Lieber ein bisschen zu viel als zu wenig Inflation

von Martin Lanz / 05.06.2015

Die US-Wirtschaft hat im Urteil des Währungsfonds an Schwung eingebüßt. Die erste Leitzinserhöhung seit neun Jahren könne deshalb bis 2016 warten. Lieber ein bisschen zu viel als zu wenig Inflation, lautet die IWF-Devise, berichtet NZZ-Korrespondent Martin Lanz aus Washington.

Wenn es nach dem Internationalen Währungsfonds (IWF) geht, soll die US-Notenbank Fed erst in der ersten Hälfte 2016 die Leitzinsen erhöhen. In ihrer jährlichen Beurteilung der amerikanischen Volkswirtschaft, der sogenannten Artikel-IV-Konsultation, kommen die Ökonomen der Washingtoner Institution zum Schluss, dass in den USA noch zu viele Unsicherheiten über den künftigen Wirtschaftsgang bestehen.

Die Fed solle zuwarten, bis es mehr Anzeichen gebe, dass die Löhne tatsächlich steigen würden. Die Vorsitzende der Notenbank, Janet Yellen, hatte dagegen vor zwei Wochen verlauten lassen, dass sie mit einer Leitzinserhöhung noch im laufenden Jahr rechne. IWF-Chefin Christine Lagarde sagte am Donnerstag vor den Medien, die Fed und der IWF seien sich grundsätzlich einig darüber, dass sich die Geldpolitik von der Entwicklung der Daten leiten lassen müsse.

Im Urteil der IWF-Ökonomen entwickelt sich die Teuerung aber so, dass im laufenden Jahr noch keine Zinserhöhung gerechtfertigt ist. Falls die Inflation dann aber ein bisschen höher ausfalle als erwartet, sei das weniger schlimm, als wenn die Teuerung weiterhin zu schwach bleibe. Die IWF-Ökonomen prognostizieren eine Teuerung von 0,7% im laufenden und 1,5% im kommenden Jahr.

Auch vom Finanzsektor her sieht der IWF keinen Anlass für eine Zinserhöhung. Zwar gebe es eine „Jagd auf Rendite“, eine starke Zunahme der Aktiven im Nichtbankensektor und Anzeichen von Überbewertungen in gewissen Märkten. Gegenwärtig seien aber keine flächendeckenden Exzesse zu beobachten. Wegen der verlangsamten Wirtschaftsaktivität in den ersten Monaten des laufenden Jahres – bedingt durch den strengen Winter, den starken Dollar und andere Sonderfaktoren – hat der IWF auch seine Wachstumsprognose für die USA für 2015 auf 2,5% nach unten korrigiert. 2016 soll die US-Wirtschaft dann um 3% zulegen.

Lagarde äußerte sich auch zu den Verhandlungen mit Griechenland. Man warte auf die Antwort Athens auf das von den Gläubigern – Europäische Kommission, Europäische Zentralbank, IWF – vorgeschlagene Reformpaket, das – im Urteil von Lagarde – beträchtliche Flexibilität biete. Was die im Juni anstehenden Rückzahlungen Griechenlands an den IWF betreffe, so sei sie zuversichtlich. Sie bezog sich auf Äußerungen des griechischen Premierministers Tsipras, wonach man sich keine Sorgen zu machen brauche. Nur wenige Stunden später gab ein IWF-Sprecher bekannt, dass Athen von der Möglichkeit Gebrauch machen werde, die Juni-Verpflichtungen zu bündeln, um diese erst am Monatsende zu begleichen.