssten die Kompetenzen der Asylwerber erfasst werden, damit die regionale Nachfrage berücksichtigt wird. Ein erfahrener Bäcker wird eher in der Gastronomie unterkommen und ein junger Handwerker eine Lehrstelle besetzen können. Eine erstes Gespräch über vorhandene Qualifikationen müsste daher bereits in den Erstaufnahmezentren stattfinden und bei der regionalen Zuteilung berücksichtigt werden.

Die Debatte steckt jedoch politisch fest. Laut APA hätte die Frage der Anwesenheitspflicht für Asylberechtigte von den Koalitionspartnern im Juni besprochen werden sollen. Bei der Präsentation des jüngsten Integrationspakets Ende des Monats war davon jedoch keine Rede mehr. Für die Bundesländer besteht trotz der Nachfrage der lokalen Unternehmen nach Arbeitsplätzen wenig Anreiz, Asylwerber im Land zu halten, da sie für die Mindestsicherung aufkommen müssen.


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