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Kommentar und Video

Verheerende Zwischenbilanz: Lug und Trug bei VW

Meinung / von Christoph Eisenring / 04.11.2015

Vertrauen erodiert nicht linear, sondern ist plötzlich weg. Bisher hielten die Kunden VW die Treue. Doch jetzt gibt der Konzern in Wolfsburg zu, bei Autos den Verbrauch frisiert zu haben. Und das geht an die Geldbörse und ist gerade deswegen für VW gefährlich, wie NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring meint. 


Die Zwischenbilanz im VW-Abgasskandal ist verheerend. Milliarden an Börsenwert wurden vernichtet, und das Vertrauen von Konsumenten erschüttert, wie die Zwischenbilanz in Form einer animierten Grafik aus der NZZ.at-Redaktion zeigt.


Jeder Stein werde bei Volkswagen umgedreht, hat der Konzern vor sechs Wochen versprochen. Damals hatte die amerikanische Umweltbehörde den Abgas-Skandal aufgedeckt. Und was seitdem zum Vorschein kommt, ist ziemlich dreist. So muss VW jetzt einräumen, dass die Firma bei Hunderttausenden von kleineren Fahrzeugen den Spritverbrauch und damit auch den Ausstoß von Kohlendioxid frisiert hat. Betroffen sollen etwa der Polo oder der Golf sein. Dies ist eine neue Dimension, da es bisher um die Manipulation von Stickoxidemissionen ging.

Da fragt man sich unweigerlich, was die Mitarbeiter in der Zentrale eigentlich geritten hat, zu solch unverschämten Mitteln Zuflucht zu nehmen. Spielt hier auch eine vergiftete Firmenkultur eine Rolle, in der Kadavergehorsam herrscht? Gelten Zielvorgaben als sakrosankt, selbst wenn sie sich nur mit unfairen Mitteln einhalten lassen (oder das Auto zu teuer würde, wenn man die Standards erfüllte)? Der neue Firmenchef, Matthias Müller, ist Ende September angetreten, um die Unternehmenskultur zu ändern. Immerhin ist es jetzt das erste Mal, dass VW von selbst Unregelmäßigkeiten eingeräumt hat, während der Konzern bisher stets Getriebener der Behörden gewesen war. Das ist allerdings ein schwacher Trost.

Gleichzeitig schwebt über Müller, der zuvor Porsche geleitet hatte, seit Montag ein Damoklesschwert. So behauptet die amerikanische Umweltbehörde, dass auch Abgastests bei teuren Dieselautos wie dem Porsche Cayenne manipuliert worden seien. VW hat rasch reagiert und bestreitet die Vorwürfe. Der Konzern muss sich hier schon ganz sicher sein, denn bei einem Irrtum käme er um eine neuerliche Chefsuche nicht herum.

Immer mehr zeichnet sich ab, dass die Dreistigkeit bei VW für die Branche nicht typisch ist. Die deutsche Kanzlerin hat recht, wenn sie sagt, dass „Made in Germany“ ein Gütezeichen bleibe. Das sehen auch die Anleger so: Während die VW-Aktie am Mittwoch zehn Prozent an Wert einbüßte, kamen BMW und Daimler mit leichten Einbußen davon. Erstaunlich ist dagegen, dass die Käufer VW und seinen Marken bis jetzt grosso modo die Treue halten. Selbst in den USA verkaufte VW im Oktober nicht weniger Autos als vor einem Jahr (wobei andere Hersteller allerdings kräftig zulegten).

Man kann nun darüber spekulieren, was Kunden wichtiger ist: dass ihr Auto wenig giftige Abgase produziert oder dass es komfortabel zu fahren ist. Zudem führte die Manipulation des Ausstoßes von Stickstoffoxiden dazu, dass der Verbrauch der Dieselfahrzeuge insgesamt niedriger war, als wenn die Katalysatoren voll gearbeitet hätten.

Gerade aus diesem Grund könnte die jüngste Erklärung aus Wolfsburg gefährlicher sein als die bisherigen. Vertrauen erodiert nicht linear, sondern ist plötzlich weg. Wenn VW jetzt eingesteht, dass es bei diversen Diesel- und einem Benzinmotor den Verbrauch zu tief angesetzt hat, geht das direkt ans Portemonnaie der Kunden (selbst wenn der Konzern höhere CO2-abhängige Autosteuern ausgleichen sollte). Spätestens aber, wenn es ums Geld geht, verstehen nicht nur deutsche Kunden kein Pardon.