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Konsumtrends auf dem News-Markt

Lieber Computer als Journalisten

von Rainer Stadler / 16.06.2016

Die große Mehrheit der Nutzer von Online-News bevorzugt Texte statt Videos, und die computergestützte Nachrichtenauswahl ist beliebter als die redaktionelle Selektion. Das zeigt eine große Umfrage.

Wer soziale Netzwerke als Plattformen für die Verbreitung von Aktualitäten einsetzt, hat Chancen, mehr junge und weibliche Personen zu erreichen. Angehörige dieser Gruppen geben nämlich überdurchschnittlich oft an, sich über Social Media auf dem Laufenden zu halten. Das zeigt eine umfangreiche Analyse des Reuters Institute, die heute Mittwoch publiziert wird (Digital News Report).

Die jährlich durchgeführte Studie will die Trends aufzeigen, mit welchen die Informationsmedien konfrontiert sind. Sie basiert auf über 53.300 Online-Interviews, welche Anfang dieses Jahres in 26 Ländern in Europa, den USA sowie in Korea, Japan, Australien, Kanada und Brasilien durchgeführt wurden. Erstmals ist die Schweiz berücksichtigt worden. Pro Land wurden 2.000 Erwachsene befragt, wie es in einer Medienmitteilung heißt.

Soziale Netzwerke legen zu

Zum ersten Mal ist der Prozentsatz der 18- bis 24-Jährigen (28 Prozent), welche in erster Linie soziale Netzwerke für die Informationsnutzung verwenden, höher als der Anteil der Gleichaltrigen, welche dazu vor allem den Fernsehapparat einstellen (24 Prozent). Für 12 Prozent aller Befragten sind Social Media die Hauptquelle für News. Und 51 Prozent sagen, sie konsumierten jede Woche über diesen Weg Nachrichten.

Auch in dieser Umfrage sticht Facebook als wichtigste Drehscheibe für die Informationswirtschaft heraus. 44 Prozent bezeichnen diese Plattform als ihren Nachrichtenkiosk, während 19 Prozent Youtube, zehn Prozent Twitter und acht Prozent Whatsapp nennen.

Bedrohte Medienmarken

Die Informationshersteller können dank Social Media ihre Reichweite zwar steigern, doch ihre Marke droht unterzugehen. In Deutschland nehmen noch 55 Prozent der Befragten die Quelle der Informationen wahr, welche über Social Media transportiert werden; in Grossbritannien sind es 36 Prozent und in Südkorea gar bloß 23 Prozent.

Auffällig ist das Umfrageergebnis, gemäß dem bei der Selektion von Nachrichten computergesteuerte Prozesse der Handarbeit von Journalisten vorgezogen werden. 36 Prozent wollen sich auf Computer, die den persönlichen Medienkonsum auswerten, verlassen, 30 Prozent auf Journalisten und 22 Prozent auf Freunde.

Die Bereitschaft, für Online-News zu bezahlen, bleibt weiterhin bescheiden. In Norwegen sind es immerhin überdurchschnittlich hohe 27 Prozent, die sagen, im vergangenen Jahr für Online-Informationen Geld ausgegeben zu haben. In der Schweiz sind es dagegen bloß zehn Prozent, in den USA neun Prozent, in Deutschland acht Prozent und in Großbritannien sieben Prozent.

Die Präsenz starker öffentlicher Radio- und Fernsehsender habe keinen negativen Einfluss auf die Zahlungsbereitschaft, schreiben die Forscher und verweisen auf Skandinavien, wo die Bevölkerung trotz eines ausgebauten audiovisuellen Service public überdurchschnittliche Bereitschaft zeige, für Online-News zu bezahlen, während dies in den USA mit einem schwachen Service public nicht der Fall sei.

Erfolgreiche Werbeblocker

Gefährlich für die Nachrichtenindustrie ist die Beliebtheit von Hilfsmitteln zur Unterdrückung von Werbebotschaften. In Frankreich verwenden 30 Prozent solche Werbeblocker, in Deutschland 25 Prozent und in der Schweiz 20 Prozent. Deutlich höher sind diese Prozentsätze unter den jüngeren Konsumenten (18 bis 24 Jahre). In den USA, Deutschland und Großbritannien bekundete überdies ein Drittel der Befragten die Absicht, Werbeblocker auf ihrem Smartphone zu installieren.

Ernüchternd sind die Umfrageergebnisse für jene, die Videos als wirtschaftlich erfolgreiches Informationsmedium identifizierten. Das Angebot wächst schneller als die Nachfrage. In Europa sagten nur 22Prozent, sie hätten innerhalb einer Woche News-Videos konsumiert. In Dänemark sind es bloß 15 Prozent, in den Niederlanden 17 Prozent. Die Enthaltung begründen die Befragten damit, dass die Information über Texte schneller und angenehmer sei und dass die den Videos vorgeschaltete Werbung störe.